Der Weg durch die Straße von Hormus ist zumindest teilweise offen. Tausende Seeleute, die seit Ende Februar am Golf gestrandet waren, können hoffentlich in ihre Heimatländer zurückkehren. Bis zu vier Monate lang haben sie mit rationiertem Trinkwasser und Essen ausgeharrt. Sie wussten nicht, wann sie ihre Familien wiedersehen würden. Raketen und Drohnen flogen über ihre Köpfe hinweg. Von Abwehrfeuer getroffen, explodierten die Geschosse am Himmel oder landeten auf Tankern und Hafenanlagen in ihrer Nähe. Manche Seeleute kamen ums Leben.
Einige der 20.000 Seefahrer, die Schätzungen zufolge betroffen waren, dürften von den Erlebnissen traumatisiert sein. Doch die Welt hat von ihrem Schicksal erstaunlich wenig Kenntnis genommen. Dabei sind sie diejenigen, die unsere Waren und Rohstoffe über die Weltmeere transportieren. Die Folgen fehlender Erdöl-, Gas- und Düngemittellieferungen waren fast überall zu spüren. Die Engpässe machten aus den Schiffen und ihren Crews aber in erster Linie eine Verhandlungsmasse im Ringen zwischen Iran und den USA über die Kontrolle der zentralen Meerenge.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Die harte Existenz der Seefahrer hat dabei nicht erst mit dem Irankrieg und der Sperrung der Straße von Hormus seit Ende Februar begonnen. Interessenvertreter beklagen schon lange Muster des Missbrauchs und der Ausbeutung in der Seefahrt. Damit sind nicht die üblichen langen Wochen auf dem Meer fern der Heimat gemeint. Es gehört den Darstellungen zufolge offenbar zum Alltag, dass Löhne nicht oder verspätet gezahlt werden. Die Zahl der Schiffe und Crews, die auf See und in weit entfernten Häfen im Stich gelassen werden, ist in den vergangenen Jahren hochgeschnellt.
Und so warten auch viele Seeleute, die im Persischen Golf gestrandet waren, noch auf ihr wohlverdientes Geld. Ihre Verträge waren teilweise nach bereits vielen Monaten auf See ausgelaufen und nicht erneuert worden. Gleichzeitig fand sich meist niemand, der die Kosten einer Rückführung in die Herkunftsländer übernehmen wollte. Seegewerkschafter bezeichnen die Lage deshalb als „moderne Sklaverei“.
Darüber hinaus stammen die meisten Seefahrer aus Schwellen- und Entwicklungsländern Asiens und Afrikas. Die westlichen Medien nehmen jedoch weniger Notiz, wenn die Opfer aus Indien, den Philippinen oder Somalia stammen und nicht aus Deutschland oder Amerika. Für große Teile der Weltöffentlichkeit sind die gestrandeten und getöteten Seeleute nicht viel mehr als Kollateralschäden. Ihr Schicksal erscheint als Berufsrisiko, auch wenn sicherlich keiner von ihnen damit gerechnet hätte, in einen Krieg hineingezogen zu werden.
Eine Mitschuld für die Missstände und die fehlende Aufmerksamkeit liegt auch bei den Reedereien. Aus Angst um ihre Reputation haben viele von ihnen ihren Angestellten untersagt, mit der Presse zu sprechen. Indem sie auch damit eine Berichterstattung verhinderten, haben sie sich selbst geschadet.
Denn ohne Druck der Medien sah auch niemand die Notwendigkeit, sich für die Rettung der Seeleute einzusetzen. Die Chance ist vertan, die Aufmerksamkeit auf das Los der Seefahrer zu lenken und etwas gegen prekäre Lebensumstände zu tun. Denn wenn der Handel wieder läuft, wird ohnehin niemand mehr an die Seeleute denken.
