
Endlich hatte sie es geschafft, ihren gesamten kurvigen Körper vor Gericht als Kunstwerk urheberrechtlich schützen zu lassen, nicht nur wie bisher den markant geformten Kopf. Die Rede ist nicht etwa von Kim Kardashian, Kendall Jenner oder anderen weniger kunstvoll als künstlich veränderten Frauen, sondern vielmehr von einer Gitarre, ach was, der Gitarre schlechthin, entworfen vom 1991 gestorbenen Leo Fender.
Ende vergangenen Jahres war es in Nordrhein-Westfalen zu einer weitreichenden gerichtlichen Entscheidung gekommen, der Anerkennung der Fender Stratocaster als Kunstwerk. Vor dem Landgericht Düsseldorf wurde ein Streit um im Handel deutlich günstigere Nachbauten, im konkreten Fall chinesischer Herkunft, ausgefochten.
Seit das „Model“-Modell 1954 auf den Markt kam, wurde es rund zwei Millionen Mal verkauft, die Nachbauten kosten jedoch nur einen Bruchteil des Originals. Ein großer deutscher Instrumentenhändler, der Gitarren mit vergleichbar s-förmig geschwungener Silhouette verkauft und auch selbst herstellt, geht aktuell gegen die Abmahnung, die Fender auch gegen ihn angestrengt hat, vor.
Kern seiner Argumentation: Es handele sich um schnödes Industriedesign – mit nur 25 statt 70 Jahren Urheberschutz – und nicht um angewandte Kunst. Was aber macht dieses im Kern hölzerne Instrument als Ganzes eben doch zur Kunst? Man schaue auf Picasso; dessen Phase des analytischen Kubismus würde ohne das Zerlegen bauchiger Gitarrenkörper etwas Elementares fehlen.
Vom Klang ist damit nichts gesagt
Freilich handelt es sich bei dem vom Künstler abgebildeten Instrument nicht um eine Stratocaster, doch die Idee des Spaniers ging in die gleiche Richtung: die Form des Rumpfes und des Kopfes lassen bei vielen Betrachtern Anklänge an einen weiblichen Körper aufkommen.
Leo Fender gönnte dem Instrument auf Anraten des Gitarristen Rex Gallion eine Einbuchtung in Höhe des Rippenbogens des Spielers. So kann sich dieser an seine sehr musikalische Gefährtin anschmiegen. Diese Argumentation übernahm auch das Düsseldorfer Gericht. Der Korpus der E-Gitarre mit seiner kantenlosen, weich geschwungenen Gestaltung wecke Assoziationen an einen weiblichen Rumpf aus Hüfte, Taille und Armen, so wie Brâncuși seine Frauenfiguren als stilisierte Urtypen formte.
Für viele Gitarristen gilt diese Assoziation der Richter ohnehin. Wie in Ovids Metamorphosen der übergriffige Satyr auf der von den Göttern in Schilfrohr verwandelten Syrinx als Panflöte bläst, so spielten Saitenzauberer wie Jimi Hendrix, David Gilmour, Eric Clapton, Mark Knopfler, Richie Blackmore oder Jeff Beck, um nur einige wenige zu nennen, auf ihre je unverwechselbare Weise auf der Stratocaster wie auf einer Teufelsharfe. Hendrix etwa traktierte das Instrument wie ein moderner ovidischer Faun mit der Zunge.
Damit ist noch nichts zum Klang gesagt, der vom Gericht nicht unter Schutz gestellt wurde. Es ging nicht um innere Werte, sondern nur um äußere. Auch sie reichen hin für eine Einordnung als Kunstwerk.
