
Sollten Journalisten KI im aktiven Prozess des Schreibens und Verfassens von Text (hier geht es nicht um Recherche) nutzen dürfen oder nicht? Diese Frage treibt seit geraumer Zeit nicht nur viele Redaktionen um, sie spaltet sie regelrecht. Das Glück des einen ist die Mühe des anderen – zusätzlich abhängig von Gegenstand, Format und Text-Gattung.
Und: Wie viel KI-Hilfe soll in welcher Situation überhaupt zugelassen werden? Sollen Zusammenfassungen erlaubt sein? Formulierungshilfen? Stilkritik? Oder ist die KI-basierte Rechtschreibkorrektur schon zu viel? Diese Fragen wiederum hängen eng mit dem Selbstbewusstsein und der Verfassung des jeweiligen Autors zusammen. Unstrittig ist indes, dass KI dem Autor vieles erleichtern, manches sogar womöglich besser kann als er. Nur: Wollen wir das? Und wer ist „wir“?
Selbst geschrieben und verantwortet
Man habe vor allem über das Wort „maßgeblich“ diskutiert, schreibt Kurbjuweit: „Uns beschäftigte die Frage, ob und wie wir die künstliche Intelligenz beim Schreiben einsetzen. Ist das verboten oder in gewissen Grenzen erlaubt, solange der Text maßgeblich von uns selbst stammt?“ In der Folge habe die Redaktion darüber gestritten, ob man künftig nur mehr „eine Art TÜV“ der Texte sein will oder „auch die Autos“ baut.
Nun hinkt der Vergleich mit Autos etwas, schließlich läuft deren Produktion längst „maßgeblich“ automatisiert ab. Aber der Punkt ist klar: Wenn Journalisten ihre Texte, deren Wesen man im Vergleich zum Auto vielleicht irgendwo zwischen Gebrauchsgut und Kleinkunst verorten darf, nicht mehr „maßgeblich“ selbst schreiben, wie viel Verantwortung tragen sie dann? Nimmt die Angriffsfläche ab? Nimmt sie zu? Kann man zur Not der KI die Schuld geben – und: Wer will das alles eigentlich überprüfen?
Es kommt auf den Leser an
Zu den Grundsätzen der Frankfurter Allgemeinen Zeitung im Umgang mit der KI als Werkzeug gehört folgender: „Wir veröffentlichen heute und auch künftig keine Originalbeiträge mit von KI generiertem Text. Es sei denn, die Tatsache, dass der Text von KI generiert wurde, ist der eigentliche Sinn des Beitrags. In solchen Fällen legen wir die Verwendung offen und weisen auf Fehler hin.“ Herausgeber Carsten Knop präzisierte jüngst: „Wir schreiben unsere Artikel selbst und tragen dafür die Verantwortung.“
Für die Nutzung der KI im Journalismus, sei es zur Aufarbeitung und Extraktion von Daten, zur Erkennung von Mustern, spricht vieles – so viel, dass es sich kaum eine Redaktion leisten kann, auf KI zu verzichten. Gegen die Nutzung spricht, dass sie für die meisten Schreibenden eine komplett unverstandene Blackbox ist. Das mag der Computer zwar in vielen Fällen auch sein, doch ist der vielmehr Werkzeug, kein eigenständiger Automat.
Und noch etwas anderes kommt hinzu: Die Redaktionen werden sich noch so sehr den Kopf darüber zerbrechen können, was in puncto Schreiben und KI erlaubt und verboten sein soll – ohne Einbeziehung der Leser wird man sich in diesem unübersichtlichen Wettrennen kein klares Bild machen können. Heißt: Nur, weil eine KI unter Umständen klarer, strukturierter oder substanzieller formulieren kann, muss dabei nicht zwangsläufig etwas herauskommen, das der Leser goutiert.
Mehr als eine Frage des Gemüts
Maschinen sind fehlerhaft, Menschen machen Fehler. Doch dies ist keine Entscheidung darüber, welche Fehler (maschineller oder menschlicher Art) schlussendlich mehr wiegen. Die platte Frage ist allen Bekenntnissen zur Menschlichkeit zum Trotz leider auch: Lassen sich KI-Texte verkaufen?
Oder gibt es neben dem von Dirk Kurbjuweit ins Feld geführten Alleinstellungsmerkmal „Gemüt“ des Autors, weitere, die für menschliche Texte sprechen und sie von KI-Texten abheben? Vielleicht entwickelt die KI ja künftig nicht nur Emergenzen, sondern ganz eigene Gemüter; anhand von simulierten Lebensumständen.
So sehen wir uns zuletzt der Frage gegenüber: Welche Journalisten wünschen sich die Leser künftig? Soll das Texthandwerk noch zu den Kernkompetenzen von Journalisten zählen, oder ist diese Vorstellung mittlerweile veraltet? Was geschieht mit journalistischen Denkprozessen, wenn man es auslagert, die Information textlich in Form zu bringen? Welche neuen Kompetenzen müssen sich Journalisten stattdessen aneignen? Solche, die über das reine Maschinen-Dirigat hinausgehen? Vielleicht können sich Leser und Journalisten darauf einigen, dass es Dinge gibt, die man von Mensch zu Mensch klären sollte. Dazu gehört der Journalismus.
