Als Ahmed Arajiga aus Tansania am späten Nachmittag das Spiel abpfeift, kennt die Begeisterung keine Grenzen. Tausende Zuschauer im Estádio Nacional de Cabo Verde rennen auf den Rasen und umarmen die Spieler und jeden anderen, der in diesem Moment seiner Begeisterung freien Lauf lässt. Wenig später strömen sie in die Straßen von Praia, der Hauptstadt der Kapverdischen Inseln, das Hupen der Autos erfüllt die Stadt, ekstatische Fans schießen Feuerwerkskörper in die Luft.
So beginnt am 13. Oktober 2025 in einem abgelegenen Archipel, 500 Kilometer vor dem westafrikanischen Festland, der zweite Karneval des Jahres. Alles nur, weil sich die Fußball-Nationalmannschaft des Inselstaats soeben mit einem 3:0 über Eswatini zum ersten Mal in ihrer Geschichte für ein WM-Turnier qualifiziert hat.
Kap Verde ist alles andere als ein wohlhabendes Land. Das Bruttosozialprodukt liegt pro Kopf bei rund 5000 Euro im Jahr. Bodenschätze gibt es nicht, die Landwirtschaft leidet unter Dürreperioden. Menschen, die hier aufwachsen, ziehen deshalb seit Generationen in andere Staaten, auf der Suche nach einem besseren Leben. Nicht nur nach Portugal, ins Land des ehemaligen Kolonialherrschers, der die Inselgruppe fast genau 50 Jahre vor diesem denkwürdigen Tag in die Unabhängigkeit entließ.
Der Innenverteidiger Roberto „Pico“ Lopes, als Sohn eines kapverdischen Vaters in Irland geboren und Kapitän des dortigen Rekordmeisters Shamrock Rovers, kennt diese Geschichte. „Wir sind über die ganze Welt verstreut“, sagte er nach der erfolgreichen WM-Qualifikation, die Fans rund um den Globus elektrisierte, die Daheimgebliebenen genauso wie die Ausgewanderten. Er habe immer davon geträumt, einmal bei einer Weltmeisterschaft dabei zu sein. Es gebe „keine größere Bühne im Sport“.
So ging es auch anderen Exoten aus dem Mittelfeld der FIFA-Weltrangliste, die es aufgrund des Teilnehmerfelds von 48 Mannschaften erstmals dorthin schafften – wie Curaçao, Jordanien und Usbekistan. An der Situation von Kap Verde aber ist einiges anders. Nicht weil der Nationalmannschaftskader hauptsächlich aus Spielern besteht, die in der europäischen Diaspora in den Niederlanden, Portugal und Frankreich aufgewachsen sind und sich dort sportlich entwickelt haben. Aus diesen Quellen bedienen sich auch andere Nationen. Und auch nicht weil der schillernde Begriff „Morabeza“ in dem aus afrikanisch-portugiesischen Elementen geformten kapverdischen Kreol mehr als nur Gastfreundschaft und Herzlichkeit bedeutet. Er artikuliert ein ganzes Lebensgefühl, eines, das den Ambitionen des modernen Profisports eigentlich zuwiderläuft – es lässt sich auch mit „kein Stress“ übersetzen.
Neuengland ist das Zentrum der Kapverdier in den USA
Nein, es ist vielmehr der Umstand, dass die Bühne diesmal in Nordamerika steht. Nirgendwo sonst auf der Welt leben so viele Menschen kapverdischer Abstammung in einer Region: in Neuengland, im Nordosten der Vereinigten Staaten. Dort, wo die Vorfahren unter anderem im damals gut bezahlten Walfang anheuerten, sich später niederließen und Familienangehörige und Freunde zu Tausenden nachholten.
