Es ist schwer, in diesen Tagen der deutschen WM-Tristesse einen TV-Experten, früheren Nationalspieler oder auch einfach nur einen Fußballfan zu finden, der nicht genau weiß, woran es bei der Nationalelf gelegen hat. Darauf, dass Julian Nagelsmann schuld ist, können sich im Grunde alle einigen. Darauf, warum er schuld ist, aber nicht. Denn eine „One-Love-Binde“ gibt es diesmal gar nicht.
Der Preis für die dümmste Erklärung schien deshalb bereits an den Rekordpreisträger Lothar Matthäus vergeben („Frauen, Familien, alles war dabei. Viele Schlagzeilen. (…) Es ist nie in den Medien erschienen, aber ich weiß, dass es ein Thema war.“) Knapp vor der „Bild“-Zeitung, die den früheren Fußballkommentator Marcel Reif auf die Frage antworten ließ, welche Rolle es gespielt hat, dass Nagelsmann und „seine Lena“ einmal gemeinsam mit dem Fahrrad zum Training gefahren sind.

Doch da kam plötzlich Bob Hanning um die Ecke. Bob Hanning? Der Handball-Hanning? Ja, genau der. Er hat schließlich, wie er das in seinem Meinungsbeitrag für die „Welt“ schreibt, das Gefühl, dass schon auch er von „den wichtigsten Sportbotschaftern unseres Landes“ etwas erwarten darf. Also darf er auch schimpfen: „FAMILIENTAGE? Während einer Fußball-WM? Geht’s noch?“ Da seien ihm „fast die Ohren abgefallen“, als er das gehört habe.
Auf die Idee, wenn die Spieler auf dem Platz etwas verbockt haben, mit dem Finger auf Frauen und Kinder auf der Tribüne zu zeigen, muss man erst mal kommen. Andererseits: Tatjana Maria, die wie so viele Tennisspielerinnen und -spieler der Vergangenheit und Gegenwart (Roger Federer, Novak Djokovic, Serena Williams …) stets mit ihrer Familie zu großen Turnieren reist, ist ja in Wimbledon auch gerade ausgeschieden.
Schluss mit „Family first“
Hanning weiß schließlich, wovon er spricht. Die Spieler der italienischen Handball-Nationalmannschaft hätten ihn als ihren Trainer „auch kürzlich nach derlei Aktivitäten gefragt“. Gab es am Ende natürlich nicht. Bob sei Dank! Und prompt habe man sich für die WM qualifiziert, bilanziert er zufrieden.
Das „Family-first-Prinzip“ ist für Hanning, den kinderlosen Geschiedenen, nun mal ein direkter Gegensatz zu Fokus und Leistungsbereitschaft. Und weil er in seinem Beitrag natürlich auch noch all die anderen Populismusklassiker bedient („Spiegelbild unserer Gesellschaft: satt, träge und selbstgerecht“, „Gucci, Gucci, Cappuccino!“, „Weltklasse sind wir vielleicht noch bei der Hotelwahl!“), sollte man auf den Mann noch in ganz anderen Bereichen hören.
Deshalb ein Vorschlag: Lasst uns allen Männern des Landes mindestens ein Jahr lang den Kontakt zu ihren Frauen, Kindern und sonstigen Liebsten verbieten. Dann ist die allgemeine Wirtschaftsflaute sicher bald Geschichte. Und Deutschland wird endlich wieder: Exportweltmeister!
