Feuerwerk erleuchtet den Himmel von Dakar, tanzende Menschen fluten die Straßen von Abidjan, Gesänge erklingen an den Stränden der Kapverdischen Inseln, als in den vergangenen Tagen immer neue WM-Erfolge aus den USA vollendet wurden. Afrika jubelt und befindet sich gerade in einer Rolle, die diesem Kontinent eigentlich nie vergönnt ist: der Rolle des großen Gewinners.
Neun der zehn Mannschaften aus afrikanischen Nationen haben die K.-o.-Phase erreicht, bei keiner der früheren Fußball-Weltmeisterschaften schafften das mehr als zwei. Es ist eine Sensation. „Ich freue mich für den ganzen Kontinent“, sagt Otto Addo, der bis zum vergangenen März als Nationaltrainer Ghanas arbeitete und während der WM in der „Technical Study Group“ des Weltverbandes Trends und Entwicklungen beobachtet, im Gespräch mit der F.A.Z. Der erstaunlichste Trend bis hierher: die Blüten Afrikas.
Der Kontinentalverband CAF war der größte Profiteur der Erweiterung des Teilnehmerfeldes. Statt fünf Teams wie noch bei der WM 2022 waren diesmal zehn Mannschaften dabei. Manche Skeptiker hielten die (je nach Qualifikationsverlauf) vier oder fünf zusätzlichen Startplätze zuallererst für eine politische Maßnahme. Der Verdacht: Die 52 Nationen vom afrikanischen Kontinent, die eine wichtige Rolle bei Abstimmungen und Wahlen des Weltverbandes FIFA spielen, sollten Gianni Infantinos FIFA-Administration gewogen gemacht werden. Aber offenkundig ist der Bedeutungszuwachs Afrikas sportlich sinnvoll.
Weder „wild“ noch „unorthodox“
Die zusätzlichen Startplätze könne Afrika mit diesem Zwischenergebnis „gut rechtfertigen“, findet Addo, sogar vom Titel wird jetzt geträumt. „Wir haben alle Zutaten, um die beste Nation zu sein. Ich glaube daran, die Spieler glauben daran“, sagte Marokkos Trainer Mohamed Ouahbi am Ende der Gruppenphase (dessen Team allerdings in der vergangenen Nacht gegen die starken Niederländer spielen musste). Aber in all seinen Dimensionen wahrgenommen wird der afrikanische Fußball trotzdem noch nicht, was sich gut an den Aussagen des TV-Experten Bastian Schweinsteiger illustrieren lässt.

Schweinsteiger bezeichnete die Spielweise der Elfenbeinküste gegen Deutschland während der Gruppenphase in der ARD als „wild“ und „unorthodox“, wofür er heftig kritisiert wurde. Ganz unabhängig von der Frage, ob er mit dieser Aussage ein rassistisches Narrativ bedient, sei die fachliche Betrachtung unsauber, sagt Addo: „Wir müssen lernen, differenziert über alle Mannschaften zu sprechen. Wenn man eine Mannschaft ‚wild‘ und ‚unorthodox‘ nennt, muss man das genau belegen.“ Im Fall der Ivorer gebe es „überhaupt keinen Ansatz“ für diese Zuschreibungen, das Gegenteil sei der Fall: „Die Elfenbeinküste hat gegen Deutschland von der ersten bis zur 90. Minute sehr klar agiert“, sagt Addo. „Außerdem hat diese Mannschaft während der gesamten Qualifikation kein Gegentor bekommen. Das zu schaffen, ist eine taktische Meisterleistung gewesen.“
Weil Schweinsteiger überdies verkündete, dass die angeblich wilde Spielweise der Ivorer in seinen Augen „ein bisschen afrikanischer Fußball“ gewesen sei, ist der Eindruck entstanden, dass selbst professionelle Fachleute immer noch viel zu ungenau hinschauen. „In Europa würde auch niemand auf die Idee kommen, den spanischen Fußball mit deutschem Fußball gleichzusetzen, bloß weil beide Länder auf dem gleichen Kontinent liegen“, sagt Addo. „Es ist schwierig, alle afrikanischen Länder über einen Kamm zu scheren.“
In den besten Nachwuchssystemen ausgebildet
Als Beispiel nennt der in Hamburg aufgewachsene Ghanaer die für das Publikum vielleicht größte WM-Überraschung: Kap Verde, einen kleinen Staat, bestehend aus zehn Inseln mit 600.000 Einwohnern. „Wer genauer hinsieht, erkennt, dass viele Spieler dort aufgrund der kolonialen Vorgeschichte in Portugal aufgewachsen und in einem der besten Nachwuchssysteme der Welt ausgebildet worden sind. Die sind taktisch sehr gut geschult und haben auch individuell sehr gute Spieler, die umsetzen, was der Trainer will“, sagt Addo. Das ist eine radikale Underdogstrategie. Jeder Gegner ist hoher Favorit, also verteidigt das Team mit äußerster Hingabe und Disziplin, um in einzelnen Momenten sehr versiert zu kontern.