Ihre Zahl kann selbst Joe DaMoura nur schätzen, der geschäftsführende Direktor des ersten Museums für kapverdische Kulturgeschichte in Pawtucket, einem Vorort von Providence, 5000 Kilometer Luftlinie von der Inselgruppe entfernt. Er glaubt, es seien etwa eine Million Menschen, doppelt so viele, wie auf den zehn Inseln leben. Die Zahl liegt deutlich über den offiziellen Ergebnissen der amerikanischen Volkszählungen, die im Zehn-Jahres-Takt stattfinden. „Aber Sie wissen vielleicht“, sagt DaMoura, „dass Kapverdier wie Angehörige anderer Minderheiten kaum an der Zählung teilnehmen.“
Wo sie leben und feiern, lässt sich leicht herausfinden. Erst recht an Tagen wie dem 13. Oktober 2025. Jeder Auswanderer, jeder Nachfahre von Einwanderern ist stolz auf die Repräsentanten der Heimat, die „Blue Sharks“, die „blauen Haie“. Jaysen Luanda, Inhaber eines kapverdischen Restaurants in Brockton (Massachusetts), erinnert sich: „Die Leute haben gesagt: ‚Wir müssen zu Luanda‘. Und wir haben Champagnerflaschen entkorkt. Alle in der Stadt wollten feiern, einige hatten Ghettoblaster dabei.“ Ein Mann sei ins Restaurant gekommen und habe Funaná gespielt, jene Inselmusik, in deren Texten es um Sorgen und Freuden des Alltags geht, aber auch um Gesellschaftskritik oder idyllische Szenen. „Kapverdische Musik“, schwärmt Luanda, „weckt sofort ganz viel Nationalstolz.“

Diese Energie flammte kurz vor WM-Beginn wieder auf. Die Diaspora identifiziert sich intensiv mit „ihren“ Spielern und so gut wie gar nicht mit dem amerikanischen Team. Auch wenn dort ein erheblicher Anteil von Einwandererkindern und eingebürgerten Talenten das Bild einer bunten Migrantenkultur vermittelt. Der Respekt für die eigene Mannschaft mit dem herausragenden Torhüter Josimar Dias, besser bekannt als Vozinha, ist ein weltweites Phänomen. Seine Instagram-Gemeinde wuchs nach dem sensationellen Unentschieden gegen Europameister Spanien von 50.000 auf mehr als 15 Millionen.
Die meisten Kapverdier in den USA können die Überraschungsmannschaft und ihre beiden Remis in der Gruppe H gegen die favorisierten Spanier und Uruguayer wie gewohnt nur von weit weg begleiten. Die Spiele fanden und finden in weiter Entfernung statt: in Atlanta, in Miami und wie an diesem Freitag in Houston. Für die Partie dort gegen Saudi-Arabien gibt es drei Szenarien: das Ausscheiden (im Fall einer Niederlage), einen dritten Platz (bei einem abermaligen Unentschieden) und sogar Tabellenrang zwei (bei einem Sieg). Das hätte eine Reise ins noch fernere Mexiko-Stadt und ein Spiel gegen den aktuellen Weltmeister Argentinien zur Folge.
Alex Figueiredo ist 32 Jahre alt, in den USA geboren und aufgewachsen in Kap Verde. Als Teenager war er in die Vereinigten Staaten zurückgekehrt, wo er hauptsächlich zwei Leidenschaften nachging: dem Fußball, als Mittelfeldspieler in der High-School-Mannschaft von Quincy unweit von Brockton, und dem Grafikdesign. Einem Fach, das er nach dem Studium zu seinem Beruf machte, als er seine eigene Branding- und Bekleidungsfirma Islandz auf die Beine stellte.
