
Der erste größere Auftritt von Milan Nedeljković als Vorstandschef von BMW ist nach zwölf Minuten wieder vorbei. Nedeljković ist am Dienstag nach Spartanburg im US-Bundesstaat South Carolina gekommen, wo der Münchener Autohersteller sein größtes Werk auf der Welt betreibt. Er ist hier, um die fünfte Generation des SUV X5 vorzustellen, eines der wichtigsten Modelle von BMW auf dem amerikanischen Markt, das von dem Werk aus in die ganze Welt exportiert wird. Die mächtigsten Politiker des Bundesstaats sind vor Ort. Gouverneur Henry McMaster sagt: „Dies ist ein großer Tag.“ In South Carolina habe sich „alles“ geändert, seit BMW hier sei. Der Senator Lindsey Graham sagte mit Blick auf BMW, dies sei „eine der besten Partnerschaften in der Geschichte von South Carolina“.
Nach den Politikern kommt Nedeljković auf die Bühne. „Wir feiern heute den nächsten Meilenstein,“ jubelt er. Der X5 sei eine „Legende“, die BMW jetzt „auf ein ganz neues Level“ bringe. Das Werk in Spartanburg beschreibt er als „Gravitationszentrum“ im Konzern. Am Ende seiner kurzen Rede singt ein Chor den Starship-Klassiker „We Built this City“, und er wippt ein bisschen im Takt mit. Fragen der versammelten Presse stellt er sich nicht. „Geben Sie mir noch ein bisschen Zeit“, sagt er auf Nachfrage, und bittet mit Verweis darauf, dass er noch nicht lange im Amt sei, um Verständnis: „Wir holen das nach.“
Beschleunigte „Struktur- und Effizienzmaßnahmen“
Zu sagen gäbe es gewiss viel, denn sein Start als Vorstandschef war turbulent. Mitte Mai übernahm er die Führung von BMW, und nur vier Wochen später schockierte der Autohersteller die Finanzmärkte mit einer drastischen Korrektur seiner Prognosen. Für dieses Jahr werden nun rückläufige Verkaufszahlen und ein erhebliches Minus beim Vorsteuergewinn erwartet. BMW kündigte außerdem vage an, „Struktur- und Effizienzmaßnahmen“ zu beschleunigen. Die bei anderen deutschen Autokonzernen wie VW und Mercedes-Benz schon länger herrschende Krisenstimmung hat somit auch BMW erfasst. Und es gibt reichlich Klärungsbedarf, was nun auf die Mitarbeiter zukommen könnte. All das wird aber am Dienstag weitgehend ausgeblendet.
Öffentliche Auftritte in der Heimat dürften für Nedeljković künftig deutlich unangenehmer sein. Seit der Senkung der Gewinnprognose müssen sich die BMW-Mitarbeiter an den deutschen Standorten auf einen harten Sparkurs gefasst machen. Auch wenn es bislang keine Details gibt: Mittlerweile ist bekannt geworden, dass im zweiten Halbjahr ein Sonderbudget von einer Milliarde Euro für die Restrukturierung der Verwaltung vorgesehen ist, deshalb rechnen viele BMW-Beschäftigte mit einschneidenden Personalmaßnahmen.
Denn die Summe könnte reserviert sein für Abfindungen, Vorruhestandsregelungen und attraktive Altersteilzeitmodelle. Eine solch freiwillige Trennung von Mitarbeitern ist nötig, weil in den deutschen Werken eine Beschäftigungssicherung gilt. Erste Gespräche mit dem Gesamtbetriebsrat Martin Kimmich soll es bereits gegeben haben, ist aus dem Unternehmen zu hören. Nähere Informationen erhofft sich die Belegschaft von den anstehenden Betriebsversammlungen in den Werken – etwa wenn die Beschäftigten am 17. Juli in Landshut informiert werden. Doch schon längst geistern Zahlen herum: von 6000 bis 8000 wegfallenden Arbeitsplätzen ist gerüchteweise Rede. Es wäre jene Größenordnung, die der legendäre BMW-Chef Norbert Reithofer zu seinem Amtsantritt 2007 für nötig hielt, um den Münchner Autohersteller krisenfest aufzustellen.
