
Was lesen Sie?
In der Reihe „Zukunft der Demokratie“ hatte ich gerade Mely Kiyak zu Gast. Ich bewundere sie für ihre Sprache. Mely findet schlafwandlerisch die präzise, zärtliche, überraschende Formulierung, und sie hat die seltene Gabe, gleichzeitig komisch, politisch und poetisch zu sein. Bald kommen Ines Geipel und Péter Nádas zu Besuch ins Schauspielhaus Hamburg, und für mich als Kurator und Moderator dieser Reihe ist es ein besonderes Privileg, in die Bücher meiner Gäste zu versinken, ihre Welten zu erkunden und ihnen auf der Bühne anschließend meine Fragen zu stellen. Und nach der Publikation von „Königin der Nacht“ und den vielen Zuschriften von Menschen, die in ihrer Kindheit Ähnliches erlebt haben, begebe ich mich in den Abgrund der Gewalt, die an Kindern verübt wird. Ich lese Studien, wissenschaftliche Arbeiten und Gesetze und kann nicht begreifen, warum die Gesellschaft so wenig tut, um unsere Schwächsten zu schützen. Man kann mit guten Gründen zu fast allen Themen verschiedener Meinung sein, aber wir sollten uns jenseits der politischen Differenzen einig sein, dass das Wohl der Kinder die erste Aufgabe einer gerechten und demokratischen Gesellschaft ist.
Welches Buch haben Sie im Bücherschrank, das Sie garantiert nie lesen werden?
Ich habe gesucht und gesucht und keines gefunden. Bücher, die ich nie lesen werde, kommen nicht in meine Bibliothek. Der Platz ist zu kostbar. Und falls ich doch eines fände, so würde ich es augenblicklich lesen, denn ein Buch, von dem ich zu wissen meinte, dass ich es niemals lesen werde, möchte in unbedingt lesen.
Welche ist Ihre Lieblingsbuchhandlung?
Das ist die Buchhandlung Hirslanden in meinem Viertel. Hier gibt es ein gepflegtes Allgemeinsortiment, regelmäßige Lesungen, freundliche, kompetente Bedienung. Wie so viele Buchhandlungen ist sie ein wichtiger Knotenpunkt der sozialen und geistigen Infrastruktur meiner Nachbarschaft, betrieben von den unermüdlichen Eva und Walter Reimann.
In der Sonntagszeitung vom 28. Juni finden sich zusätzlich die Antworten von Lukas Bärfuss auf die Fragen: Was sehen Sie? Was hören Sie? Und: Wann haben Sie zuletzt Ihre Meinung geändert.
