Der britische Filmregisseur Mike Figgis hat immer Widerstand geleistet gegen Hollywoods Mätzchen, Machtspiele und Machenschaften. Vor 30 Jahren wurde sein Meisterwerk „Leaving Las Vegas“ im Kino gefeiert und mit einem Oscar für Nicolas Cage belohnt. Zum Geburtstag ist der Kultfilm in einer restaurierten Fassung wieder in die Kinos gekommen. Der 77-jährige Filmemacher ist ein Phänomen: Ist im Herzen Musiker, hatte eine Band mit Brian Ferry und wurde von Sting schon als Teenie verehrt. Er sprach mit uns in Berlin.
Sie sind der Rebell und Rockmusiker unter den Regisseuren: Sie waren Musiker und machten Filme erst mal, um die Wirkkraft der Musik zu befeuern. Wann kam der komplette Seitenwechsel?
Ich habe früh gemerkt, wie hart der Wettbewerb im Jazz ist. Ich war Trompeter, als ich mit 20 nach New York ging, lebten in meinem Wohnblock zwei junge schwarze Trompeter, die ich immer üben hörte – und ich wusste, dass ich nie so gut werden würde! Aber ich war immer zufrieden mit der Art, wie ich spiele: Musik ist meine Seelennahrung. Mich faszinieren aber auch Malerei, das Schreiben und andere Disziplinen. Beim Film konnte ich alles kombinieren, was das 20. Jahrhundert mir bot. Ich sage immer: Wenn Richard Wagner 100 Jahre später gelebt hätte, wäre er Stanley Kubrick geworden.
Aber wäre er, oder? Denn Oper benötigt eine Kombination vieler Künste – Design, Musik, Text, Psychologie … Ein Film ist genauso ein Gesamtkunstwerk.

„Leaving Las Vegas“ wurde eine Restaurierung geschenkt. Ist das für Sie eine besondere Auszeichnung – vielleicht besser als ein Oscar?
Ja, viel besser! Mit dem Alter verschiebt sich einiges. Wenn ich jetzt Fellinis „Achteinhalb“ anschaue, bin ich hingerissen – genial! Oder Bergmans „Persona“ – er wirkt so frisch, als wäre er gestern erst fertig geworden. Genauso Godards Filme oder Ornette Colemans Jazz – heute wagt niemand etwas so Experimentelles! Neulich hörte ich auf der Fahrt nach Italien eine CD-Sammlung mit allen Großen des Jazz durch. Am Ziel konnte ich sagen, es gab genau vier richtig gute Tracks: ein Louis Armstrong, ein Duke Ellington, ein Miles Davis, eine Billie Holiday. Der Rest war hübsch, aber nicht einzigartig. Warum hören wir bis heute Bach und Beethovens späte Quartette?
Die Restaurierung Ihres Films entspricht nun einem Aufstieg in diesen Olymp?
Das wäre zu hochtrabend und pompös! Aber leise kann ich mir selbst zuflüstern: „Schau an, du bist noch da. Und dein Film hat noch richtig Saft.“
Ist „Leaving Las Vegas“ Ihr bester Film?
Ja und nein. Wenn es um Langlebigkeit und Nachhaltigkeit geht, dann ja. Wenn es um das Verschieben kreativer Grenzen geht, würde ich verneinen – da ist „Timecode“ wohl mein revolutionärster Film, eine Vierfach-Erzählung, auf vier unterschiedlichen Screens, ein völlig neues Kinokonzept.
„Leaving Las Vegas“ brachte Nicolas Cage seinen Oscar ein. Er schickt Ihnen sicher jedes Jahr dafür noch eine Weihnachtskarte, oder?
Nie mehr ein Wort von ihm gehört. Einmal habe ich ihn noch mal besetzt: Er bat darum, den Drehstart um drei Monate zu verschieben. Wir waren in der Vorproduktion, die Finanzierung stand, in New Orleans war alles drehbereit, da kam plötzlich eine Absage. Kein Anruf, keine E-Mail. Nichts.
Schräg. Was haben Sie mit ihm gemacht?
Keine Ahnung. Nach Jahren schickte ich ihm jetzt eine Nachricht, dass „Leaving Las Vegas“ restauriert zur Berlinale kommt. Ich schlug einen Video-Call mit Elizabeth Shue und ihm vor, um über den Film zu reden, etwas Spaßiges für das Festival. Er hat nicht geantwortet.
Ich bin diplomatisch: Es ist Nicolas Cage.

Wie hatte sich Cage auf den Trinker vorbereitet?