Es ist nicht zu erwarten, dass die Mannschaft das Sechzehntelfinalduell mit Argentinien übersteht. Ähnliches gilt für Kongo gegen England, Südafrika schied schon am Sonntag gegen Kanada aus. Aber Senegal (gegen Belgien), die Elfenbeinküste (gegen Norwegen), Algerien (gegen die Schweiz) oder Ghana (gegen Kolumbien) haben mindestens Außenseiterchancen. Aus der Perspektive Afrikas war die Aufstockung des Teilnehmerfeldes also eine hervorragende Idee.
In vielen Nationen sind tatsächlich große Fortschritte erkennbar: Infrastruktur, Ausbildung, Niveau der Trainer – vieles wird besser. Das macht die Nationalteams auch für in Europa aufgewachsene Spieler interessanter, die in den Nachwuchssystemen in Deutschland, den Niederlanden, England oder Frankreich ausgebildet wurden. „Es gibt in Europa viele Rohdiamanten, deren Familien vom afrikanischen Kontinent stammen und die sich überzeugen lassen, für die Nationen ihrer Vorfahren zu spielen“, sagt Addo. „Aber im Moment tauchen auch immer mehr einheimische Spieler auf, die auf dem höchsten Level spielen können.“
Weltmeistertitel für Afrika „nur eine Frage der Zeit“
Zu den interessantesten Transfermarktgeschichten dieses Turniers zählt der an der Elfenbeinküste aufgewachsene Leipziger Yan Diomande, an dem etliche Weltklubs interessiert sind. Der in Frankreich ausgebildete Marokkaner Ayyoub Bouaddi, der wohl bald vom OSC Lille zu einem großen Champions-League-Verein wechseln wird, hat eine ganz andere Biographie. Genau wie Ismael Saibari, der in Spanien geboren wurde, in den Niederlanden und Belgien aufwuchs, für Marokko spielt und vor einem Wechsel aus Eindhoven zum FC Bayern steht.
Allerdings ist noch längst nicht alles gut. Der Afrika-Cup im Januar endete mit einem chaotischen Finale, mit Spielerprotesten und einer Zuschauerprügelei am Spielfeldrand. Gerichte müssen noch klären, ob Marokko oder Senegal den Titel gewonnen hat. Und bei dieser WM stritten Spieler Senegals mit dem nationalen Fußballverband über nicht ausgezahlte Prämien, die Qualität von Unterbringung und Verpflegung störte den WM-Alltag.
Manche Klischees sind also noch nicht entkräftet. Die Armut in Afrika und die Möglichkeit, Gelder aus dem Fußball in zweifelhafte Kanäle zu leiten, werden wohl auch in Zukunft Entwicklungen bremsen. Und dennoch sei es „nur eine Frage der Zeit“, bis ein Team aus Afrika Weltmeister werde, sagt Kongos Trainer Sébastien Desabre. Der Franzose blickt auf viele Arbeitsjahre in Afrika zurück, „die Strukturen werden besser, die Trainer werden besser, die Spieler werden besser“. Und die nächste WM wird zumindest in Teilen in Marokko stattfinden.
