24 Stunden. Länger bleibt kaum ein Frachtgut im Hochregallager des Lufthansa-Cargo-Centers am Frankfurter Flughafen. Bei rund eineinhalb Millionen Tonnen Frachtumschlag im Jahr bedeutet das vor allem: Es muss sehr schnell gehen.
Um die Abläufe noch sicherer und zuverlässiger zu gestalten, investiert Lufthansa eine ordentliche Stange Geld: 600 Millionen Euro fließen im Rahmen des Projekts LCCevo bis 2030 in die Erneuerung und Modernisierung des Frachtzentrums an Deutschlands größtem Flughafen. Der erste und wichtigste Bauabschnitt Alpha, der das zentrale Hochregallager, das kleinere automatische Lager für Europaletten (das auf 20 Grad gekühlt wird) und das kleine, auf sechs Grad heruntergekühlte Lager für die Pharma-Branche umfasst, ist fertig und am Donnerstag feierlich eröffnet worden. Allein dieser Bauabschnitt kostete 160 Millionen Euro.
Für Cargo-Chef Ashwin Bhat ist das Erreichte ein „historischer Meilenstein“, den es „nur einmal in einer Generation“ gebe. Lieferketten würden weltweit komplexer, Geschwindigkeit und Zuverlässigkeit immer wichtiger.
Frankfurt ist der Kern für Lufthansa Cargo
Die Modernisierung des LCC, wie das Frachtzentrum genannt wird, sei daher notwendig gewesen. Sie war wie eine Operation am offenen Herzen. Seit der Eröffnung des alten Frachtzentrums 1982 läuft der Umschlag rund um die Uhr, sieben Tage in der Woche. Auch während des Baus. Bhat verglich den Umbau daher mit dem Versuch, „die Küche zu renovieren, obwohl man darin jeden Tag kocht“.
Im vergangenen Jahr erzielte Lufthansa Cargo nach Bhats Angaben 3,4 Milliarden Euro Umsatz und ein operatives Ergebnis von 324 Millionen Euro. Weltweit beschäftigt das Unternehmen rund 4500 Mitarbeiter, davon 2700 in Frankfurt. Die große Mehrheit des Frachtvolumens läuft über den größten deutschen Flughafen. Frankfurt sei „das Herz unseres Netzwerks“.

Kernstück der ersten Bauphase ist das automatisierte Hochregallager: Es ist 42 Meter hoch und bietet auf 13 Ebenen knapp 3000 Stellplätze für große Frachtpaletten, die zweieinhalb Meter lang und breit sind und mit bis zu rund zwei Tonnen Fracht beladen werden können. Mehr als 300 Ein- und Auslagerungen je Stunde sollen in dem neuen Lager möglich sein, etwa doppelt so viele wie im alten Lager. Dafür werden die Paletten in acht Aufzügen automatisch in die richtige Etage gefahren und dort von 52 sogenannten Shuttles auf der horizontalen Ebene zu ihren Stellplätzen gebracht.
Der jetzt abgeschlossene Schritt sei rückblickend der schwierigste des ganzen Projekts gewesen, sagte der Ingenieur und Cargo-Mitarbeiter Achim Hamann, der Besucher durch das neue Hochregallager führte. Vor allem, weil hier die Basis für alle weiteren Bauabschnitte gelegt worden sei. Dazu gehöre vor allem die Gebäudetechnik: Brandmeldeanlagen, Behördenfunk, Sicherheitstechnik, Elektrotechnik, IT, eine eigene Trafostation, Klima-, Kälte- und Belüftungssysteme. Der Strombedarf sei „enorm“, vor allem wegen der Fördertechnik und der Kühlung.
Projekt hat lange Vorgeschichte
Das Besondere am Frachtzentrum ist seine Schnelligkeit. Kaum ein Paket bleibe länger als 24 Stunden dort, heißt es. Manchmal blieben für den Umschlag nur wenige Stunden Zeit, etwa wenn eine Maschine in Frankfurt lande und die geladene Fracht dann innerhalb kurzer Zeit auf mehrere Flugzeuge, die zu unterschiedlichen Zeiten starteten, umgeladen werden müsse. Entsprechend schnell müssen Break Down, also die Zerlegung ankommender Fracht für die Weitersendung, das Einlagern und der neue Build Up einzelner Sendungen zu einer größeren Ladeeinheit passieren. Die Förderanlage transportiert die Paletten dafür mit Geschwindigkeiten von bis zu 1,2 Metern pro Sekunde.

