An dem Mann ist so ziemlich alles irritierend: die trockene Art, in der er am Flughafen von Venedig seinen Gast begrüßt, die kleinen Schritte, die er macht, das Abholschild, auf dem sein eigener, alberner Name steht. Mrugalski kommt von mrugać, was auf Polnisch so viel wie „blinzeln“ oder „zwinkern“ bedeutet, und passt zu ihm, einem international bekannten Soziologen, genauso wenig wie die weißen Sportschuhe mit Klettverschluss, die er zu einer Anzughose trägt.
Doch im Grunde gibt es zu Beginn von Matthias Nawrats Romans kaum etwas, was nicht irritieren würde: Mrugalskis Gegenpart, Wanda Karłowska, eine Soziologiedozentin aus Krakau, die nach Venedig gekommen ist, um ihn zu interviewen, ist auch eine ziemlich spröde Erscheinung. Die Stadt zeigt sich nur von ihrer hässlichsten Seite, weil die beiden vom Flughafen direkt in Mrugalskis Wohnung fahren, die sich in einer trostlosen Plattenbausiedlung befindet. Und die Frau des Wissenschaftlers, die die junge Besucherin in der Küche unterbringt, versucht verzweifelt, durch übertriebene Herzlichkeit von den ärmlichen Verhältnissen abzulenken, in denen das Ehepaar lebt.
Worum geht es ihr wirklich?
Es gibt aber noch eine andere Art Irritation, die von Anfang an spürbar ist. Es ist Januar 1983, und in Polen herrscht seit über einem Jahr das Kriegsrecht. Seine Bestimmungen sind inzwischen gelockert worden, sodass Wanda nach einigen Bemühungen ausreisen durfte. Trotzdem fragt man sich, warum sie ausgerechnet jetzt nach Venedig gekommen ist, um den älteren Kollegen zu befragen. Geht es ihr dabei wirklich um seine wissenschaftlichen Erkenntnisse? Und wieso wird Mrugalski, der sich in Italien angeblich freiwillig niedergelassen hat, vom Gefühl der „Leere und Oberflächlichkeit“ geplagt und will gleichzeitig von seinen früheren Kontakten nichts wissen?

Matthias Nawrat gestaltet den Roman als ein Puzzlespiel, und die Kapitelüberschriften lassen ahnen, dass dessen Lösung in der richtigen Anordnung der nicht immer chronologisch erzählten Fakten steckt. Im Venedig des beginnenden Jahres 1983 spielt nämlich nur die Rahmenhandlung; in späteren Teilen, deren Zeitspanne sich von 1940 bis 1984 erstreckt, taucht man in die Vergangenheit der Figuren ein. In die jüngste von Wanda – sie hat gerade eine Zeit miterlebt, die bei den Polen starke Verunsicherung und das Gefühl der Klaustrophobie auslöste. Die Emphase der „Solidarność“-Monate war verflogen, es blieben die Trivialität der Alltagssorgen, die Leere der zur Routine gewordenen patriotischen Gesten und die Spaltung der Gesellschaft, die das Kriegsrecht mit sich brachte. Und vor allem in die von Professor Henryk Mrugalski, in dessen Leben sich, wie man nach und nach erfährt, einige Schlüsselmomente der europäischen Geschichte des 20. Jahrhunderts spiegeln.
Die eindrucksvollste der Rückblenden, in denen Nawrat dieses Leben erzählt, führt in das Straflager Lugajewo im Ural, wo Mrugalski im September 1940 hinkam und in den nächsten Monaten den Gulag-Alltag in seiner ganzen Grausamkeit erlebte: Hunger, Kälte, harte Arbeit und Verhöre, bei denen man „ständig abwägen“ musste, „was man diesmal sagt, was man beim letzten Mal gesagt hat“, um nicht auch noch seine Familie zu belasten. Erst 1941, nach dem Ausbruch des deutsch-sowjetischen Krieges und der Amnestierung polnischer Gefangener, wurde er aus dem Lager entlassen und verließ als Soldat der Anders-Armee das Land, um im Westen an der Seite der Briten zu kämpfen. Die Wirkung dieses Romanteils ist schon deshalb stärker, weil der Autor hier nach eigenen Worten (und auf erkennbare Weise) auf Erfahrungen solcher Größen der Lagerliteratur wie Gustaw Herling, Alexander Solschenizyn oder Warlam Schalamow zurückgreift. Ähnlich übrigens, wie er sich im Falle der Kriegsrechtszeit auf Erzählungen seiner Eltern stützt.
