
Wie ein Tourist stand Konrad Laimer auf dem Rasen des Stadions von San Francisco und filmte die leeren Ränge mit dem Handy. In seinen über zehn Jahren als Profi hat er in den imposantesten Arenen Europas gespielt, doch Nordamerika ist auch für ihn neu.
Da versucht er, jede Minute, jeden Eindruck aufzusaugen. Und manchmal auch zu vergleichen. „Santa Barbara war etwas kälter als erwartet, die Plätze sind ein bisschen anders als zu Hause, aber sonst ist alles so, wie wir uns das vorgestellt hatten. Es ist sehr schön, wir würden gerne noch ein wenig länger bleiben“, sagt er.
Mit Österreich ist Laimer zum ersten Mal bei einer Weltmeisterschaft, und so wie er fühlt gerade das ganze Land. Als Österreich zuletzt bei einer WM mitspielen durfte, war Laimer ein Jahr alt, und der Mittelstürmer hieß Toni Polster. Das war 1998 in Frankreich. Also, Herr Laimer, wie fühlt es sich an, Österreich nach so langer Zeit bei einer Weltmeisterschaft zu vertreten?
„Man repräsentiert sein Land, das ist etwas ganz Besonderes. Das kann man fühlen“, sagt Laimer. Viel mehr möchte er dazu nicht sagen. Laimer lässt sich nicht gerne befragen, er mag keine Pressetermine, aber die sind bei Weltmeisterschaften nun mal Pflicht. Also gut, Augen zu und durch. So saß Laimer vor einigen Tagen auf dem Pressepult und versuchte, dort möglichst schnell wieder wegzukommen.
Viel lieber als mit Worten drückt sich Laimer mit seinen Füßen aus. Auf dem Feld fühlt er sich frei, und das in einem sehr speziellen Sinn. Es ist ihm nämlich egal, wo er dort aufgestellt wird, Hauptsache, er ist dabei. Vor diesem Hintergrund ist die WM für ihn dann doch nicht mehr so besonders, im Gegenteil.
Wildes Durcheinander? Für ihn ist das normal
Bisher ist sie ein typisches Konrad-Laimer-Turnier, ein Abbild seiner Karriere. In den drei Spielen der Österreicher kam er auf drei verschiedenen Positionen zum Einsatz. Gegen Jordanien (3:1) begann er als offensiver Zehner, gegen Argentinien (0:2) spielte er Linksverteidiger, und gegen Algerien (3:3) gab er den offensiven Rechtsaußen. Was sich nach einem wilden Durcheinander anhört, ist für Laimer normal. Er kennt das ja.
Im Klub beim FC Bayern kommt er meist als Rechtsverteidiger zum Einsatz, je nach Wunsch des Trainers hilft er aber auch auf der linken Seite aus. Bei seinem vorherigen Verein RB Leipzig spielte er meist im zentralen defensiven Mittelfeld. Weil er überall dort spielen kann, wo er gebraucht wird, hat er sich beim FC Bayern entgegen anfänglicher Skepsis einen hohen Stellenwert erarbeitet. So hoch, dass sein Vertrag zu verbesserten Konditionen bis 2029 verlängert wird.
Der Weg zum neuen Arbeitspapier war zeitweise steinig, zwischendurch polterte Bayerns Ehrenpräsident Uli Hoeneß, Laimer sei kein Maradona. Sprich: kein feinfüßiger Künstler, der auf eine Erhöhung der Gage hoffen sollte. Laimer nahm’s gelassen, er kennt inzwischen seinen Wert. „Ich war da immer relativ entspannt, ehrlicherweise. Ich lese nicht so viel darüber, was geschrieben und gesagt wird, weil das bringt mir nichts. Mittlerweile gehört das irgendwo ein bisschen dazu im Fußball“, sagt er.
Vertragsverlängerung beim FC Bayern, WM-K.-o.-Runde mit Österreich: Laimer ist auf dem Höhepunkt einer Karriere angelangt, die wie am Reißbrett entworfen daherkommt. Als Zehnjähriger kam er in die Akademie in Salzburg, von dort ging es firmenintern weiter nach Leipzig. Laimer hat sich immer angepasst und weiterentwickelt. An neue Umgebungen, neue Trainer und an neue Positionen.
Seine Flexibilität ist sein besonderes Pfand
Angesprochen auf seine Vielseitigkeit, sagte Laimer der österreichischen Zeitung „Der Standard“: „Mir war es schon immer egal, wo ich genau spiele, Hauptsache, ich habe ein bisschen Zugriff auf das Spiel. Es macht gerade viel Spaß, das war mir immer wichtig. Mein Stil bringt das mit sich, auf mehreren Positionen spielen zu können. Andere Spieler sind am besten auf einer einzigen Position aufgehoben. Bei mir ist das nicht so sehr davon abhängig, meine ganzen Stärken einzubringen. Das ist eine Qualität, die hilfreich ist.“
Laimers Flexibilität ist sein besonderes Pfand. Es gibt in Europa kaum einen Spieler, der auf allerhöchstem Niveau so variabel einsetzbar ist. Er spielt immer dort, wo gerade jemand benötigt wird, oder dort, wo der Gegner besondere Stärken hat. Laimer taugt vorzüglich als „Allzweckwaffe“. Mit seinen 29 Jahren ist er immer noch schnell, taktisch hervorragend geschult und in der Lage, jeden Gegner zu verteidigen.
Was plant Trainer Rangnick?
Es wird also interessant sein, zu sehen, wo ihn Trainer Ralf Rangnick am Donnerstag im Sechzehntelfinale gegen Spanien (21 Uhr) einsetzt. Vielleicht wieder als Außenverteidiger, um Lamine Yamal in Grenzen zu halten? Mit Spielern dieser Güteklasse hat er Erfahrung, in der Champions League bekam er es zuletzt auf Außen mit den Tempodribblern von Paris Saint- Germain zu tun. Ein weiterer Pluspunkt für Laimer: Er hat alles schon einmal gemacht. Schocken kann ihn nichts.
Nun also Spanien: Nach Argentinien ist es der zweite Anwärter auf den WM-Pokal, der sich den Österreichern in den Weg stellt. „Wir haben bewiesen, dass wir gegen jeden Gegner gewinnen können“, sagt Laimer. Das mag stimmen, aber der Aussage fehlt es an Aktualität. Vor zwei Jahren, als Österreich bei der Europameisterschaft überraschend seine Vorrundengruppe vor Frankreich und den Niederlanden gewann, wirkte es tatsächlich so, als könne Österreich jedem beikommen.
Plötzlich galt die Mannschaft als Geheimfavorit, auch wegen solcher Elitefußballer wie Konrad Laimer. Dann folgte das unerwartete Ausscheiden gegen die Türkei (1:2). Ausgerechnet in Leipzig, wo Konrad Laimer so lange gespielt und Erfolge gefeiert hatte. Von diesem Schock konnte sich die Mannschaft nicht in Gänze erholen. Die Qualifikation für die WM verlief holprig, genau wie das Endturnier bisher.
Um ein Haar hätten sie die K.-o.-Runde daheim vor dem Fernseher verfolgen müssen, wäre Sasa Kalajdzic nicht in letzter Sekunde noch das 3:3 gegen Algerien gelungen. Wie ein Geheimfavorit ist Team Austria bisher nicht aufgetreten. Aber das muss kein Nachteil sein. Die Erwartungen an die Mannschaft sind nicht mehr so groß wie noch vor zwei Jahren. Unterschätzt zu werden, kann hilfreich sein. Laimer weiß, wovon die Rede ist.
