Der möglicherweise gezielt herbeigeführte Einschlag eines Leichtflugzeugs in das höchste Gebäude von Peking verursachte eher geringen Schaden, zeigt aber große Wirkung. Mehr als fünfhundert Meter ist der Citic Tower hoch. Er liegt mitten im Geschäftsviertel der chinesischen Hauptstadt und damit nur wenige Kilometer östlich von Zhongnanhai, dem Sitz der Kommunistischen Partei. Der Citic Tower ermöglicht auch einen direkten Blick auf die KP-Zentrale. Deswegen, so heißt es, haben die Sicherheitsbehörden seit Bestehen des Gebäudes die oberen drei Stockwerke beschlagnahmt. Auch Regierungsgebäude und Funktionärswohnungen sind nicht weit.
Am Freitagabend konnte hier das Flugzeug über Dutzende Kilometer unbehelligt in den zivil wie militärisch eigentlich strengstens kontrollierten Luftraum Pekings einfliegen. Das dürfte im chinesischen Machtapparat zu ernsten Fragen führen – und rief schon erste sichtbare Reaktionen hervor.
Am Montag verbreitete Videoaufnahmen aus der Nähe des Wolkenkratzers zeigten ein Fahrzeug der chinesischen Polizei mit einer rotierenden Radaranlage auf dem Dach. Das in den vergangenen Monaten durch vielfältige Säuberungen in den oberen Rängen dezimierte Militär hingegen trat zunächst nicht in Erscheinung.
Das Leichtflugzeug ist 50 Kilometer entfernt gestartet
Ob etwaige Flugabwehr-Einheiten das heranfliegende Kleinflugzeug nicht bemerkten oder bemerkten, aber nicht rechtzeitig handelten und was das über Befehlsketten aussagt, bleibt Gegenstand von Spekulationen. Manche erwarten, dass nun Köpfe rollen.

Staatsmedien schwiegen über den Vorfall auch am Montag. In den sozialen Medien wurden entsprechende Suchbegriffe zensiert und private Beiträge ungewöhnlich rasch gelöscht. Das zeigt, wie heikel der Fall für die Behörden ist. Lediglich der betroffene Pekinger Bezirk Chaoyang gab am Samstag eine Erklärung ab.
Demnach ist am Freitag „um 17.55 Uhr ein einmotoriges, zweisitziges Leichtflugzeug in der Nähe des östlichen dritten Rings mit einem Hochhaus kollidiert“. Der Pilot, der sich als einziger an Bord befand, sei ums Leben gekommen, 13 weitere Menschen wurden am Unfallort verletzt, mutmaßlich durch herabfallende Trümmerteile. Die Erklärung erwähnte den 528 Meter hohe Citic-Turm nicht. Zur Sprache kamen weder die Identität des Piloten noch die Absturzursache.
In sozialen Medien geteilte Fotos von Trümmerteilen des Flügels zeigen eine Flugnummer, die zu einem Leichtflugzeug der chinesischen Firma Dongshi Shuangyue General Aviation gehört. Dabei soll es sich um eine örtliche Flugschule handeln. Nach Daten des Flugverfolgungsdienstes Flightradar war das Leichtflugzeug rund zwanzig Minuten vor dem Einschlag von einem Flugfeld im Pekinger Außenbezirk Pinggu gestartet. Das Flugfeld liegt rund fünfzig Kilometer vom Einschlagsort entfernt. Zunächst soll das Flugzeug die Startgegend umkreist haben, bis es dann bei wolkenlosem, sonnigen Wetter ins Stadtzentrum flog.
„Sicherheitslücke schwerwiegender als der Absturz selbst“
„Selbst wenn ein Selbstmord geplant war, warum haben die Flugsicherung, die Betreibergesellschaft und das Militär beziehungsweise die lokale Luftverteidigung den Anschlag nicht erkannt und reagiert, bevor das Flugzeug China Zun erreichte?“, fragte der im Ausland lebende Analyst Deng Yuwen. „Die Luftraumkontrolle innerhalb des fünften Pekinger Stadtrings ist extrem streng, vor allem im Bereich des östlichen dritten Stadtrings“.
Auch wenn der Start legal gewesen wäre, ob zu Trainings- oder Rundflugzwecken, hätte das Flugzeug nicht bis ins Stadtzentrum eindringen dürfen. „Insofern ist die durch diesen Vorfall aufgedeckte Sicherheitslücke schwerwiegender als der Absturz selbst.“ Entlang der Flugroute „hätte es Flugsicherungs-Kommunikation, Rückkehranweisungen, Radarüberwachung und Notfallmaßnahmen geben müssen“.
Peking unterhält offiziell strenge Luftraumkontrollen. Alle Flugzeuge im niedrigen Höhenbereich bedürfen behördlicher Genehmigung und der Zustimmung ziviler wie militärischer Stellen. Seit Mai erst gilt über dem Pekinger Stadtgebiet ein allgemeines Verbot für zivile Drohnen. Untersagt sind hier nicht nur der Flug, sondern auch der Verkauf, die Vermietung und die Einfuhr von Drohnen.
Am Montag berichtete die in Hongkong erscheinende Zeitung „Ming Pao“, dass der gesamte Flugbetrieb der Allgemeinen Luftfahrt mit Ausnahme des Linienverkehrs und von Rettungseinsätzen landesweit bis auf weiteres eingestellt wurde. Dazu befragte das Blatt Flugschulen im ganzen Land.
In dreißig Stunden kann eine Fluglizenz erworben werden
Ein Mitarbeiter einer Pekinger Flugschule berichtete demnach, dass man für rund achtzigtausend Yuan (umgerechnet zehntausend Euro) und binnen dreißig Unterrichtsstunden eine Einstiegslizenz zum Sportpiloten erwerben kann. Dies berechtige zum Führen von Leichtflugzeugen wie jenem, das jetzt abstürzte. Voraussetzungen seien ein Mindestalter von 16 Jahren, mindestens Hauptschulabschluss und keine Vorstrafen in den vergangenen fünf Jahren.
Der Schaden am Citic Tower hielt sich währenddessen in Grenzen. Beschädigt wurden augenscheinlich zwei Elemente der Glasfassade in einem der oberen Stockwerke. Hier hat seit 2018 die Citic-Gruppe ihren Sitz, eines der größten Staatsunternehmen Chinas, das im Finanzbereich, Bankwesen, Bergbau, Immobilien und Handel tätig ist.
Auch jenseits seiner Höhe hat der Wolkenkratzer symbolische Bedeutung. Bezeichnet wird er meist als „China Zun“, wobei „Zun“ ein historisches Weingefäß ist, das sich am Ende vasenförmig nach außen wölbt. Gerüchte auch in internationalen Medien, denen zufolge der Pilot ein Mitarbeiter oder eine Mitarbeiterin der Citic gewesen sein könnte, wurden zunächst nicht bestätigt.
