
200 Jahre lang belieferte die Spezialpapierfabrik in Ober-Schmitten ihre Kunden mit Pergamentpapier. Obwohl ihr landläufig Butterbrotpapier genanntes Produkt einen guten Ruf genoss, schaffte das Unternehmen nach der Insolvenz keinen Neustart. Der Nürnberger Projektentwickler AidG GmbH hat mittlerweile das Betriebsgelände aus der Insolvenzmasse erworben. Er zieht den Bau eines Rechenzentrums in Erwägung. Doch in dem Stadtteil von Nidda und der Stadtgesellschaft wird weniger über seine Pläne für das brachliegende Industriegelände geredet als über die Zukunft des von dem Unternehmen über viele Jahrzehnte genutzten Brunnens.
Anders als das Betriebsgelände gehört die Liegenschaft mit dem Brunnen inzwischen der Stadt. Sie hat ihn für 1,65 Millionen Euro erworben. Der Brunnen gibt 1,2 Millionen Kubikmeter Trinkwasser über das Jahr her, wie Bürgermeister Thorsten Eberhard (CDU) sagt. Das entspricht der üblichen Fördermenge von Trinkwasserbrunnen hierzulande. Die Stadt kann das Wasser aber nicht einfach so zapfen und fördern. Sie muss nach den Worten von Eberhard die Rechte daran wieder neu beantragen und ihren Bedarf nachweisen. Unterdessen soll auch der Projektentwickler aus Mittelfranken Interesse an dem Brunnen bekundet haben und ihn gern erwerben wollen. Die Idee dahinter: Dort ließe sich Tafelwasser abfüllen und verkaufen. Zudem brauchen Rechenzentren je nach Technik auch Wasser für die Kühlung.
Erheblicher Bedarf an Dateninfrastruktur in der Wetterau
„Das Areal verfügt über außergewöhnliche infrastrukturelle Voraussetzungen“, lobt AidG den Standort. Außer der industriellen Vorprägung, den Energieanlagen und dem Brunnen nebst großzügigen Flächen sei insbesondere die Lage im Großraum Frankfurt für „verschiedene Zukunftsnutzungen interessant“, teilt das Unternehmen mit. AidG plane zuerst mit einem Rechenzentrum. Angesichts der fortschreitenden Digitalisierung sehe das Unternehmen einen erheblichen Bedarf an leistungsfähiger und nachhaltiger Dateninfrastruktur.
Der Hintergrund: In Frankfurt und umliegenden Städten sind in den vergangenen Jahren reihenweise Datencenter errichtet worden. Dies liegt an der Nähe zu dem in Frankfurt ansässigen größten Internetaustauschknoten der Welt. Die Hochleistungscomputer des De-Cix genannten Knotenbetreibers sind ihrerseits auf mehrere Rechenzentren in der Stadt verteilt. Mittlerweile sind geeignete Flächen rar, die Flächenkonkurrenz treibt zudem die Preise. Deshalb sucht sich die Branche auch Standorte in der weiteren Region. So sollen Datencenter etwa in Rosbach, Karben und Gießen entstehen; im letzteren Fall ist von einer Investitionssumme von bis zu einer Milliarde Euro die Rede.
AidG spricht nach eigenen Angaben derzeit mit zwei möglichen Partnern aus der Rechenzentrumsbranche. In Nidda heißt es, dabei handele sich um den für Lidl- und Kauflandmärkte bekannten Handelskonzern Schwarz. In Brandenburg baut eine Tochtergesellschaft ein Datencenter. Der Nürnberger Projektentwickler nennt aber keine Namen.
Dennoch prüfe der Projektentwickler jedoch auch weitere Nutzungskonzepte, um die bestmögliche langfristige Entwicklung des Areals sicherzustellen, heißt es aus Nürnberg. Das Gelände biete ausreichende Möglichkeiten, um es für mehrere gewerbliche Nutzungen gleichzeitig vorzubereiten und dadurch zusätzliche Wertschöpfung für die Region zu schaffen. Und: „Für das Brunnengelände besteht eine notarielle Vereinbarung. Wir hoffen, gemeinsam mit der Stadt Nidda und allen Beteiligten eine Lösung zu entwickeln, die langfristig wirtschaftlich sinnvoll ist und einen Mehrwert für den Standort schafft.“
Bürgermeister: Das Wasser wird ohnehin nicht in der Wetterau bleiben
In Nidda fordern Bürger jedoch von der Stadtpolitik, den Brunnen nicht aus der Hand zu geben. Eberhard gibt angesichts solcher Stimmen zu bedenken, die Stadt bekomme nur so viele Wasserrechte, wie sie brauche. Die Menge beziffert er auf etwa 450.000 Kubikmeter. Der Großteil der grundsätzlich zur Verfügung stehenden Kubikmeter bleibe übrig. Aus der Sicht des Bürgermeisters könnte die Oberhessische Versorgungsbetriebe AG (OVAG) einen Bedarf geltend machen. Denn der Friedberger Regionalversorger fördere in der Gegend schon Trinkwasser und speise es in sein Netz ein.
Vor diesem Hintergrund sieht Eberhard das Wasser schon in Richtung Frankfurt abfließen, sollte die OVAG den Zuschlag bekommen. Ob die Friedberger es abzapften oder es als Tafelwasser verkauft würde: „Das Wasser wird nicht in der Region bleiben“, meint er. Deshalb bevorzugt er einen Verkauf an das Unternehmen und verfolgt dabei zwei Ziele: Einnahmen für die Stadtkasse zu erzielen und neue Arbeitsplätze nach Ober-Schmitten zu holen.