Das Gesamtprojekt LCCevo hat eine lange Vorgeschichte. Pläne für ein neues Frachtzentrum gab es im Lufthansa-Konzern schon vor bald 20 Jahren. Der damalige Cargo-Chef und heutige Vorstandsvorsitzende der Lufthansa Group, Carsten Spohr, stellte das Vorhaben 2009 unter den Vorbehalt, dass Frachtflüge auch nach dem schon damals absehbaren Nachtflugverbot in Frankfurt wirtschaftlich sinnvoll blieben. Hinzu kam, dass die Finanz- und Wirtschaftskrise das Luftfrachtaufkommen einbrechen ließ. Nach der Inbetriebnahme der Nordwestlandebahn und dem Nachtflugverbot 2011 wurden die Pläne zunächst verkleinert, dann auf Eis gelegt. Erst 2017 kehrte das Projekt zurück, nicht mehr als „LCC Neo“, sondern als „LCC Evo“ für Evolution: keine vollständige Neuerfindung, sondern eine Kombination aus Neuem und Modernisiertem.
Über die Vergangenheit will der aktuelle Cargo-Chef Bhat bei der Eröffnung nicht sprechen. Frühere Projekte seien aus Gründen gescheitert, die man heute nicht mehr ändern könne, sagt er im Gespräch nur. Der neue Ansatz mit den Bauabschnitten Alpha, Bravo und Charlie sei der Grund, warum das Projekt nun erfolgreich vorankomme.
Für Michael Niggemann, Personalvorstand der Lufthansa Group und Aufsichtsratsvorsitzender der Cargo-Tochtergesellschaft, ist die Eröffnung nach Jahren, in denen in der deutschen Wirtschaft oft nur von Krisen gesprochen worden sei, „ein bewusstes Gegenzeichen“. Das neue Frachtzentrum sei „ein klares Bekenntnis zu Frankfurt, zu Hessen und zu Deutschland“.
Niggemann: Europa ist zu teuer
Gleichzeitig kritisierte Niggemann die Politik. Die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts Deutschland habe „massiv gelitten“. Mehr als 30 Prozent der Luftfracht gehe inzwischen über Drehkreuze am Bosporus oder am Golf. Europäische Abgaben und Quoten führten zu Verzerrungen, ohne dem Klima zu helfen.
Der beste Lärm- und Klimaschutz seien überdies neue, moderne Flugzeuge, sagte Niggemann. Daher investiere Lufthansa nicht nur in das Frachtzentrum, sondern vollziehe derzeit die größte Flottenmodernisierung der Geschichte. Für die nächsten zwei Jahre bekomme die Gruppe alle zwei Wochen ein neues Flugzeug. Das helfe auch der Cargo: Jede Investition in neue Passagierflugzeuge sei zugleich eine in Fracht, weil etwa die Hälfte der verkauften Luftfrachtkapazität im Unterdeck von Passagiermaschinen transportiert werde.
Der hessische Wirtschafts- und Verkehrsminister Kaweh Mansoori (SPD) nannte den Flughafen einen „Herzmuskel“ der Region, der von zwei starken Kammern bewegt werde: dem Passagierverkehr und der Fracht. Zwar mache Luftfracht nach Gewicht nur rund ein Prozent der transportierten Tonnage im Außenhandel aus, wertmäßig würde aber rund ein Viertel aller Exporte in Nicht-EU-Staaten auf dem Luftweg transportiert.
Hessen habe das Projekt daher von Beginn an unterstützt, etwa bei Genehmigungsfragen. An Niggemann gerichtet sagte er, wohl auch mit einem Augenzwinkern Richtung München als Zweitstandort der Lufthansa-Gruppe: „Sollten Sie feststellen, dass es woanders schwerer ist, eine Baugenehmigung zu bekommen, stehen Ihnen die Türen in Frankfurt immer offen.“
Die neue Anlage wird am kommenden Mittwoch regulär in Betrieb genommen, allerdings langsam und parallel zum alten System. Der Hochlauf soll mehrere Monate dauern. Läuft alles stabil, wird das alte Lager abgeschaltet und die nächste Bauphase beginnt, die unter anderem den Abriss des alten Hochregallagers vorsieht.
Die Fassade des neuen Gebäudes ist so ausgelegt, dass Erweiterungen möglich bleiben; auch das Hochregallager könnte auf der Ostseite in Richtung Rollfeld zusätzliche Plätze erhalten. Nachhaltiger werden soll das Zentrum ebenfalls: Photovoltaikanlagen auf etwa 19.000 Quadratmetern Dachfläche sollen Energieverbrauch und Emissionen senken.
