Abkühlung tut Not an heißen Tagen. Die vielleicht exklusivste Adresse für erfrischendes Nass bietet die Vogelsberggemeinde Ulrichstein. Ausgerechnet sie, die mit 566 Metern höchstgelegene Stadt in Hessen, unterhält ein Naturschwimmbad. Nur die Kraft der Sonne erwärmt es – bei Hitzeperioden können es schon mal 20 Grad werden –, und es ist garantiert frei von Chemie. Einzig Schilf und Plankton filtern das Wasser. Da gedeihen sogar Seerosen und fühlen sich Frösche wohl, wie fröhliches Gequake im Ufergrün vermuten lässt.
Nicht ohne Stolz erinnert ein Aushang an die Vorreiterrolle, 1998 als erste Gemeinde Deutschlands ein Naturbad geschaffen zu haben. Vom damaligen Bürgermeister initiiert, sah sich Ulrichstein schon länger in einer ökologischen Vorreiterrolle. Als im allgemeinen Bewusstsein ein Windrad eher noch für Kinderspielzeug stand, wusste der Ort bereits in den frühen Neunzigerjahre die stets wehenden Lüfte zur Gründung des ersten kommunalen Windparks zu nutzen.
Buchen und Eichen trotzen den klimatischen Bedingungen
Daraus wurden Dutzende Drehflügler, und ein Ende ist nicht in Sicht. Die Anlagen dominieren unterdessen das offene Land, so weit das Auge reicht, wobei man selbst große Windwurfgebiete von Nadelgehölzen nördlich Ulrichsteins besetzt. Das lag nahe, seit sich nun auch im Vogelsberg die forstwirtschaftlichen Prioritäten zugunsten von Naturwäldern verschoben. Statt Setzlingen beherrschen Pionierpflanzen das Bild, zwischen denen sich erste Buchen Platz schaffen. Ihre Robustheit zeigen sie, wo sie bereits vor den Hitzewellen und Stürmen der letzten Jahrzehnte wuchsen. Hier widerstand sogar die Rarität größerer Haine an Blutbuchen.
Und selbst auf dem exponiertesten Punkt Ulrichsteins, dem 610 Meter hohen Vulkankegel des Schlossbergs, trotzen ausladende Buchen und Eichen den klimatischen Bedingungen. Sie beschatten einen Kriegsgräberfriedhof unterhalb der etappenweise mehr als 100 Jahre restaurierten Burgruine. Beim jüngsten Durchgang wurden die mächtigen Basaltmauern gesichert und wurde dem – nicht authentischen – Turm ein neues Dach aufgesetzt.
Weit geht der Blick über die parkartige Szenerie der von einem Flickenteppich aus Viehweiden, Hecken, Bauminseln und langen Wällen an Lesesteinen geprägten Landschaft. Dass sie sehr artenreich ist, demonstriert der um die Burg vor 25 Jahren angelegte „Vogelsberggarten“. Über sechs Hektar schuf die Naturparkverwaltung eine Zusammenschau von rund 250 Kultur- und Wildpflanzen, ergänzt um Felder und selbst Rinder und Schafe zur Veranschaulichung früherer Lebensformen.
Wegbeschreibung:
Start ist am Lindenplatz – mit großer Stellfläche – vor dem Ulrichsteiner Rathaus; hier hält auch der Bus. Von den vorhandenen Wanderzeichen ist lediglich das gelbe Kreuz relevant. Es weist auf der ersten Hälfte der Strecke den Weg —, es sei denn, man entscheidet sich zu Beginn für eine Schleife über das Naturbad.
Die Markierung führt vom Platz neben der Schule in Richtung Stadtpark, dann weiter durch Pfaffenacker- und Ludwigstraße, bevor sie links in einen unscheinbaren Abzweig einbiegt. Über Schaubstraße und Lacheweg geht es hinaus in die offene Flur mit hohen Wiesen und Getreidefeldern bis an den Waldrand. Dort findet Anschluss, wer das Bad mit einbezieht. Abweichend vom Kreuz läuft man die Ludwigstraße bis zur Ohmstraße, links und gleich rechts den Erlenweg hinauf zu dem vor einer Ferienanlage liegenden, von außen gut einsehbaren Schwimmbad.
Die bisherige Richtung bleibt bis zu einem Querweg bestehen; dort geht es links weiter, nun zusammen mit der „Extratour“-Markierung — einem stilisierten Vulkankegel in Grün und Rot — ebenfalls auf den Wald zu. Das gelbe Kreuz führt in den Wald hinein und erreicht nach gut 700 Metern die Nähe einer Landstraße. Verkürzend überquert man die Fahrbahn und nimmt den zwischenzeitlich entschwundenen Vulkankegel wieder auf. Er stellt in Wald über 1200 Meter die Verbindung zum „Vulkanring Vogelsberg“ her. Auch der Hauptweg schließt sich später dessen doppeltem V (grün und rot) an.
