Jordan Pickford schaute verunsichert. Von überall her liefen Leute an ihm vorbei, so als stünde er an einer überfüllten U-Bahn-Haltestelle. Die aufgeregten Passanten trugen alle rosa Leibchen, es handelte sich um die Ersatzspieler der Demokratischen Republik Kongo, die da durch seinen Strafraum rannten. Die Szene stammte aus der siebten Minute und wer in etwa ein Gefühl dafür bekommen möchte, welche Emotionen der Führungstreffer von Brian Cipenga gegen England auslöste, der muss sich nur einmal anschauen, wie alle Spieler quer über das Feld zum Torschützen liefen.
Mit Begeisterung, Leidenschaft, Willen und Glück, also vielem, was der deutschen Mannschaft fehlte, verteidigten die Kongolesen lange die Führung. Irgendwann aber mussten sie sich dem englischen Dauerdruck beugen. Zwei späte Tore von Harry Kane (75. Minute und 86. Minute) sorgten für den letztlich verdienten Einzug der Engländer ins Achtelfinale der Fußball-Weltmeisterschaft an diesem Mittwoch.
„Es war ein verrücktes Spiel. Der Torwart hat einige unglaubliche Bälle gehalten. Aber man muss einfach immer weiter machen und auf seine Momente warten“, sagte Kane kurz nach den Feierlichkeiten mit den Fans. „Man muss geduldig bleiben. Hier in der K.-o.-Phase muss man einfach durchhalten. Aber wir sollten das jetzt auch genießen. Hoffentlich können wir so weiter machen.“
Kane fordert Elfmeter
Gesucht wurde in Atlanta der nächste Gegner von Ko-Gastgeber Mexiko. England galt als Vorrunden-Gruppensieger als klarer Favorit, aber die Demokratische Republik hatte vor allem beim 1:1 gegen Portugal gezeigt, dass sie ein sehr unangenehmer Gegner sein kann. Erst recht, wenn sie früh in Führung geht: Bei einem langen Diagonalball verschätzte sich der englische Verteidiger Spence, sodass Cipenga plötzlich frei stand. Sein flacher Schuss ins kurze Eck war für Englands Torwart Pickford unhaltbar.

Nachdem der große Jubel abgeebbt war, nahmen beide Mannschaften ihre erwarteten Rollen ein. England versuchte, bei viel Ballbesitz Löcher in der kongolesischen Deckung zu finden und die Afrikaner verteidigten, was im Bereich des Möglichen lag. Immer wieder brachten sie noch einen Fuß vor den Schuss oder grätschten in einen Pass der Engländer. Ihre Gegenspieler attackierten sie meist im Verbund, mindestens zu zweit, was viel Laufarbeit erforderte. Das schien aber keinen der Spieler in den himmelblauen Trikots zu stören. Leidenschaftlich bearbeiteten sie jeden Zentimeter Rasen, der sich vor ihnen auftat.
England brauchte zunächst ein paar Minuten, um sich von dem Schreck zu erholen, dann aber begann die Dauerbelagerung des gegnerischen Strafraums. Konsa und Bellingham per Kopf hätten den Ausgleich erzielen können. Kurz darauf rettete Wan-Bissaka einen Versuch seines ehemaligen Mitspielers Rashford auf der Linie. Die Luft für die Kongolesen wurde immer dünner und doch wären sie es beinahe gewesen, die das zweite Tor an diesem Tag geschossen hätten. Eine Eingabe von Wan-Bissaka drückte Wissa nur an den Pfosten und nicht ins Tor.

Ein mögliches 0:2 hätte England vor noch größere Probleme gestellt, so aber blieb die Mannschaft von Trainer Thomas Tuchel im Spiel. England attackierte immer wieder den Strafraum auf verschiedenste Art. Mal durch Flanken, mal durch Pässe in die Tiefe. Einen erlief Kane und kam nach einem leichten Kontakt mit Torwart Mpasi zu Fall. Dem Schiedsrichter war der wohl durchaus auch gewollte Fall aber zu wenig, er verzichtete auf einen Elfmeterpfiff.
England musste sich also mehr einfallen lassen, zumal Torwart Mpasi einen überragenden Tag erwischt hatte. Immer wieder brachte er seine Gliedmaßen an den Ball. Mal war es eine Hand, mal ein Fuß. Rashfords Schuss ging ans Außennetz, dann musste Mpasi eine Flanke von Bellingham entschärfen. Das Duell Mpasi gegen England ging regelmäßig an den Torhüter der Demokratischen Republik Kongo, aber es war auch klar, dass er nicht jeden Ball würde halten können. Mpasi brauchte Entlastung und bekam sie zumindest zeitweise auf der Gegenseite durch Mbuku. Dessen Schuss verfehlte nur knapp das Ziel.

Langsam begannen die ersten englischen Fans, aufgeregt an ihren Nägeln zu kauen. Sollte der Titelfavorit als nächste große Nation an einem Außenseiter scheitern, wie zuvor Deutschland und die Niederlande?
Anders als diese beiden verfügt England aber über einen Stürmer von absolutem Weltklasseformat, der die Angelegenheiten regelt, wenn es wirklich brenzlig wird. Bühne frei für Harry Kane: Zuerst sorgte der Kapitän per Kopf für den Ausgleich, dann gab er wenige Minuten vor dem Ende ein Musterbeispiel an Entschlossenheit ab. Einen Pass von Gordon nahm er so entschlossen mit, wie es nur jemand macht, der keinerlei Lust auf eine Verlängerung verspürt.
Mit zwei, drei schnellen Schritten schüttelte er seine Bewacher ab und drosch den Ball förmlich ins Tor. Bei diesem Gewaltausbruch konnte selbst Torhüter Mpasi nur hinterherschauen. Und plötzlich war er es, der das Gleiche über sich ergehen lassen musste wie eingangs sein Gegenüber Pickford. Plötzlich liefen alle englischen Ersatzspieler in seine Richtung. Dahin, wo Harry Kane sein Tor und den Einzug ins Achtelfinale bejubelte.
