
In Russland ist mit Sergej Iwanow ein ehemals ranghoher Funktionär und langjähriger Weggefährte des Herrschers Wladimir Putin gestorben. Einer, der wie Putin seine Karriere in den Siebzigerjahren beim sowjetischen Geheimdienst KGB in Leningrad, wie Sankt Petersburg damals hieß, begann. Einer Erzählung Iwanows zufolge teilten er und Putin einst sogar ein Büro mit Blick auf den Fluss Newa.
„Mit tiefer Trauer geben wir bekannt, dass Sergej Iwanow heute verstorben ist“, sagte Putins Sprecher, Dmitrij Peskow, am Freitagnachmittag. Putin habe den Angehörigen sein „tiefes Beileid“ ausgesprochen und ein Telegramm übermittelt. Zur Todesursache wurde nichts bekannt gegeben, zuletzt aber war berichtet worden, Iwanow sei schwer erkrankt.
Iwanows und Putins Karrieren im Paarlauf
Nach einem Studium als Übersetzer in den Siebzigerjahren war Iwanow erst für den KGB, dann für den daraus hervorgegangenen Auslandsnachrichtendienst SWR tätig. Als Putin 1998 Direktor des ebenfalls aus dem KGB entstandenen Inlandsgeheimdiensts FSB wurde, holte er seinen Bekannten als Stellvertreter zu sich. Beider Karrieren blieben verwoben. Präsident Boris Jelzin machte Putin 1999 zum Ministerpräsidenten, Iwanow wurde Sekretär des Sicherheitsrats. Mit einer Unterbrechung zwischen 2008 und 2012 blieb Iwanow bis in den vergangenen Februar Mitglied des Gremiums.
2001, schon als Präsident, ernannte Putin Iwanow zum Verteidigungsminister. Zu den schwierigen Aufgaben dieses Amtes zählte es seinerzeit, die Sollstärke der Armee von mehr als einer halben Million Soldaten auf 350.000 zu senken, trotz des Krieges in der Nordkaukasus-Teilrepublik Tschetschenien.
Im Februar 2007 wurde Iwanow Erster Stellvertretender Ministerpräsident. Seinerzeit suchte Putin, der nach zwei Amtszeiten nicht mehr für die Präsidentenwahlen im Mai 2008 kandidieren durfte, einen Nachfolger, vielmehr einen Statthalter. Nach manchen Berichten entschied er sich damals nicht für Iwanow, weil dieser beliebter war und als politisch fähiger galt als Dmitrij Medwedjew. Der mehr als zehn Jahre jüngere, schwächere und unselbständigere Weggefährte war seinerzeit ebenfalls Erster Stellvertretender Ministerpräsident.
Medwedjew war schwächer, also besser
Putin habe verstanden, schrieb das exilrussische Nachrichtenportal „Medusa“ im vergangenen Februar, dass ihm Medwedjew 2012, zum Ende der Amtszeit, das Präsidentenamt wieder überlassen werde. Bei Iwanow sei er sich da nicht so sicher gewesen. Nach anderen Berichten zog Putin aus denselben Gründen nie ernstlich in Erwägung, Iwanow zum Präsidenten zu machen.
Medwedjew wurde also plangemäß Präsident, Putin Ministerpräsident, Iwanow stellvertretender Regierungschef. Als 2011 die „Rochade“ zwischen Putin und Medwedjew verkündet wurde, stieg Iwanow zum Leiter der Präsidialverwaltung auf und behielt diesen Posten nach Putins von Massenprotesten überschatteter Rückkehr ins Präsidentenamt bis 2016.
In diese Zeit fiel der Tod des älteren seiner beiden Söhne: Alexandr Iwanow ertrank 2014 beim Urlaub in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Der jüngere Sohn, der wie sein Vater Sergej heißt, macht bis heute Karriere in staatsnahen Unternehmen, wie es in der neofeudalistischen russischen Elite üblich ist.
Vater Iwanow diente von 2016 an dann als Putins Sondervertreter für Naturschutz, Umwelt und Verkehr. Er widmete sich zum Beispiel dem Schutz des Amurtigers. Die EU, die USA und andere Staaten hatten Sanktionen gegen Iwanow verhängt. Der aber blieb Putin nach allem, was man weiß, treu und befürwortete im Staatsfernsehen auch den Angriffskrieg gegen die Ukraine: „Ich helfe unserer Armee im Rahmen meiner bescheidenen Möglichkeiten, so gut ich kann.“
