Nach Einschätzung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) steht das angeschlagene venezolanische Gesundheitssystem nach den starken Erdbeben vor einer Überlastung. Vertriebene seien zunehmend anfällig für Krankheiten wie Masern, Denguefieber, Gelbfieber und Malaria, teilte WHO-Sprecher Christian Lindmeier in Genf mit.
Das von fehlenden Investitionen und einer jahrelangen Wirtschaftskrise geplagte Gesundheitssystem Venezuelas stehe »unter extremem Druck«, sagte Lindmeier. Nach Angaben der venezolanischen Regierung haben die Erdbeben landesweit 38 Krankenhäuser beschädigt oder anderweitig beeinträchtigt. Laut WHO sind drei nicht mehr in Betrieb.
Experten sind besorgt, dass das tagelange Schlafen im Freien oder in überfüllten, unhygienischen Schutzunterkünften Auswirkungen auf die Gesundheit der Erdbebenopfer haben könnte. Nach venezolanischen Behördenangaben sind mehr als 15.800 Menschen von den Erdbeben betroffen.
Immer weniger Menschen können noch gerettet werden
Nach Angaben der Regierung vom Dienstag ist die Zahl der Toten bei den Erdbeben auf mehr als 1.900 gestiegen. 5.000 weitere Menschen seien verletzt worden. Experten gehen davon aus, dass die Zahl der Toten und Verletzten deutlich höher liegt. Viele Menschen werden noch vermisst.
Die offizielle Zahl der aus den Trümmern geretteten Menschen ging in den vergangenen drei Tagen stark zurück: von 5.380 Menschen, die in den ersten beiden Tagen nach den Erdbeben gefunden wurden, auf lediglich vier am Montag. Am Dienstag wurde bis zum Nachmittag nur ein Überlebender gerettet. Das Kleinkind war sechs Tage lang unter einem eingestürzten Gebäude eingeschlossen, wie der Präsident der Nationalversammlung, Jorge Rodríguez, mitteilte.
Großer Hilfseinsatz des US-Militärs
Das US-Militär ist mit einem großen Hilfsaufgebot in und um Venezuela im Einsatz. Mehr als 900 Einsatzkräfte seien im Land und weitere rund 800 auf Stützpunkten in Puerto Rico und Curaçao, sagte der Befehlshaber des US-Südkommandos, General Francis Donovan. Die US-Streitkräfte hätten sich an Such- und Rettungsaktionen beteiligt, bei der Wiederinbetriebnahme des Flughafens geholfen und Luft- und Seetransporte für humanitäre Hilfe mobilisiert. Zudem würden Drohnen eingesetzt, um den venezolanischen Behörden ein besseres Lagebild zu verschaffen.
Der Einsatz markiert eine Wende in den Beziehungen zwischen den beiden Ländern. Noch am 3. Januar hatte das US-Militär eine Razzia ausgeführt, um den venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro zu ergreifen und ihn für einen Prozess wegen Drogenhandels nach New York zu bringen. Der General lehnte es ab, Angaben über Dauer des Einsatzes zu machen. Es gebe jedoch keine Pläne für einen dauerhaften Einsatz der entsandten Truppen. »Wir gehen, wenn wir fertig sind«, sagte er. Donovan äußerte jedoch die Hoffnung, dass der Einsatz die Tür für engere militärische Beziehungen zu Venezuela öffnen könnte.
Venezuela war am vergangenen Mittwoch von zwei Erdbeben der Stärke 7,2 und 7,5 erschüttert worden.
