
Bei mehr als 60 Grad Celsius im Cockpit und feuerfester Wäsche ist die Frage, wie es dem Rennsieger George Russell nach der Zieldurchfahrt geht, keine Floskel. „Ich bin ein kleines bisschen durstig“, sagte der Mercedes-Pilot, „mein Trinksystem ist ausgefallen. Ausgerechnet bei diesem Rennen.“ Zum Schluss hatte ihm auch Max Verstappen die letzten Runden auf dem Red-Bull-Ring ordentlich heiß gemacht. Dann aber funkte sein Renningenieur Marcus Dudley gelassen: „Oben auf dem Siegerpodest wartet eine Flasche auf dich …“
Der Große Preis von Österreich lebte am Sonntag von einer Menge erfrischender Duelle, am Ende schaffte es WM-Spitzenreiter Kimi Antonelli im zweiten Silberpfeil noch auf den dritten Rang. Der junge Italiener führt die Gesamtwertung mit 171 Punkten weiterhin souverän an, George Russell als Zweiter (131 Punkte) hat Lewis Hamilton überholt, der nach seinem vierten Platz nun auf 127 Punkte kommt.
Für Russell war der zweite Saisonerfolg vor allem psychologisch wertvoll. Der Brite hatte nach viel Pech und angesichts seines starken Teamkollegen schon die Sorge, auch mental ins Hintertreffen zu geraten. Bei der Zieldurchfahrt versuchte er sich dementsprechend sogar an einem Jodler, überzeugender war dann der Gute-Laune-Schlachtruf der Familie Feuerstein: „Yabbadabadoo!“
Aber nicht bloß Russell hat sich zurückgemeldet, eindrucksvoller noch war – auch ohne Triumph – die Fahrt Verstappens von Startplatz fünf auf den zweiten Rang. So zufrieden zeigte sich der Niederländer schon lange nicht mehr: „Das war extrem positiv für uns. Über die Hälfte des Rennens hatte ich ein perfektes Auto. Sie war besser als alles, was wir bisher gezeigt haben.“ Der zweite Platz ist die bisher beste Platzierung in dieser Saison für den viermaligen Weltmeister.
Verstappen verliert die Kontrolle
Eine chaotische letzte Minute in der Qualifikation zum achten WM-Lauf hatte eine bunte Reihe für den Start in das zweite Drittel der Formel-1-Saison geschaffen. Nachdem Verstappen durch einen defekten Flügel die Kontrolle über seinen Rennwagen verloren hatte, sah schon alles nach einer ersten Startreihe in Rot aus, denn die folgenden Favoriten im Mercedes werden per Gelber Flagge dazu gezwungen, aus Sicherheitsgründen vom Gas zu gehen.
Der Brite Russell lupfte das Pedal regelkonform und sehr geschickt nur ganz kurz und sicherte sich so die Pole-Position, Antonelli brach die Runde ab und landete auf Startplatz vier. Dazwischen standen die Ferrari von Charles Leclerc und Lewis Hamilton. Verstappen ging trotz des Crashes als Fünfter in den heißesten Grand Prix des Jahres.
Auf der kurzen Berg-und-Tal-Bahn in der Steiermark ging es gleich richtig zur Sache. Hamilton schob sich am Teamkollegen Leclerc vorbei, dahinter versuchte es mit aller Gewalt auch Antonelli, aber er brauchte dazu die Auslaufzonen und fiel kurz zurück. Das machte den Weg frei für Verstappen beim Heimspiel seines Arbeitgebers.
Red Bull kämpft um die Gunst des Champions, der in diesem Sommer aufgrund einer speziellen Vertragsklausel angeblich entscheiden kann, bei welchem Rennstall seine nähere Zukunft liegen wird. Das Upgrade für den Boliden in Spielberg scheint der Fahrbarkeit des Autos aus Milton Keynes gutzutun und dem Mut des Niederländers auch.
Der Asphalt heizt sich auf mehr als 50 Grad Celsius auf
Auf dem mehr als 50 Grad Celsius heißen steirischen Asphalt startete er sofort seine Aufholjagd und lieferte sich ein titelreifes Duell mit Hamilton, einer drängte den anderen ab. Die Auseinandersetzung wurde kurz durch die ersten Boxenstopps unterbrochen, dann setzte sich der Zweikampf auf höchstem fahrerischen Niveau fort. Es ist eben doch immer spannender, wenn die Menschen den Sport aufladen und nicht nur die Batterien.
An Gnadenlosigkeit hat Verstappen nichts eingebüßt, er setzte sich im zweiten Versuch gegen Hamilton durch. Die 100.000 Zuschauer hatten bei 35 Grad Celsius Lufttemperatur Freude und staunten nicht schlecht, als Ferrari seinen Rekordchampion während einer virtuellen Neutralisierung auf eine Drei-Stopp-Strategie setzte. Noch eine weitere Komponente, die Spannung versprach.
„Ich hab doch jetzt schon zu wenig Power!“
Als Hamilton von seinem Renningenieur Carlos Santi gebeten wurde, auch den Motor von den Temperaturen her nicht weiter überzustrapazieren, fluchte der Brite zurück: „Ich hab doch jetzt schon zu wenig Power!“ Die reichte immerhin, um sich bei seiner Aufholjagd wieder mit Leclerc auseinanderzusetzen. Da geht es nicht nur um die Position im Rennen, sondern darum, wer die „numero uno“ im Team ist.
Bei dieser guten Unterhaltung war es ein Leichtes, die Spitze aus den Augen zu verlieren, es schien ja alles auf einen sicheren Sieg von Russell hinauszulaufen. Verstappen aber knabberte rundenlang den Vorsprung des Mercedes-Piloten ab und war bis auf fast eine Sekunde herangekommen, als Russell nach 44 von 71 Runden frische Reifen holte. Der Niederländer blieb noch ein bisschen länger draußen, um dann am Ende eine kürzere, furiose Aufholjagd starten zu können. Eine Spitz-auf-Knopf-Taktik.
Nach 50 Umläufen holte er sich frische Pneus der härtesten Mischung, mit gut zehn Sekunden Rückstand auf Russell begann die letzte Jagd. Verstappen flog über die Strecke, machte eine halbe Sekunde pro Umlauf gut. Zehn Runden vor Schluss dachte Russell noch, dass er seine Fahrt geschickt managen könnte. Aber es wurde immer enger, der blaue Fleck in seinem Rückspiegel wurde immer größer. Drei Runden noch, noch drei Sekunden.
Jetzt aber wurde Verstappen von Antonelli gejagt, wie es die Mercedes-Strategen geplant hatten. Die Dinge spitzten sich zu. Auf den letzten Kilometern musste sich der Niederländer noch einmal gewaltig nach hinten wehren, aber er hielt knapp seinen zweiten Platz, auf Russell fehlten ihm lediglich 1,6 Sekunden. Jäger zu sein, das hat er sich und allen anderen bewiesen, ist immer noch seine Paraderolle. Dem erleichterten Sieger hat er damit ein wenig die Schau gestohlen. Diese Formel-1-Saison ist noch lange nicht gelaufen.
