
Am 1. Mai – in Großbritannien kein Feiertag – wurden die Dozenten der geisteswissenschaftlichen Studiengänge der University of Hertfordshire zu einer Versammlung einbestellt. Dort teilte ihnen die Universitätsleitung mit, dass unter anderem die Fächer englische Sprach- und Literaturwissenschaft, Geschichte und Philosophie „so rasch als möglich“ geschlossen werden sollen. Ähnlich wie in dieser Regionaluniversität nördlich von London geht es seit Monaten im ganzen Land zu. Nach verlässlichen Schätzungen sind allein in den letzten zwei Jahren 25.000 bis 30.000 Arbeitsplätze an den britischen Hochschulen gestrichen worden.
Wer als Geisteswissenschaftler nicht gerade an den internationalen Spitzenuniversitäten von Oxford und Cambridge arbeitet, lebt vielerorts in Angst um seine berufliche Zukunft. Viele ahnen, dass ein Rauswurf ein Abschied von der Universität für immer ist, denn neue Stellen werden kaum ausgeschrieben, und manche der Fähigkeiten, die einst akademische Karrieren begründeten, zählen heute nur noch wenig. Fremdsprachen zu lernen, schon lange ein ungeliebtes Kind der britischen Bildungspolitik, gilt als aussterbende Kulturtechnik und die eigene Sprache, Kultur und Geschichte zu verstehen nicht mehr als Voraussetzung einer demokratischen Zivilgesellschaft.
Zu den Krisenfaktoren zählen die Deckelung der Studiengebühren durch die Regierung, die bei anhaltend hoher Inflation die Universitäten um erwartete Einnahmen bringen, und der Einbruch bei den ausländischen Studenten, die besonders hohe Gebühren zahlen, wozu neben der Covid-Pandemie auch der Brexit beitrug. Dazu kommen die anhaltende Wirtschaftskrise und ein gewandeltes „Konsumverhalten“ der jungen Generation. Dass Studenten offiziell als „Kunden“ angesprochen werden, die in einen Universitätsabschluss „investieren“, ist ein Sprachgebrauch, den weder Bildungspolitiker noch Hochschulleitungen problematisch finden. Böse Zungen behaupten, manche britische Universitäten würden überhaupt nur noch Kurse anbieten, um zahlungswilligen jungen Leuten die vergleichsweise teuren Wohnheimplätze zu vermieten.
Ende des Wachstumspfads
Britische Studenten zahlen an den meisten Universitäten knapp über elftausend Euro Studiengebühren pro Jahr, ausländische Studenten im Durchschnitt mehr als 25.000 Euro. Das führte in den 2010er Jahren zunächst zu vollen Kassen, die Universitätsleitungen bereitwillig investierten: in schicke Gebäude, neue Studienprogramme, akademisches Personal und höhere Spitzengehälter für Rektoren und Pro-Dekane.
95 Prozent der Lehrkräfte und des Verwaltungspersonals an den britischen Universitäten profitierten von den Boomjahren allerdings kaum. Wie die britische Hochschulgewerkschaft UCU seit Jahren mit Statistiken belegt, sind die Reallöhne in Forschung und Lehre seit der Einführung der Studiengebühren inflationsbereinigt um rund zwanzig Prozent gesunken. Immerhin aber wurden einige Jahre lang zahlreiche neue Akademiker und Verwaltungsmitarbeiter eingestellt.
Heute ist Wachstum des britischen Hochschulsektors nicht nur an ein Ende gekommen, es hat sich ins Gegenteil verkehrt. Eine Zeit lang konnte mancherorts die strukturelle Unterfinanzierung noch durch die hohen internationalen Studiengebühren ausgeglichen werden, aber auch damit ist es vorbei. Die laut einschlägigen Rankings besten Hochschulen expandieren zwar weiter und nehmen deutlich mehr Studenten auf, ohne aber in gleichem Umfang neues Personal anzustellen. Den Universitäten im Mittelfeld geht ein Großteil ihrer ehemals leistungsstärksten Studenten verloren. In der Folge senken sie ihre Zugangsvoraussetzungen und nehmen den Universitäten im unteren Drittel des Feldes die angestammten Studenten weg. Angesichts ihrer beschränkten Mittel haben sie im Verdrängungswettbewerb aber kaum Chancen gegen die forschungsstarken und renommierten Hochschulen. Angehende Studenten greifen lieber zum vermeintlichen Premiumprodukt.
„Aufregende Zeiten“
Ohne grundlegende strukturelle Veränderungen sei der finanzielle Zusammenbruch besonders gefährdeter Universitäten nur noch eine Frage der Zeit, warnen gut informierte Beobachter. Zum 1. August 2026 werden die Universitäten von Kent und Greenwich zur „South East University Group“ fusionieren. Die beteiligten Hochschulen sehen darin ein Modell, „dem andere nacheifern könnten“. Auch das King’s College London und die hochspezialisierte Cranfield University wollen im August 2027 zusammengehen.