Wie im Freilichtmuseum
Etwas weniger gelungen hingegen ist das Bild von Krakau, das sich Mrugalski, der ebenfalls von dort stammt, unmittelbar nach seiner Rückkehr im Januar 1945 bot. Es stimmt zwar, dass die Stadt im Vergleich zu Warschau und anderen Ortschaften wenig gelitten hat, dennoch gab es auch dort erhebliche Zerstörungen, die infolge der Bombardierungen durch die heranrückenden Sowjets und der Explosionen der von den Deutschen verminten Brücken verursacht wurden, von den Spuren der sechsjährigen Okkupation ganz zu schweigen. Mrugalski fand aber etwas anderes vor: „Die Gebäude am Rathausplatz“ wirkten auf ihn „wie in einem Freilichtmuseum“, und „die Marienkirche“ sah aus „wie auf einer Postkarte von vor dreißig Jahren“. (Nebenbei, der Hauptmarkt, der damit gemeint ist, trug nie den Namen Rathausplatz.) „Die rote Burg, wo bis vor wenigen Tagen Hans Frank residierte“ erschien ihm „wie ein Lebkuchenhaus“. Er ging „an unberührten, weiß getünchten Arkaden“ vorbei usw.
Vielleicht springt dieses nicht ganz stimmige Bild deshalb so ins Auge, weil es eine Zeit betrifft, die für den – von Nawrat sehr raffiniert gestalteten – Ausgang der Auseinandersetzung der beiden Protagonisten entscheidend ist: Was Wanda wirklich interessiert, sind die neue politische Ära, die in Polen 1945 anbrach, und die Rolle, die Mrugalski dabei spielte. Der Grund dafür ist ihr Vater, der damals in einem Krakauer Gefängnis verhört wurde und bei dem die Folterungen bleibende Schäden hinterließen. Sie will also wissen, ob Mrugalski, der sich trotz seiner Gulag-Erfahrung den neuen Machthabern angeschlossen hatte, an solchen Folterungen beteiligt war.
Sie fragt danach nicht direkt, versucht nur vorsichtig, ihn zum Reden zu animieren, kaum beginnt er aber, diese Zeit zu verharmlosen, geht sie in die Offensive: Sie fragt ihn, ob er 1948 gegen die Vereinigung der Sozialistischen Partei mit der Arbeiterpartei „protestiert“ und ob er dies „öffentlich“ getan habe, worauf er ihr allen Ernstes antwortet, er habe „natürlich“ protestiert und „Kritik geübt. Auch meinen Vorgesetzten gegenüber.“ Und gerade als man sich fragt, ob man es hier mit Ignoranz und Naivität der Figuren oder des Autors zu tun hat – denn niemand protestierte in Zeiten des stalinistischen Terrors gegen irgendwas öffentlich, schon gar nicht gegen die Abschaffung des politischen Pluralismus, die für die Etablierung des Regimes entscheidend war –, beendet Mrugalski das Gespräch mit dem Satz: „Entschuldigen Sie, aber Sie haben keine Ahnung.“
Zwei Generationen, zwei verschiedene Phasen eines totalitären Systems, aber dieselben Fragen, die um die Begriffe Anstand, Moral, innere Freiheit, Allgegenwart der Politik oder autoritäre Macht kreisen. Fragen, auf die es keine eindeutigen Antworten gibt. Wanda muss es noch lernen, Mrugalski weiß es längst. Nicht zufällig hat er in den Sechzigern in den USA Kurse in Soziokybernetik besucht, in ihnen gelernt, dass es falsch sei, „den Menschen als moralisch verantwortliches Subjekt“ zu betrachten, weil Menschen sich vor allem „in Strukturen einfügen“, und dann selbst ein Modell entwickelt, mit dem sich das menschliche Verhalten statistisch berechnen lässt.
Er streut auch entsprechende Reflexionen in das Gespräch mit Wanda ein, wohl wissend, dass sie sein Leben als „eine zwingend aus Kausalitäten und rationalen Entscheidungen sich ergebende Geschichte“ betrachtet. Er provoziert damit ein intellektuelles Duell, das keiner von ihnen gewinnen kann, das aber den Leser umso mehr in Atem hält. Und das ist Matthias Nawrats dramaturgischem und sprachlichem Können zu verdanken, das man – wenn man einmal von dem penetranten, der Handlungszeit nicht adäquaten Gendern absieht – entsprechend genießt.
Matthias Nawrat: „Das glückliche Schicksal“. Roman. Rowohlt Verlag, Hamburg 2026. 272 S., geb., 24,– €.