Offenes Gelände im Vogelsberg nie weit entfernt
Aber erst wollen wir den äußerst abwechslungsreichen Wald durchschreiten, nachdem das Kreuz scharf rechts abbiegt. Begleitet vom Surren neuer, gegenüber früher weitaus geräuschärmerer Windräder gewinnt man im Dickicht der Birken, Haselnüsse und des zur frühsommerlichen Blüte wie Schnee aufsitzenden Holunders etwas an Höhe. Zwei scharfe Wendungen, links, rechts, führen wieder abwärts und mitten in den Märchenwald aus Rot-, Hain- und Blutbuchen, zwischen denen auch die robuste Douglasie allen Wetterunbilden standhält.
Im Vogelsberg ist offenes Gelände nie weit entfernt. Zunächst folgt der Weg eine Zeit lang dem Waldrand, ehe er in die Senke bei Helpershain hinabführt. Dort, an dem asphaltierten Feldweg, wird das gelbe Kreuz vom Vulkanring abgelöst. Über 125 Kilometer leiten seine beiden V rings um die zentralen Erhebungen, und sie lassen natürlich nicht den Namensgeber der Gesamtregion, den knapp 600 Meter hohen Vogelsberg, aus.
Zunächst ist noch die rund 500 Meter entfernte Landstraße über eine scharfe Rechts-links-Führung zu queren. Anschließend leitet die Markierung auf einem grasbewachsenen Weg in kräftigem Anstieg bergauf, allerdings nicht bis auf den vollständig bewaldeten Gipfel. Nach einem kurzen Waldabschnitt öffnen sich Ausblicke auf die Silhouette des Oberhessischen Berglands; nach dem Wiederanstieg aus einer Senke setzen sie sich in wechselnden Bildern fort.
Jenseits weist das doppelte V über den Hang zum Waldrand, wo ein halb zugewachsener Pfad einen Abstecher zum Geotop Dicke Steine markiert. Die vergleichbar einem Meiler aufgerichteten Basaltsäulen sprechen ebenso für einen Ausbruchsschlot wie der – viel größere – des Ulrichsteiner Schlossberges.
Nachdem wir ein letztes naturbelassenes Waldstück durchquert haben, in dem selbst abgestorbene Fichten nicht mehr entfernt werden, erhebt sich der Kegel gegenüber in voller Höhe. Zuvor ist jedoch noch das Ohmtal zu überwinden. Damit steht noch einmal ein Abstieg und Gegenanstieg bevor, unterbrochen vom „Museum im Vorwerk“ in der ehemaligen Zehntscheune der Burg. Es vermittelt Einblicke in die schwierigen geologischen und klimatischen Bedingungen, unter denen sich Menschen und Vieh hier behaupten mussten.
Die mineralarmen Basaltböden erlaubten wenig mehr als Weidewirtschaft, und so heben Rinder im Vogelsberggarten neugierig die Köpfe, wenn Wanderer über die steile Westflanke aufsteigen. Oben flachen die Wiesen und Beete ab und können unterhalb des Gipfels weiterverfolgt werden, so man nicht zum Schlussspurt auf die in Aussicht stehende Burgruine zuläuft.
Über die Ostseite gelangen wir rasch hinab. Entweder mit dem Vulkanring direkt zum Lindenplatz oder noch ein Schlenker durch den Ort angehängt.
Anfahrt
Aus südlicher Richtung über die B 455 bis Schotten, kurz B 276 und rechts in Richtung Ulrichstein; von Westen via A 5, Ausfahrt Grünberg, weiter B 49 bis zum Abzweig in Ruppertenrod. Ulrichstein ist auch am Wochenende mit Bahn und Bus bei mehrfachem Umsteigen erreichbar.
Sehenswert
Auf eine Reihe von Superlativen kann die Vogelsberggemeinde Ulrichstein verweisen. Mit 566 Metern ist sie die höchstgelegene Stadt in Hessen, gesteigert noch um 50 Meter durch die teilrestaurierte Burgruine auf dem vulkanischen Schlossberg. Als einziges vergleichbarer Gemäuer umgibt sie seit 2001 über sechs Hektar ein öffentlicher „Garten“ mit zahlreichen (Wild-)Pflanzen der Region sowie Feldern und Wiesen, einschließlich Rindern und Schafen. Die Stadt schuf in den frühen Neunzigerjahren als erste Kommune überhaupt einen Windpark, und man schuf 1998 das Vorbild für Freibäder auf natürlicher Basis. Statt Strom und Chemie helfen
Sonne und Schilf, das Wasser warm und sauber zu halten.
Öffnungszeiten
„Museum im Vorwerk“, Freitag und Samstag 13 bis 16, sonntags bis 17 Uhr; Naturschwimmbad, täglich 11 bis 19, am Wochenende bis 20 Uhr; Burgruine und Vogelsberggarten sind frei zugänglich.
