Ransford Königsdörffer betrat den Trainingsrasen als Erster; bis alle Kollegen des Neuzugangs eintrudelten, verging noch eine gute Viertelstunde. Was folgte, war die seit Urzeiten längste Einheit, die der FSV Mainz 05 zum Auftakt einer Saisonvorbereitung absolvierte. Etwas mehr als eine Dreiviertelstunde ließ Urs Fischer seine Spieler arbeiten – es könnte ein Vorgeschmack auf das Ende Juli beginnende und mit zehn Tagen ebenfalls längste Trainingslager sein, das die Rheinhessen seit Mitte der 90er-Jahre veranstalten werden.
25 Feldspieler und drei Torhüter – Robin Zentner, Lasse Rieß und der gerade mit einem Profivertrag ausgestattete bisherige U-23-Keeper Maximilian Kinzig – standen den Coaches zur Verfügung. Neben den WM-Teilnehmern, egal ob noch im Rennen oder schon ausgeschieden, die zum Trainingslager oder später einsteigen werden, fehlten lediglich die Langzeitverletzten Benedict Hollerbach und Silas.
„Ich könnte eigentlich schon richtig loslegen“
„Ich könnte eigentlich schon richtig loslegen“, sagte Fischer angesichts der Rückmeldungen der Athletiktrainer und der medizinischen Abteilung nach den in den vergangenen Tagen erfolgten Leistungstests. „Die Spieler haben tolle Werte erzielt.“ Doch um den zuletzt verliehenen Rückkehrern, den neuen Akteuren und den jungen Kickern aus dem Regionalligakader die Eingewöhnung zu erleichtern, müsse er zu Beginn „ein bisschen mehr erzählen“.
Fischer hat seinen Sommerurlaub unter anderem beim Biken mit seiner Frau verbracht und beim Fliegenfischen das eine oder andere Prachtexemplar an der Angel gehabt. Mit den Fischen, die in der Zwischenzeit Sportdirektor Niko Bungert und Sportvorstand Christian Heidel an Land gezogen haben, zeigt er sich hochzufrieden. Als da wären: der vom HSV geholte Königsdörffer für den Angriff, Eric Martel vom 1. FC Köln fürs defensive Mittelfeld, Innenverteidiger Fabio Gruber (1. FC Nürnberg) und der erst 16-jährige Ivorer Alynho Haidara von der Academie Mayence 05 de Jacqueville des ehemaligen Mainzer Torjägers Aristide Bancé. Hinzu kommt der bereits im Winter verpflichtete, aber erst jetzt an den Bruchweg gekommene finnische Mittelfeldspieler Otto Ruoppi.

„Mal schauen, was noch passiert“, sagt der Trainer, hofft auf einen Verbleib des ausgeliehenen Stefan Posch und rechnet nach der WM mit einer Art Dominoeffekt quer durch die europäischen Ligen. „Es wird einen ersten Transfer geben, und dann beginnt’s.“
Die Mainzer könnten unter anderem in Person des defensiven Mittelfeldspielers Kaishu Sano involviert sein. Ob bereits Interessenten für den Japaner angeklopft haben? „Das werden wir jetzt nicht tagtäglich kommentieren“, sagt Niko Bungert. „Aber ein Spieler, der seit zwei Jahren so tolle Leistungen in der Bundesliga bringt und bei der Weltmeisterschaft unterstrichen hat, dass er einer der Besten auf seiner Position ist, der ist zweifelsfrei gefragt.“
Sollte Sano die Mainzer verlassen, dann mit hoher Wahrscheinlichkeit nach England, „in die Liga, in die herausragend gute Spieler meist wechseln“, wie Bungert sagt. Finanziell wäre das für die 05er allemal lukrativer als ein Transfer innerhalb der Bundesliga; ihr Rekordverkauf würde es ohnehin. Wobei der Sportdirektor nicht ausschließen will, Sano, dessen Vertrag bis Sommer 2028 läuft, gar nicht abzugeben. „Wir haben überhaupt keinen Druck. Wenn mal ein Verein mit einem Angebot kommt, werden wir uns damit auseinandersetzen. Und wenn es aus unserer Sicht nicht hoch genug ausfällt, ist auch denkbar, dass er noch eine Saison bleibt.“
Apropos Weltmeisterschaft: Deutschland-Bezwinger Paraguay hat Urs Fischer in puncto Leidenschaft begeistert und dient ihm als Blaupause für seine Elf. „Diese Einstellung muss man mitnehmen, so gemeinsam und solidarisch gegen den Ball zu arbeiten. Und wenn man sieht, wie die Franzosen füreinander da sind, wenn die Stars sich nicht zu schade sind, auch Drecksarbeit zu leisten. Jetzt beginnt der Mbappé auch noch zu laufen …“
