Der Platz vor der Universidad Central de Venezuela (UCV) in Caracas ähnelt einem großen Ameisenhaufen. Über Tausend freiwillige Helfer, größtenteils Studenten, eilen mit Säcken, Kisten und Flaschen umher. Menschen stehen in Warteschlangen, um etwas für die Opfer der Erdbebenkatastrophe zu spenden.
Eine Woche ist vergangen seit dem schweren Beben, das Ausmaß der Tragödie wird immer deutlicher. Täglich steigen die Opferzahlen. Tausende sind obdachlos und haben alles verloren.
Freiwillige Helfer waren die Ersten, die verschüttete Opfer in den ersten Tagen nach dem Beben bargen. Sie waren die Ersten, die mit Wasser und Lebensmitteln in die am stärksten betroffenen Küstengebiete gelangten. Und auch eine Woche nach dem Beben wäre Venezuela ohne die Initiative der venezolanischen Zivilgesellschaft längst in eine humanitäre Krise geschlittert. Nicht nur vor der UCV werden Spenden gesammelt. An unzähligen Orten in Caracas und im ganzen Land geben die Leute ein bisschen von dem, was sie eigentlich selber gut gebrauchen könnten, um denen zu helfen, die gar nichts mehr haben.

Die Studenten und Dozenten der UCV und anderer Universitäten organisieren den gesamten Prozess, von der Annahme und Überprüfung der Hilfsgüter bis zur Verpackung und Weiterleitung. Er sei seit Tag eins hier, sagt José Castillo, der hinter einer Schranke steht, wo Kartonschachteln mit medizinischem Material sortiert werden. Der Student berichtet von Hilfsgütern, die aus weit entfernten Bundesstaaten eintreffen. Castillo erzählt bewegt von einer Kiste aus dem fernen Bundesstaat Monagas, in der auch eine Nachricht steckte, welche die Freiwilligen in ihrer Arbeit bestärkte und ihnen für ihr Engagement dankte. Auch ganz einfache Bürger bringen, was sie entbehren können, und kommen mit einer Packung Windeln oder einer Schachtel Handschuhen aus der Apotheke.
Die Fähigkeit der Venezolander, sich selbst zu helfen

Castillo betont, dass diese Hilfsbereitschaft tief in der Kultur der Venezolaner verwurzelt sei und über politische oder religiöse Grenzen hinausgehe. „Das ist das Wesen der Venezolaner, so sind wir“, sagt er. Niemand komme hierhin, um ein Selfie zu machen und sich selbst in den Mittelpunkt zu stellen oder Propaganda zu betreiben. „Sie geben das Bündel ab und gehen wieder.“ Die Venezolaner verfügen zudem nach Jahren des staatlichen Zerfalls und der Misswirtschaft auch über eine ausgesprochene Fähigkeit, sich zu mobilisieren und sich selbst zu helfen.
Dass die Leute ihre Spenden zur Universität bringen und nicht staatlichen Spendenzentren überlassen, zeige, wie tief das Misstrauen in die Regierung sei, sagt Miguel Ángel Suárez, einer der führenden Köpfe der Studentenbewegung, im Gespräch. „Niemand vertraut darauf, dass staatliche Institutionen die aktuelle Situation effektiv lindern können.“ In normalen Ländern verfüge die Armee über die notwendigen Reserven für solche Krisen. In Venezuela komme sie bei den Studenten vorbei und bitte um Hilfe, sagt Suárez. Der Studentenführer schildert einen Besuch von Armeeangehörigen bei dem Spendenzentrum vor der UCV am Wochenende. „Es war eine fast schon paradoxe Situation, als Soldaten um Lebensmittel und Material baten, weil der Staat sie nicht ausreichend ausgestattet hatte.“

