
Der runde Geburtstag ist zwar schon ein paar Jahre her, aber deswegen muss die bislang ausgebliebene Midlife-Crisis ja nicht gänzlich ausfallen. Ein Instagram-Post hatte da vor Kurzem ein paar schöne Ideen, jenseits von Klassikern wie dem ersten Motorrad oder dem ersten Marathon: ein Panik-Baby zeugen, die Beziehung öffnen, sich ADHS diagnostizieren lassen, Anabolika nehmen. Das alles ist Ansporn. Zum Glück findet das Chaos, das längst auf dem Plan hätte stehen sollen, im Leben jederzeit seinen Platz. Die Welt zeigt es. Krise geht immer.
Ich könnte Teile meiner Wohnung abreißen, um einen Ballsaal zu errichten. Wer braucht schon Bücherregale? Oder das Vogelbad im Garten innen blau streichen, flaggenblau, um die Algen, die das dunkle Tümpelchen anschließend in der Sommersonne erfüllen, mit Keschern, Chemikalien und Wachpersonal aus dem Wasser zu vertreiben. Spannend wäre auch, einen harten Konflikt mit den Nachbarn vom Zaun zu brechen, denen ich anschließend Zugeständnisse zum gemeinsam genutzten Wegerecht mache, die weit über die bis dahin geltende Rechtslage hinausgehen.
Wo ich schon mal dabei bin, könnte ich die Ukraine angreifen und es Jahre später mit Drohnen auf meine Hauptstädte heimgezahlt bekommen. Oder, falls ich es friedlicher mag, nach Berlin ziehen wie der Fischer-Verlag. Der ist zwar schon satte 140, sitzt aber erst seit rund 80 Jahren in Frankfurt, das ist auch eine Art Lebensmitte. Da müssen die nächsten acht bis 14 Jahrzehnte schöner und toller werden. Am besten anderswo.
Ich könnte deshalb von einem Tag auf den anderen aufstehen, wie Tolstoi, und auf Wanderschaft gehen, ohne Familie und alte Bindungen, dafür mit einem Blechschüsselchen für das erbettelte Essen in der Hand, den Kopf voller buddhistisch-hinduistischer Weisheiten, bis ich mich in einem kleinen ländlichen Bahnhof auf das Totenbett lege wie einst der Schriftsteller. „Geh, darb, stirb“, wie Elizabeth Gilbert nicht geschrieben hat. So viel Freiheit war selten.
Vielleicht ist Alterprobtes doch besser: Jemanden daten, der halb so alt ist wie man selbst. Mit dem Trinken aufhören oder mit dem Kreatin beginnen, auf jeden Fall aber nicht aufhören können, darüber zu reden. Eins ist klar: Das mit der Krise wird nie was, wenn man schon beim Nachdenken darüber die Krise kriegt, welche Krise man kriegen soll. Also los.