Ein besonders eindrucksvolles Beispiel der aktuellen Entwicklung ist die Universität von Nottingham. Berauscht von den eigenen Expansionsplänen, hatte man dort historische Gebäude in der Innenstadt erworben und für mehrere Dutzend Millionen Euro aufwendig saniert, nur um festzustellen, dass sie schon wenige Jahre später gar nicht mehr gebraucht werden. Ein Verkauf des Areals, so heißt es nun aus der Hochschule, sei nur mit sehr hohen Verlusten zu realisieren. In den kommenden Jahren sollen deshalb sechzig Millionen Euro an Personalkosten eingespart werden – oder umgerechnet 600 Vollzeitstellen. Das bedroht ganze Studiengänge und Fachbereiche. Viele, etwa in modernen Sprachen und Musik, aber auch Erziehungswissenschaft und Mikrobiologie, stehen schon seit Dezember 2025 auf der Abschussliste. Seit 2024 hat sich die Universität bereits von rund tausend Mitarbeitern getrennt.
Trotz aller Streichungen spricht die Unipräsidentin von Nottingham, Jane Norman, von „aufregenden Zeiten“. Die radikalen Kürzungen und hundertfachen Entlassungen würden „enorme Chancen“ bieten: „Die Welt verändert sich, die Geopolitik verändert sich, und auch die Wünsche der Studenten ändern sich grundlegend. Ich glaube, dass diejenigen Universitäten überleben und florieren werden, die wie unsere eine sehr proaktive Sicht auf das Umfeld haben.“
Universitätsschwund in der Provinz
Möglich sind die radikalen Kürzungen, weil es in Großbritannien seit dem „Education Reform Act“ von 1988, einem Projekt der konservativen Regierungschefin Margaret Thatcher, an den britischen Hochschulen keine entfristeten Lebenszeitstellen mehr gibt. Die für die Angestellten bestmögliche Variante ist seither ein nicht befristeter Arbeitsvertrag. Betriebsbedingt ist aber jeder mit kurzen Fristen kündbar. Bevor es zum Äußersten kommt, schalten die Universitäten üblicherweise eine oder mehrere Runden vor, in denen man Mitarbeiter mit einer vergleichsweise geringen Abfindung zum vorzeitigen Abschied von der Universität motivieren will.
Der Sparzwang trifft die Geisteswissenschaften überproportional, obwohl sie meist ohne teure Labore, Hightech-Geräte und Verbrauchsmaterialen auskommen. In den angloamerikanischen Ländern ist dieser Trend noch ausgeprägter als in Kontinentaleuropa. Besonders in den Vereinigten Staaten gelten diese Fächer dem rechten MAGA-Lager als Hochburgen fehlgeleiteter politischer Korrektheit, die man ausräuchern müsse. Von den in Umfragen führenden Rechtsnationalisten um Nigel Farage sind ähnliche Töne zu vernehmen. Ein Meinungsbeitrag in der konservativen Tageszeitung „The Telegraph“ brachte diese Haltung schon 2024 auf die Kurzformel „Go woke, go broke“: Universitäten, die sich der Agenda des vermeintlich progressiven Lagers verschrieben, müssten mit dem selbst verschuldeten finanziellen Kollaps rechnen.
Die aktuellen Streichungen ganzer Fächer treffen in Großbritannien vor allem kleine und mittelgroße Universitäten in der Mitte und im Norden des Landes. Diese Hochschulen haben vielfach als einer der größten Arbeitgeber in strukturschwachen, postindustriell geprägten Regionen eine hohe wirtschaftliche Bedeutung und sind gerade für junge Leute aus einkommensschwachen Familien die einzige Möglichkeit, ein Studium ohne Umzug zu beginnen und ohne die Aussicht, nach einem drei- oder vierjährigen Studium das Berufsleben mit einem Schuldenberg von bis zu 60.000 Euro zu beginnen. Kritiker der gegenwärtigen Entwicklung warnen vor sogenannten „cold spots“, also Regionen, in denen auch zentrale Fächer in wenigen Jahren von den dort ansässigen Universitäten nicht mehr angeboten werden.
Um das Land wirtschaftlich nach vorne zu bringen, setzt die aktuelle Labour-Regierung auf praxisnahe, an den Interessen der Arbeitgeber ausgerichtete Studiengänge. Es gilt als ausgemacht, dass die technische Intelligenz viele Aufgaben demnächst günstiger und besser erledigen wird als Menschen mit kritischer Urteilskraft und individuellem Erfahrungsschatz. Hunderte von „change managern“ und „higher education consultants“ verdienen gut daran, den Universitätsleitungen maßgeschneiderte Umbaupläne zu verkaufen, die bei genauerem Hinsehen kaum voneinander zu unterscheiden sind.
Die aktuellen Umstrukturierungen sind eine Wette auf die Zukunft und darauf, dass eine wirtschaftliche Erholung des Landes den Universitäten in absehbarer Zeit wieder mehr Luft zum Atmen gibt. Schon heute aber steht fest, dass Tausende von qualifizierten Forschern und engagierten Lehrenden ihre Lebensplanung unfreiwillig neu ausrichten müssen. Man kann durchaus skeptisch sein, ob die britischen Universitäten mit diesem menschlichen und fachlichen Aderlass nicht nur ihren guten Ruf, sondern auch ihr Selbstverständnis als maßgebliche Akteure der Zivilgesellschaft, als „civic universities“, irreversibel beschädigen.
Daniel Siemens ist Professor für europäische Geschichte an der Newcastle University in Großbritannien. Die in diesem Artikel geäußerten Ansichten sind die des Autors und geben nicht die Meinung der Hochschule wieder.