Nach dem Erdbeben wird der Regierung vorgeworfen, nicht auf die Katastrophe vorbereitet gewesen zu sein. Der Student Suárez kritisiert, dass es an Wartung, Ausrüstung und Katastrophenschutz mangele. Feuerwehrleute und Zivilschützer würden in Venezuela praktisch als Freiwillige arbeiten, da sie „Elendslöhne“ bekämen, sagt er und schildert, dass die Feuerwehr in Caracas am Tag des Bebens von den Studenten verpflegt worden sei. Die Regierung sei nicht schuld am Erdbeben, „doch sie ist schuld daran, nicht die Maschinen gehabt zu haben, um rechtzeitig nach La Guaira zu gelangen, um die verschütteten Menschen zu retten.“ Diese mangelnde Vorsorge ist für viele Venezolaner ein Beweis für die seit Jahrzehnten andauernde Vernachlässigung öffentlicher Dienste.
Private Hilfslieferungen beschlagnahmt
Nach einer anfänglichen Schockstarre versucht die Regierung, die Kontrolle über die humanitäre Hilfe und auch über die Kommunikation zu übernehmen und nicht ihren Kritikern zu überlassen. Sicherheitskräfte und Behörden haben in den vergangenen Tagen gezielt versucht, private Sammelstellen aufzulösen, indem sie behaupten, Spenden dürften ausschließlich über offizielle Regierungskanäle abgewickelt werden. Berichten zufolge wurde Helfern sogar untersagt, ihre Sammelstellen als „Spendenzentrum“ zu bezeichnen, da die Regierung diesen Begriff für sich beansprucht. Auch gibt es Berichte über die Beschlagnahme von privaten Hilfsgütern, die dann anschließend mit Logos der Regierung überklebt werden. Kritiker sehen dahinter einen Versuch der Regierung, die Katastrophe zur eigenen Legitimation zu nutzen.
Das Katastrophengebiet an der Küste im besonders stark betroffenen Bundesstaat La Guaira gleicht unterdessen einer militärischen Sperrzone. Private Hilfslieferungen werden unterbunden. Dringend für die Räumungsarbeiten benötigte Maschinen seien abgewiesen worden, berichten zwei Unternehmer. Sie sind mit Baggern aus einem anderen Bundesstaat angereist und sitzen nun in Caracas. Auch Journalisten, die am Wochenende noch mit Bussen der Regierung an die Küste gebracht wurden, wird seit Montag der Zugang verwehrt. Die Regierung führt sanitäre Gründe an. Zudem müssten die Verkehrswege freigehalten werden.
Viele Venezolaner glauben, dass so das Ausmaß der Katastrophe unsichtbar gemacht werden soll. Nach den letzten Meldungen von Opfern, die von ausländischen Bergungsteams geborgen werden konnten, kommt nun der düstere Teil der Bergungsarbeiten. Es ist zu befürchten, dass Leichen von Zehntausenden, die noch vermisst werden, unter den Trümmern liegen. Fachleute sehen in der strengen Kontrolle der Hilfslieferungen und der Informationsflüsse ein bekanntes Muster autoritärer Regime, bei dem der Staat versucht, durch das Management einer Krise von internen Mängeln abzulenken.
Vorbehalte gegenüber der Rückkehr der Oppositionsführerin
Eine Woche nach dem Erdbeben zeichnet sich ab, dass die Bewältigung der Katastrophe zum Schauplatz politischer Auseinandersetzungen wird. Denn nicht nur die Regierung versucht, die Notlage für ihre Zwecke zu instrumentalisieren. Oppositionsführerin María Corina Machado, deren politische Bewegung ebenfalls zu den aktiven Spendensammlern gehört, nutzt die mediale Aufmerksamkeit, um auf die Unzulänglichkeiten der Regierung hinzuweisen und so den Druck für einen politischen Wandel zu erhöhen. In einem Video kündigte Machado, die sich derzeit in Panama befinden soll, ihre baldige Rückkehr nach Venezuela an und warf der Regierung vor, ihre Einreise mit einem Privatflugzeug verhindert zu haben.
Nicht nur die Regierung in Caracas hat etwas gegen Machados Rückkehr nach Venezuela. Auch in Washington werde ein solcher Schritt zum derzeitigen Zeitpunkt mit großer Skepsis betrachtet, wie die „New York Times“ unter Berufung auf Quellen aus dem Weißen Haus berichtet. Machados Bemühungen würden demnach als politisch motivierte Inszenierung wahrgenommen, die von der eigentlichen Katastrophenhilfe ablenkten. Washingtons Ziel ist eine Stabilisierung des Landes. Sie kooperiert mit der aktuellen Übergangsregierung unter Präsidentin Delcy Rodríguez, um die medizinische Versorgung und die Rettungsarbeiten zu gewährleisten. Eine Rückkehr Machados in dieser instabilen Phase könnte die ohnehin prekäre Lage in Venezuela noch komplizierter machen.
Die Machado nahestehende Oppositionspolitikerin Delsa Solórzano betont im Gespräch mit der F.A.Z. indes, dass Machado das unantastbare Recht habe, in ihr Land zurückzukehren. „Warum darf eine Venezolanerin nicht in ihrem Land sein in dieser Situation?“ Hier in Venezuela entscheide die Regierung darüber, wer willkommen sei und wer nicht, wer Staatsbürger sei und wer nicht. „Das ist nichts weiter als politische Verfolgung“, sagt Solózano.
„Es gibt keinen Staat“
Obwohl Washington die Einreise Machados nicht unterstützt, spricht Solórzano von einer tiefen Dankbarkeit gegenüber den Vereinigten Staaten und ist überzeugt, dass die Festnahme von Staatschef Nicolás Maduro am 3. Januar nicht nur ihr persönlich die Freiheit ermöglicht, sondern auch den Weg für die Freilassung von fast 900 politischen Gefangenen geebnet habe. „Der demokratische Übergangsplan der USA muss fortgesetzt werden“, sagt sie und warnt eindringlich davor, humanitäre Hilfe ohne strikte internationale Aufsicht der Geberländer zu leisten, da diese sonst unweigerlich in den korrupten Strukturen des Regimes verloren gingen.

Solórzano selbst ist von der Katastrophe unmittelbar betroffen. Ihre Wohnung in Caracas wurde zerstört, da das gesamte Gewicht des Gebäudes auf ihrer Wohnung im ersten Stock lastete. Sie sei innerhalb von Sekunden in die Obdachlosigkeit abgestürzt. Und das in einem Land ohne funktionierende Kreditvergabe oder Versicherungen. Für Solórzano hat das Erdbeben die „27 Jahre der Vernachlässigung“ schonungslos offenbart. „Es gibt keinen Staat“, sagt sie. Der Weg aus dieser Misere könnte nur über eine echte Demokratisierung und den Wiederaufbau solider Institutionen führen. „Ein System, das Hilfe als Kontrollinstrument nutzt, kann keine Lösung sein.“
Diese Einschätzung teilt auch der Studentenführer Suárez. Eine wirkliche Erholung des Landes sei untrennbar mit der Frage der Legitimität und der Rückkehr zur Rechtsstaatlichkeit verbunden. Das Regime habe nicht die finanzielle Kapazität, um allen Betroffenen zu helfen, sagt er. „Eine Regierung, die nicht durch den Willen des Volkes legitimiert ist, kann die gewaltige Aufgabe dieses Wiederaufbaus niemals bewältigen, da ihr das Vertrauen der Welt und der eigenen Bürger fehlt.“