Der bisher größte Erfolg seiner Karriere war, dass er und sein Cousin Filipe Soares 2020 den Auftrag bekamen, das offizielle Emblem des kapverdischen Fußballverbands zu gestalten. Das Logo mit dem blauen Hai wurde zum Symbolbild der Nation, es ziert seitdem jedes Trikot und jeden Merchandising-Artikel. „Wir waren damals noch nie bei einer Weltmeisterschaft gewesen, und die Leute hätten das nicht im Entferntesten für möglich gehalten“, erinnert sich Figueiredo. „Aber wir waren überzeugt: Das wird eines Tages passieren. Und wenn, dann brauchen wir ein Wappen, ein Logo, ein Emblem, das uns so aussehen lässt, als gehörten wir dazu.“
„Zehn Inseln, eine Nation, ein Traum“
Seine Idee mit dem stilisierten Meerestier ist die perfekte visuelle Umsetzung des Slogans einer Verbandskampagne, den er und sein Vetter nebenbei gleich mitentwickelten: „Zehn Inseln, eine Nation, ein Traum.“
Figueiredo war damit aber noch nicht zufrieden. Er sei „total ausgeflippt“, sagt er. „Stell dir vor: Mein Land, von dem ich nie gedacht hätte, dass es überhaupt einmal zu einer Weltmeisterschaft fahren würde, spielt ausgerechnet in dem Land, in dem ich lebe.“ Also wollte er unbedingt bei allen Spielen des Teams im Stadion sein.
Er verfolgte die ersten beiden Partien sogar von Plätzen nahe dem Spielfeldrand aus, saugte alles auf. Nach dem 2:2 gegen Uruguay brach er in Tränen aus. Und er war nicht der Einzige. „Als ich mich umdrehte, sah ich: Alle weinen. Jeder liegt einem anderen in den Armen.“
Die beiden Unentschieden kamen für ihn nicht unerwartet. „Als Kapverdier wussten wir, dass die Mannschaft viel Potential hat. Und sie hat das, was man an Taktik und Technik braucht, um gegen Saudi-Arabien zu gewinnen.“ Nur muss sie das, aktuell auf Platz 63 der FIFA-Weltrangliste und damit drei Ränge hinter den Saudis liegend, an diesem Freitag erst noch beweisen.
Der Verband hatte es ermöglicht, dass Fans Eintrittskarten für die Gruppenspiele über eine spezielle Website zu erschwinglicheren Preisen kaufen konnten. Figueiredo griff zu. „Die teuersten Tickets kosten 500 Dollar, die preiswertesten liegen bei 60“, sagt er. Dazu Flüge, Hotelübernachtungen, Mietwagen. Eine erhebliche Stange Geld. Dass ihm der Verband trotz seiner Rolle als Designer des Motivs, das die Spieler auf der linken Brust tragen, keine Freikarten spendiert hatte, nahm er hin. „Kap Verde ist ein kleines Land. Ich wollte keinen Konflikt heraufbeschwören. Und dachte gleichzeitig: ‚Okay, weißt du was? Das ist eine Lektion fürs Leben.‘“
Jaysen Luanda betrachtet den sportlichen Teil dieser Erfahrung auf seine Art. „Wissen Sie, wir haben große Hoffnung“, sagt er. „Wir sind sehr, sehr zuversichtlich.“ Dass die meisten das Ganze nur im Fernsehen verfolgen können? „Das ist eine Fußnote“, sagt er. Wichtig sei, „dass man es geschafft hat“. Als Einwohner der USA betrachteten sie es wie ein Heimspiel, egal wo es stattfinde. „Auch wenn die große Mehrheit in Neuengland lebt: Kapverdier gibt es überall in den USA.“
Auch Luanda verspürte den Drang, dabei zu sein, und buchte zumindest einen Trip – zum ersten Spiel gegen Spanien in Atlanta. Das musste reichen, weil er sein Restaurant, in dem die Kapverdier von Brockton so gern feiern, nicht einfach im Stich lassen kann.
Alex Figueiredo hofft, dass seine Tournee quer durch Nordamerika in diesem Sommer noch weitergeht. Er hat sich die Zeit freigehalten. Er suche bereits nach Flügen für das nächste Spiel – in der ersten K.-o.-Runde. Genau wie andere in der Diaspora auch. „Alle schweben wie auf Wolken“, sagt Figueiredo. „Niemand kann über etwas anderes auch nur nachdenken als: Wann ist das nächste Spiel? Wo müssen wir hin?“
