Sechs Jahre vor dem Ausbruch des Amerikanischen Bürgerkriegs, der 1855 schon seine Schatten vorauswarf, veröffentlichte Herman Melville in einem Literaturmagazin seine lange Erzählung „Benito Cereno“; ein Jahr darauf erschien sie in seiner Erzählsammlung „The Piazza Tales“. Unter den drei großen „B“ seiner Prosawerke – neben „Bartleby, der Schreiber“ und der postum aufgetauchten Geschichte „Billy Budd“ – ist „Benito Cereno“ vergleichsweise unbekannt geblieben. Umso beliebter ist sie unter Philologen, denn sie bietet ein Spiegelkabinett von Deutungsmöglichkeiten.
Jede Zeit liest in diesem hundertseitigen Meisterwerk sich selbst mitsamt ihren ideologischen Vorgaben, Erkenntnisinteressen und blinden Flecken. Und während Harriet Beecher Stowes nur vier Jahre zuvor erschienener Bestseller „Onkel Toms Hütte“, der halb Europa zu Tränen rührte, wegen seiner stereotypen Charakterzeichnung und penetranten Gutherzigkeit bei der schwarzen Community des zwanzigsten Jahrhunderts in Ungnade gefallen ist, löst Melvilles „Benito Cereno“ bis heute Begeisterung, Verblüffung und anhaltende Verunsicherung aus.

Die Story, die auf einer wahren Begebenheit beruht, ist ebenso einfach wie vertrackt, und Melville malt sie in Farben, die zur Sinnestäuschung einladen. Das Wetter auf See: voller Grautöne. Die Atmosphäre: von schwer definierbarer Bedrohlichkeit. Ansonsten herrscht Stille. In dieser ambivalenten Welt stößt der amerikanische Kapitän Delano auf ein in Not befindliches spanisches Schiff, das von seinem angeschlagenen Kapitän Benito Cereno kaum noch befehligt werden kann. Seine Mannschaft scheint durch Krankheit dezimiert. Eine Ahnung von Tod liegt über der Szene. Und die freundlichen Hilfsangebote des Amerikaners werden seltsam kalt zurückgewiesen. Nur der schwarze Diener Babo, der dem melancholischen Spanier nicht von der Seite weicht, scheint die Dinge an Bord am Laufen zu halten.
Auf hundert Seiten entfaltet Melville einen Wahrnehmungskrimi, dessen subtilen Plot Kapitän Delano gerade noch rechtzeitig durchschaut, um eine Katastrophe zu verhindern. Denn Babo, der so devot auftretende Diener, ist in Wahrheit der erfinderische Kopf eines Sklavenaufstands. Alle seine Gesten sind Maskeraden, und so, wie er den arglosen Amerikaner täuscht, so führt er auch uns Leser hinters Licht.
Harriet Beecher Stowe hatte Onkel Tom als lieben Menschen gezeichnet, der an unser Mitleid appelliert. Melville dagegen hält es eher mit dem kritischen Verstand und fordert zuallererst die Fähigkeit, genau hinzuschauen. Ein Gegner der Sklaverei wie seine Kollegin, entlarvt er den Rassismus des amerikanischen Kapitäns, indem er gerade dessen Onkel-Tom-Glauben als Produkt von Voreingenommenheit und Klischeebildern enthüllt. Seine Botschaft, überspitzt gesagt, könnte lauten: Erst wenn man Schwarzen dieselbe Verschlagenheit, dieselbe moralische Niedertracht zutraut wie Weißen, fängt man an, sie als vollständige Menschen zu sehen.
