
Als am Freitagabend die 79 Jahre alte Laurie Anderson die Bühne des Rumsey Playfield im Central Park betritt, ist das ein New Yorker Moment, wie er kaum gegenwärtiger sein könnte. Eine Reise in ein halbes Jahrhundert amerikanischer Kulturgeschichte wird es auch, mit Zeitzeugen auf der Leinwand wie Bob Dylan, Gertrude Stein, William S. Burroughs, Allen Ginsberg oder, natürlich, Lou Reed, mit dem Laurie Anderson verheiratet war. Aber dabei geht es immer: um das Hier und Jetzt. Um das, was passiert, wenn ein König sich das Land untertan macht, von Sprachdekreten, die die Wirklichkeit verändern, bis dahin, dass sich ein Land nicht mehr verändert, sondern in dem Moment, in dem es seinen 250. Geburtstag begeht, eigentlich gar nicht mehr da ist.
Wie bei einem Konzert, bei dem es dazugehört, danach zur Garderobe zu gehen, seinen Mantel zu holen und nach Hause zu fahren. Jetzt ist die Show zu Ende, aber beides nicht mehr da, nicht der Mantel, nicht das Zuhause.
Verbundenheit jenseits aller Entfernungen
Die rund 3000 New Yorkerinnen und New Yorker, die zu diesem Gratiskonzert der „Summer Stage“-Serie gekommen sind, gar nicht wenige auch mit ihren Kindern, hören mit einer Andacht zu, wie man das von Konzerten nicht mehr kennt. Jeder Ton der Instrumente ist zu hören, bei jeder Geschichte, die Anderson einstreut, warten alle gebannt auf etwas, das einen glauben lässt: an die „Republik der Liebe“, das ist der Titel, an Hoffnung.
In einer Zeit, in der überall neue Grenzen entstehen, sagt Laurie Anderson, denkt sie an die Städte. Wenn sie auf Tour geht, bedeutet das für sie nicht Deutschland oder Frankreich, sondern Berlin und Paris, weil das für sie Orte sind, wo Austausch und Verständigung noch lebendig sind. Dann erzählt sie dazu eine Frankfurter Anekdote aus dem Oktober 2001, als sie, kurz nach den Anschlägen des 11. September, ein Konzert gespielt hat.
Spätabends auf ihrem Zimmer habe sie sich gewundert, was das für ein Partylärm aus der Lobby sei. Nachdem sie sich unter die Menschen gemischt hatte, fand sie es heraus: Es war eine Wohltätigkeitsgala der Frankfurter Feuerwehr, die Geld und Gerät gesammelt hatte, um es den Kollegen in New York nach der Jahrhundertkatastrophe zukommen zu lassen. In diesem Moment habe sie gedacht: Was für eine Stadt, die über so eine Entfernung so eine Verbundenheit zeigt!
„Greatest show on earth“
Auch wenn man dabei im Kopf haben sollte, dass die Städte in gewisser Weise auch das Problem sind, ist das ein passender Moment, hier etwas zurückzugeben. Nicht nur an das unvergleichliche New York, wo sie zwar gerade einen King feiern, den NBA-Champion Brunson, aber niemals einen König Trump akzeptieren würden, sondern auch an Chicago oder, eine Grenze weiter, Toronto. Überall dort, aber auch in der (amerikanisch betrachtet) Kleinstadt Winston-Salem hat es in den vergangenen Wochen so viele Momente und Begegnungen gegeben, die Hoffnung gemacht haben, dass der allgegenwärtige Wahnsinn nicht die ganze Wahrheit ist.
Man muss deshalb Gianni Infantino, dem Sonnenkönig des Fußballs, sogar recht geben: Die Fußball-WM ist in gewisser Weise wirklich die „greatest show on earth“, nur ein bisschen anders, als er es der Welt verkaufen will. Wir halten es mit Laurie Anderson, die nicht über Tore spricht, sondern über Traurigkeit. Es gebe so viel Trauriges, aber bei alledem müsse man eines um jeden Preis vermeiden: selbst traurig zu werden. Am Ende sei der Sinn von allem doch, möglichst eine gute Zeit zu haben.
Und wenn man dann in dieser lauen Sommernacht vom Central Park nach Hause geht, fragt man sich unweigerlich: Ist das nicht die treffendste und schönste Parabel auf diese FIFA-WM, die man finden kann?
