
Mit dem stark wachsenden Desinteresse an Nachhaltigkeit will Claus Jung nicht in Verbindung gebracht werden. Den Anteil des Recyclingpapiers hat der Verpackungsunternehmer aus Baden auf zwei Drittel gesteigert, Plastik hat er durch Papier ersetzt und das folienfreie Geschenkröllchen auf den Markt gebracht. So hat er vor zwei Jahren mit seinem Team auch einen Nachhaltigkeitspreis gewonnen.
Aber die Gängelung durch die Umweltgesetzgebung ist ihm trotzdem zuwider. „Die Gesetze beruhen auf Misstrauen gegen Unternehmer. So ist der Sozialismus gescheitert“, sagt er im Gespräch mit der F.A.Z. Besonders die Regeln aus Brüssel seien häufig weit weg von der unternehmerischen Praxis. „Viele Länder mit unterschiedlichen Weltbildern müssen einbezogen werden, das macht es kompliziert“, sagt er. Unternehmen müssten Abteilungen gründen, um Transparenzpflichten und Lieferkettensorgfaltsplichten zu erfüllen. Schließlich bekämen sie von Beratern, die daran verdienen, Webinare angeboten. Im nächsten Schritt könnten sie eine Masterclass absolvieren.
Diese Ambivalenz beschreibt das Grundgefühl vieler deutscher Unternehmer: Einerseits engagieren sie sich dafür, Treibhausgasemissionen zu mindern, und verpflichten sich dem Naturschutz. Andererseits sehen sie sich einer Flut von Regulierungen ausgesetzt, die manchmal widersprüchlich sind, oft zu Doppelzählungen führen und in jedem Fall viel Personal binden. „Wir haben aufwendig und erfolgreich Plastik ersetzt, aber kommen kaum noch zu diesen Innovationen. 30 bis 40 Prozent meiner Zeit sind Bürokratie“, sagt Jung.
Haltung der Mittelständler spricht nicht für Klima-Backlash
Dabei ist unter deutschen Mittelständlern kaum etwas von der Nachhaltigkeitsmüdigkeit zu spüren, von der viel die Rede ist. Die veränderte geopolitische Lage, das Erstarken des Rechtspopulismus in Europa und Amerika und die schlechte wirtschaftliche Lage haben das Stimmungsbild verändert. Doch 88 Prozent der europäischen Mittelständler sagen weiterhin, weniger Treibhausgase seien wichtig oder sogar entscheidend. Das geht aus der jährlichen Befragung der Unternehmensberatung Boston Consulting und der Private-Equity-Fondsgesellschaft Argos, „Climate Transition Barometer“, hervor. Dafür wurden 750 Mittelständler in Frankreich, Deutschland, Großbritannien, Benelux und Italien befragt.
Die bemerkenswerteste Zahl dieses Berichts sind die 56 Prozent der Unternehmen, die in einer erfolgreichen Dekarbonisierung einen Wettbewerbsvorteil erkennen. In der ersten Befragung vor drei Jahren war dieser Wert noch ein Drittel so groß. „Das Credo der 750 Mittelständler in Europa ist abgekoppelt vom vorherrschenden Gefühl in Europa, und das gilt auch für die Investorenbasis“, sagt Studienautor Fabian Söffge von Argos. Klimapläne würden inzwischen zunehmend als Differenzierungsmerkmal betrachtet. „Wir sind über den Status hinaus, in dem niedrig hängende Früchte geerntet werden – wie der Aufbau erneuerbarer Energien oder einer Elektrofahrzeugflotte. Wir sehen einen transformativen Prozess.“
Gegenüber der ersten Studie im Jahr 2023 gaben doppelt so viele Mittelständler an, von der Optimierung zu einem Wandel des Geschäftsmodells überzugehen. Drei Viertel der Unternehmen sehen Dekarbonisierung als eine Chance. Je erfolgreicher sie dabei sind, ihren ökologischen Fußabdruck zu reduzieren, desto höher ist der Anteil derer, die einen Wettbewerbsvorteil in der Dekarbonisierung sehen. Als größtes Hindernis sehen sie die Finanzierung von ressourcenschonenden Investitionen, danach folgt die Unsicherheit darüber, wie sie sich auf die Erträge auswirken. An dritter Stelle nennen 44 Prozent der Befragten die Regulierung.