Das erste vollelektrische Auto aus Spartanburg
In dem jetzt vorgestellten BMW X5 zeigt sich, dass Nedeljković ein schwieriges Erbe von seinem Vorgänger angetreten hat. Oliver Zipse rühmte sich in seiner mehr als siebenjährigen Amtszeit stets für „Technologieoffenheit“, verfolgte also eine sehr breit gefächerte Strategie. Er setzte auf fünf völlig unterschiedliche Antriebskonzepte, von althergebrachten Benzin- und Dieselmotoren, über Plug-in-Hybride und reine batterieelektrische Autos bis hin zu einer Wasserstoff-Brennstoffzelle. Der X5 wird nun das erste Modell im Unternehmen, das in allen fünf Varianten erhältlich sein soll. Von Ende 2026 soll der vollelektrische iX5 in Spartanburg produziert werden. Das wasserstoffbetriebene Modell soll Ende 2028 auf den Markt kommen.
Nedeljković vermittelt bislang den Eindruck, den Ansatz seines Vorgängers weiterverfolgen zu wollen. Am Dienstag sagte er: „Wir bleiben unserem strategischen Kurs treu: Wir setzen weiterhin auf die technologieoffene Strategie, die BMW erfolgreich gemacht hat – und die uns auch in Zukunft erfolgreich machen wird.“ Die große Variantenvielfalt hat freilich in der Entwicklung viel Geld verschlungen und sorgt in der Produktion und Verwaltung für einen personellen Überhang. Als sich mit Beginn des neuen Geschäftsjahres die Lage auf etlichen Automärkten verschlechterte, in China die Absatzzahlen einbrachen und mit dem Nahost-Konflikt die wirtschaftlichen Belastungen noch größer wurden, brach bei BMW der Gewinn ein. Jetzt rechnet der Vorstand nur noch mit einer operativen Marge im Kerngeschäft von mageren ein bis drei Prozent.
Der iX5 wird das erste vollelektrische Auto sein, das in Spartanburg gefertigt wird. Und es ist als der Anfang einer größeren Offensive gedacht: Bis 2030 will BMW insgesamt sechs Elektroautos in den USA produzieren. Ganz in der Nähe von Spartanburg in Woodruff baut BMW außerdem gerade ein Batteriewerk, das noch in diesem Jahr den Betrieb aufnehmen und das benachbarte Autowerk versorgen soll. All das kommt ausgerechnet in einer Zeit, in der das Geschäft mit Elektroautos in den USA ins Stocken geraten ist.
Dies hat vor allem mit einem Kurswechsel der US-Regierung unter dem Präsidenten Donald Trump zu tun. Ende September vergangenen Jahres wurden Steuergutschriften von bis zu 7500 Dollar beim Kauf von Elektroautos abgeschafft, und das hat BMW ebenso wie andere Hersteller schwer getroffen. Im ersten Quartal dieses Jahres stürzten die BMW-Verkaufszahlen von vollelektrischen Fahrzeugen und Plug-in-Hybriden in den USA um 50 Prozent ab. BMW weist freilich darauf hin, dass die Hälfte der in Spartanburg produzierten Autos in andere Länder exportiert werden. BMW ist nach eigener Darstellung gemessen am Wert seit mehr als einem Jahrzehnt der größte Autoexporteur in den USA.
Das Werk in Spartanburg wurde 1994 eröffnet. BMW hat hier seither mehr als sieben Millionen Autos produziert. Die Produktionsstätte ist vor allem auf die X-Reihe von SUVs spezialisiert. Der X5 wird hier seit mehr als 25 Jahren gebaut, ein Drittel der Produktionsmenge ist in den USA verkauft worden. Sein letztes größeres Investitionsprogramm von 1,7 Milliarden Dollar für Spartanburg hat BMW 2022 angekündigt. Von diesem Betrag entfallen 700 Millionen Dollar auf das neue Batteriewerk in Woodruff. BMW teilte jetzt mit, dieses Programm „vollendet“ zu haben. Zusätzliche Investitionen wurden allerdings nicht angekündigt.