Er hatte sich einen „Trinker-Coach“ besorgt, der nonstop am Set war – er zahlte ihn auch selbst. Es war ein Dichter aus San Francisco, ein Ex-Alkoholiker und ein Freund von Francis Ford Coppola. Als Schauspieler war Nicolas immer daran interessiert, seine eigenen Grenzen zu pushen. Kurz vorher war bekannt geworden, dass Brando sich nicht mehr die Mühe machte, seine Texte zu lernen, sondern sie sich per Ohrknopf zuflüstern ließ. Eines Tages kam Nicolas zu mir und sagte: „Ich möchte den ganzen Film betrunken drehen, mein Assistent gibt mir die Texte ins Ohr.“ Die Vorstellung, einen Low-Budget-Film in 26 Tagen abzudrehen, mit einem betrunkenen Schauspieler – nein! Also sagte ich Nein – du musst es spielen.
Hat er sich daran gehalten?
Nun, Nicolas wollte es einfach wissen: Kurz bevor wir im Casino die Szene drehen wollten, in der er ausrastet, nahm mich mein Produzent beiseite: „Er ist völlig betrunken. Er hat eine ganze Flasche Wodka in sich reingestürzt.“ Ich war außer mir: Der Zeitplan war so eng, wir hatten nur eine Stunde im Casino, dann mussten wir raus sein …
Also hieß es trotz Wodka „Action“?
Ja. Nicolas hat in der Szene einen Spieltisch zerlegt, einen Computer zerstört und eine Kellnerin zu Fall gebracht. Es war gefährlich. Aber es wurde eine großartige Szene. Wir hatten zwei Kameras, ich habe eine bedient, mit einem einzigen Take war alles im Kasten. Doch ich war wirklich, wirklich wütend.
Kurz vor Drehstart nahm sich John O’Brien, der Autor des Romans, das Leben. Hat Sie das beeinträchtigt?
Ich hatte ihn persönlich nie getroffen. Ein Freund, Stuart Regan, fand das Buch in einem Secondhandshop, ich fand es grandios. Er sagte mir, dass er O’Brien getroffen habe, er sei selbst Alkoholiker. Vor Drehstart sollte O’Brien noch bei einem Treffen abnicken, was wir da vorhatten. Da kam die Nachricht von seinem Tod. Seine Familie sagte mir später, dass das Buch total autobiographisch war, sein Freitod hat sie nicht überrascht. Natürlich waren sie tief erschüttert – aber nicht überrascht.
Julian Sands, der den Zuhälter spielte, umweht ebenfalls eine Tragödie: Er verschwand 2023 beim Wandern in den Bergen über Los Angeles.
Julian war einer meiner engsten Freunde, er spielte in sieben meiner Filme mit. Er war der Typ Survivor, exzentrisch, aber er hatte im Jahr zuvor einen Schneesturm in den Anden überlebt! Er hatte mir damals geholfen, für diesen harten Dreh fit zu werden. Jeden Morgen um 7 Uhr trainierte er mich, in seinem Gartenschuppen, wo Gewichte und Geräte standen, er schickte mich täglich eine Stunde lang durch die Hölle. Aber zum Drehstart war ich fit! Es brach mir das Herz, als er verschollen blieb.
„Leaving Las Vegas“ lebt auch vom Sound warmer, jazziger Klassiker – hinter denen man Sting erkennt. Wie kam das zustande?
Sting und ich kommen aus derselben Stadt, er war zwei Jahre jünger, war Fan unserer R&B-Bluesband „The Gas Board“. Wir waren damals total angesagt in unserer Region, er kam oft zu Konzerten …
Spielte nicht auch Brian Ferry bei Ihnen, bevor er „Roxy Music“ gründete?
Doch, wir spielten in sehr harten Clubs, ich war 17, Brian 20. Aber er war da schon Brian Ferry – er hatte bereits diese Eleganz, diese seltsam weibliche Stimme, für die er später berühmt wurde. Aber sie passte nicht so gut zur Band. So gab es, sagen wir, eine Diskussion, und Brian ging.

Ich besetze ihn in meinem Debüt „Stormy Monday“, so wurden wir Freunde. Ich bat ihn bei „Leaving Las Vegas“ um den Gefallen: „Ich drehe einen verrückten Film und brauche drei Songs von dir.“ „Okay!“ Wir trafen uns bei Sting zu Hause, ich hatte drei Songs ausgesucht, Sinatra, John Coltrane, und nach drei Stunden waren wir fertig. Man hört sogar das Feuer auf dem Band knistern, weil Sting den Kamin angezündet hatte. Ich dachte noch: „Was zum Teufel macht er da? Das ist so laut!“ Ich hatte Sting extra gebeten, noch sanfter, introvertierter zu singen, was er widerstandslos tat. Ich dachte noch: „Ich glaub’s nicht – ich produziere gerade Sting!“
Die Kostüme kamen alle von Vivienne Westwood. Kannten Sie sich?
