Wimbledon schreibt die sagenhaftesten Geschichten. Zum Beispiel jene mit griechischem Ursprung: Stefanos Tsitsipas, der sich einst auf dem Weg zum Tennisolymp wähnte, dabei womöglich die Götter zu sehr herausforderte und abstürzte, zeigt sich wieder einigermaßen glücklich. Was nachvollziehbar ist, nachdem er beim Traditionsturnier mühelos die erste Runde überstanden hat.
Was aber zugleich verblüfft angesichts der für alle Welt vernehmbaren Begleitgeräusche kurz vor dem Auftaktmatch: Ärger mit seiner früheren Partnerin. Trennung vom Vater als Trainer. Und in der Weltrangliste so weit unten wie zuletzt vor acht Jahren, als der heute Siebenundzwanzigjährige noch ein emporstrebender Jungprofi war und Platz 87 als ordentlicher Karrierezwischenschritt durchgehen konnte.
Kabale und Liebe
Während seines Erstrundensieges mit 6:1, 6:4, 6:2 gegen den Franzosen Hugo Gaston habe er sich an früher erinnert, sagte Tsitsipas. Wie er als Junior voller Überzeugung in Wimbledon antrat, seine Liebe zum Rasen entdeckte und sein Leistungsvermögen abrief. In den gewählten Worten des Griechen hörte es sich so an: „Ich habe versucht, mich auf einige meiner Stärken und auf Denk- und Handlungsweisen von früher zu besinnen und sie im heutigen Spiel strukturiert und diszipliniert einzusetzen.“ Klingt so, als ob sich Tsitsipas für sein Zweitrundenspiel gegen den Grand-Slam-Rekordchampion Novak Djokovic gerüstet fühlt. Trotz aller Unruhe um ihn herum.

Vor mehr als 2000 Jahren schrieben die alten Griechen großartige Dramen, bei denen die Zuschauer schauerliche Gefühle durchleben sollten, bis sie davon „gereinigt“ waren. Was dagegen der junge Grieche Tsitsipas seit Jahren produziert, ist die größte Seifenoper im Tenniszirkus. Mit seiner spanischen Profikollegin Paula Badosa verbinden ihn seit 2023 Kabale und Liebe, wobei Letztere seit rund einem Jahr in innige Abneigung umgeschlagen ist.
Warten auf den Grand-Slam-Sieg
Die Trennung verarbeitet Badosa seit einiger Zeit öffentlich, spricht von „toxischen Dingen“ und „Verletzungen“ und geht Tsitsipas aus dem Weg. Eines haben die beiden früheren Top-Ten-Profis noch gemeinsam: Sie werden von den Grand-Slam-Veranstaltern nicht mehr in die Stadien geschickt, sondern auf die Nebenplätze.
Vor allem Tsitsipas ist Besseres gewohnt: Zweimal stand er in einem Grand-Slam-Finale, jeweils gegen Djokovic: 2021 bei den French Open verspielte der Grieche eine 2:0-Satzführung, 2023 bei den Australian Open war er chancenlos. Das hielt den damaligen Weltranglistendritten nicht davon ab, sich als griechisches Orakel zu gerieren und zu prophezeien, dass er mit Alexander Zverev und Daniil Medwedew die Altchampions ablösen werde. Der Deutsche und der Russe haben inzwischen jeweils einen Major-Titel.
Künstler außerhalb des Tenniscourts
Dass Tsitsipas aufstieg wie Phönix und sich zuletzt plagte wie Sisyphos mit dem Stein, hatte nicht nur mit seinen stürmischen On-Off-Beziehungen mit Badosa und seinem Trainervater Apostolos zu tun. Den Profi behinderten auch Verletzungen, die er sich früher niemals ausgemalt hatte.
Der Herr Papa war beim x-ten Aufrappeln nun keine Hilfe mehr. Diesmal sei die Trennung endgültig, ließ der Sohnemann verlauten: Je älter er werde, desto schwerer falle ihm der Umgang mit seinem Vater als Coach. Tsitsipas deutete an, dass es unterschiedliche Auffassungen über seine bestmögliche Spielweise gegeben hat. Er selbst wolle zugleich offensiv und clever spielen. Dabei scheint er einem ganzheitlichen Ansatz zu folgen: „Ich strebe ständig nach Veränderung und Verbesserung in meinem Spiel. Doch ich habe manchmal das Gefühl, dass bestimmte Aspekte davon einfach nicht zu meiner Persönlichkeit passen – obwohl meine Trainer oder die Menschen um mich herum wollen, dass ich diesen anderen Weg einschlage.“
Auf welchen Nebenwegen er sonst unterwegs ist, zeigte Tsitsipas vor zwei Wochen auf der Kunstmesse Photo Basel. Dort stellte er ansehnliche Fotografien aus, die er in New York und Namibia gemacht und unter dem Künstlernamen „Stiopkyn“ veröffentlicht hat. Djokovic ist ein Fan der Fotos des Kollegen und kommenden Gegners, der mit seiner Lockenmähne aussieht wie ein Surfer und Sinnsprüche von zweifelhafter Tiefe twittert wie ein Hobbyphilosoph. Mit seinen künstlerischen Ambitionen ist der Grieche eine Ausnahmeerscheinung auf der Tennistour – wie mit seiner einhändigen Rückhand. Dieses Kuddelmuddel aus sportlicher Begabung, Kunstwollen und Knatsch bietet Stoff für ein zeitgenössisches griechisches Drama.
