Eine Mischung unterschiedlicher Gefühle ergab sich nach diesem nächsten furiosen Auftritt der französischen Mannschaft, die immer besser hineinwächst in ihre Rolle als größter Favorit auf den Weltmeistertitel. Vor dem 4:1 (3:1) gegen Norwegen wurde den Opfern des Erdbebens in Venezuela gedacht, nach der Partie drehte sich vieles um den trauernden Trainer Didier Deschamps, der in die Heimat gereist war, um an der Beerdigung seiner verstorbenen Mutter teilzunehmen.
„Meine Gedanken sind ganz bei Didier“, sagte der Assistenzcoach Guy Stéphan, der seinen Chef rund um das letzte Gruppenspiel vertreten hatte. „Morgen zum Training stößt Didier wieder zu uns, wir freuen uns sehr auf seine Rückkehr“, verkündete Stéphan. Eine gute Nachricht, schöne Ergänzung zur Freude über eine rundum gelungene Gruppenphase der Franzosen ist: drei Siege, 10:2 Tore, die ehemaligen WM-Minimalisten sind endgültig zu Vertretern des schönen Offensivspiels geworden.
„Genauso müssen wir weitermachen“
Deschamps wird eine hervorragende Ausgangslage für das Sechzehntelfinale entweder gegen Schweden vorfinden, dem im Achtelfinale ein Duell gegen Deutschland folgen könnte. „Wir verstehen uns immer besser – das ist gut, genau so müssen wir weitermachen“, sagte Ousmane Dembélé, der gegen Norwegen die ersten drei Tore für Frankreich geschossen hatte und damit nach den im bisherigen Turnier brillanten Kylian Mbappé und Michael Olise der dritte Offensivspieler ist, der immer heller strahlt. Eine Begegnung mit Deutschland fürchtet offenkundig niemand im französischen Lager.
Es gab ja rund um die deutsche Mannschaft den leisen Wunsch, dass die Franzosen solch einem Duell der ehemaligen Weltmeister womöglich aus dem Weg gehen und Norwegen den ersten Tabellenplatz überlassen könnten. Diese Idee entpuppte sich sofort als absurd: Nach 25 Sekunden traf Mbappé nach einem furiosen Angriff die Latte, nach sieben Minuten hatte Dembélé das 1:0 geschossen, nach 19 Minuten ließ der frühere Dortmunder den zweiten Treffer folgen, nach 31 den dritten.
Ein mögliches Achtelfinale gegen Deutschland ist in Wahrheit sogar erwünscht bei den Franzosen – nicht nur, weil die Mannschaft von Julian Nagelsmann bei dieser WM alles andere als furchteinflößend spielt. Es gibt auch organisatorische Gründe. „Die Reisezeiten sind deutlich länger, wenn man Zweiter wird – ganz zu schweigen von der Problematik der Anstoßzeiten und Temperaturen“, hatte der Ersatzchefcoach Stéphan bereits vor dem Spiel erläutert.

Durch den Gruppensieg sparen sich die Franzosen auf dem Weg bis ins Finale insgesamt 6000 Reisekilometer und zehn Flugstunden. Außerdem können sie in ihrem Teamcamp nahe Boston bleiben, und als Zweiter hätte Frankreich es direkt in der nächsten Runde mit der Elfenbeinküste zu tun bekommen. Auch das erscheint wenig attraktiv. Anfang des Monats hatten sie noch gegen die Ivorer verloren. Und nicht zuletzt wollen sie im Gewinnerrhythmus bleiben, statt irgendwelche Taktikspielchen zu betreiben. „Es war uns sehr wichtig, dass wir fokussiert bleiben“, sagte Dembélé.
Die Norweger hingegen schonten ihre wichtigsten Offensivleute. Martin Ödegaard und Erling Haaland saßen 90 Minuten auf der Bank, wodurch Trainer Ståle Solbakken allen Feldspielern im Kader und dem zweiten Torhüter Einsatzminuten verschaffen konnte.
Ohne feste Positionen, immer in Verbindung
Das war nett. Andererseits wurde dem Publikum damit das erste direkte Aufeinandertreffen von Spielern aus dem exquisiten Kreis der ganz großen WM-Individualisten vorenthalten: Neben Lionel Messi, Harry Kane und Vini Junior gehören ja auch Mbappé und Haaland hierher.
Stattdessen stieß Dembélé in die Phalanx der besten Torjäger vor und machte deutlich, wie einzigartig die Fähigkeiten der französischen Offensive in diesem Turnier sind.
Mbappé, Dembélé und Olise sind in diesem magischen Viererangriff gesetzt, auf der vierten Position wechseln sich Bradley Barcola und Désiré Doué ab, der diesmal zunächst auf der Bank saß, nach seiner Einwechslung aber den vierten Treffer schoss. Als jemand von Stéphan wissen wollte, warum Dembélé im Verlauf der Gruppenphase seinen Platz mit Olise getauscht habe und nun auf dem rechten Flügel statt auf der Zehnerposition spielt, sagte der Trainer: „Die Spieler haben keine festen Positionen, sie können sich überall hinbewegen, wenn die Verbindung zu den anderen funktioniert.“
Das Quartett der Freigeister, die verstanden haben, wie sie sich in die Ordnung des Teams einbinden müssen, um stabil zu bleiben, gehört zu den spannendsten Erscheinungen dieser WM.
Allerdings gab es auch ein paar Schwächen, die bei den Deutschen zarte Hoffnungen keimen lassen könnten, an einem guten Tag doch etwas gegen diese fulminante Wucht der hohen Fußballkunst ausrichten zu können. Mehrfach rissen in der Defensive erstaunlich große Lücken auf. Auch ohne ihre besten Angreifer schossen die Norweger ein Tor und kamen zu einem Elfmeter, den Strand Larsen jedoch verschoss.