Meine Tochter Romany vermittelte uns mal, ich filmte eine ihrer größten Pariser Shows. Ich sagte ihr, dass ich gern ihre Kostüme nutzen würde, und sie gab mir einfach einen kleinen Koffer mit, der noch am Zoll geöffnet werden musste, mit all den Bustiers … So einfach war das. Der Film war so easy, ein Traum an Unkompliziertheit, im Vergleich zu normalen Spielfilmen. Hier herrschte null Druck, weil gar kein Geld vorhanden war – großartig!
Der Druck und das Diktat à la Hollywood waren nichts für Sie. Was forderten Sie, was verweigerte das Hollywoodsystem Ihnen?
Die Studios dort gingen immer davon aus, dass Geschichten homogenisiert und zuckerbestreut sein müssen, damit sie beim Publikum ankommen. Was ich oft bei den Studiomeetings hörte, war: „Das verstehen die nicht.“ DIE.
Klingt nach Publikumsverachtung.
Sie bezeichneten sie sogar oft als „The Great Unwashed“, die ungewaschene Masse. Sie waren so herablassend gegenüber denen, für die sie ihr Produkt machten. Bei meinem ersten Studiofilm „Internal Affairs“ blieb ich noch unter dem Radar, ich war unbekannt, der Film kostete wenig. Er wurde ein Erfolg, und ich dachte naiv, „Was die anderen vom ‚Hollywoodeffekt‘ erzählen, ist ja stark übertrieben.“ Der zweite, „Liebestraum“, ein düsterer, komplexer Psychothriller, wurde kurz vor Filmstart völlig zermetzelt und gekillt. Auch für „Mr. Jones“ wurde ich heftig verprügelt, wegen der angeblich zu komplizierten Story und der Psychologie der Figuren. Was folgte, war ein Strom von „Vorschlägen“ der Studioleute, um die Wahrhaftigkeit aus der Geschichte zu lösen und durch banale Unterhaltung zu ersetzen.
Bei „Leaving Las Vegas“ wollten Sie dann alles nach Ihrer Façon machen?
Ja, ohne Studiofinanzierung. Damit war ich in Sicherheit vor jeder ungewünschten Intervention. Ich bekam Geld aus Frankreich und musste erst beim Vertrieb die übliche Litanei hören, „zu düster, zu deprimierend“. Fast hätte Harvey Weinstein den Film gekauft – er bot zum Glück so beleidigend wenig, dass mein Produzent direkt ablehnte. Weinstein war bekannt dafür, alles umzuschneiden, auch die Musik hätte er sicher zerstört. Meine einzige Überlebenschance beim Film bestand also darin, low budget zu machen, um die Geschichte und die Musik zu kontrollieren. Die waren für mich lebenswichtig.
Sie wurden für Regie und Skript oscarnominiert. Kroch Hollywood nicht zu Kreuze?
Man bot mir viel Geld. Ich hätte dort bleiben und sehr reich werden können. Um ein bisschen unhöflich zu sein: Ich fand die Studiobosse nicht besonders intelligent. Es gab weise alte Vögel wie John Kelly oder Frank Price. Später wurde die Branche von jungen Männern geprägt, die sich als Unternehmer sahen: Sie wollten Geld machen, keine Filme. Denen ist ein Gewinn von 100 Millionen noch nicht genug, sie wollen 300 Millionen. So traten wir in die Phase des reinen Franchise-Filmemachens ein.
In Ihrem Drang nach Unabhängigkeit erinnern Sie an Francis Ford Coppola, der nur noch „persönliche Filme“, wie er sie nennt, dreht – und den sein letzter, „Megalopolis“, 120 Mio. Dollar seines Privatvermögens kostete …
Es waren eher 160 Millionen. Ob Napoleon, Coppola, George Lucas, alle haben ein Problem: Nach einer Phase der Macht ist es für sie fast unmöglich, einen oder mehrere Schritte zurückzugehen. Francis wäre viel glücklicher gewesen, wenn er „Megalopolis“ für nur 10 Millionen produziert hätte, mit einer kleinen jungen Crew und AI für die Effekte. Aber für einige männliche Egos ist das ein No-Go. Als sollten sie sich selbst kastrieren. Sobald man ins Hollywoodsystem eintritt, wird man Teil dieses Egotrips. Es geht nur noch darum, wie viel du verdient hast. Wie deine Franchises laufen.
Sie entschieden sich für weniger Geld, aber zugunsten Ihrer eigenen ethischen und ästhetischen Standards.
Ja. Ich bin jetzt am glücklichsten, weil ich gerade am Schnitt eines Films arbeite, der schwierig und kompliziert ist, vielleicht sogar bahnbrechend. Ich mache ihn, weil ich herausgefordert werde. Das wird mein experimentellster Film. Ich habe in Korea und Tokio gedreht – nur ich und zwei Schauspieler, niemand sonst. Wenn ich morgens aufwache, bin ich sehr glücklich. Als ich in Los Angeles aufwachte, war ich das nicht.