Berichtspflicht von Kunden zwingt Mittelständler zum Dokumentieren
Die europäische Politik hat sich bemüht, Nachhaltigkeitstransparenzpflichten zu verschlanken. Nur noch Unternehmen mit mehr als 1000 Mitarbeitern und 450 Millionen Euro Jahresumsatz fallen unter die Pflicht. Doch die Annahme, das entlaste alle anderen Unternehmen von Auflagen, hat sich als unzutreffend erwiesen. Denn in einer vernetzten Wirtschaft können größere Lieferanten und Kunden ihre eigenen Pflichten nur erfüllen, wenn auch Unternehmen aus ihrer Wertschöpfungskette Daten liefern.
Der Pharmahersteller Rottendorf Pharma aus dem Münsterland hat zwar 1400 Mitarbeiter und läge damit über der Grenze, der Umsatz ist aber niedriger. Doch das ist nicht ausschlaggebend. „Alle unsere Kunden weltweit sind berichtspflichtig, sie wollen alle Daten haben“, sagt Jane Gleißberg, Head of Sustainability and Technical Compliance. Deshalb arbeite sie mit ihrem Team permanent daran, wie sie die Nachweispflichten noch besser erfüllen können. Das Unternehmen ist ein Zulieferer, der für andere herstellt, ohne dass der Name als Marke auftaucht. „Als Lohnhersteller stehen für uns Kunden ganz oben, wir wollen zufriedene Kunden haben. Deshalb müssen wir die Daten alle erfassen. Irgendwann sollen sie auf Knopfdruck kommen, deshalb investieren wir in die Digitalisierung.“
Rottendorf zählt laut einer Studie der Unternehmensberatung Munich Strategy zu den zehn wachstumsstärksten Unternehmen in Deutschland. Ökoaudits und spezifische Abfragen seien sehr aufwendig, sagt Gleißberg. Aber das zeige, dass die Fahrspur des Unternehmens hin zu grüner Energie und weniger Emissionen trotz teilweise energieintensiver Produktionsbereiche richtig sei. Frage ein Kunde nach einem produktspezifischen CO₂-Fußabdruck, dauere die Beantwortung ein bis eineinhalb Wochen. Doch mit jeder weiteren Abfrage nehme der Aufwand ab. Projekte mit dem Ziel, die Treibhausgasemissionen zu mindern, stießen auch auf Interesse der Kunden – darin geht es um Transportwege, die Lieferantenauswahl und die Zusammensetzung von Gebinden.
Der Wunsch nach mehr marktwirtschaftlicher Klimapolitik
Studienautor Söffge sieht deutsche Unternehmen in einem Aufholprozess. Phasenweise sei der französische Mittelstand um drei bis vier Jahre voraus gewesen. Inzwischen aber werde das ESG-Konzept, das Umwelt-, Sozial- und Unternehmensführungsbelange zusammendenkt, an vielen Stellen angekommen. Nur 15 Prozent der Mittelständler gaben an, weniger für die Dekarbonisierung zu machen. „Wir haben derzeit kein Wirtschaftswachstum, da ist es schwer, mehr zu machen. Aber gleichzeitig erleben wir wahrscheinlich wieder einmal den heißesten Sommer der Geschichte. Das Thema bleibt“, sagt er.
Das glaubt auch Verpackungsunternehmer Claus Jung. „Die Themen sind wichtig, es muss massiv etwas getan werden“, sagt er. An die F.A.Z. hat er sich kürzlich mit einem Leserbrief gewandt, in dem er seine Abwägung zwischen hohen Umweltzielen und zu hoher Bürokratie offengelegt hat. „Wir brauchen marktwirtschaftliche Wirkungsmechanismen, damit sich die Unternehmen entsprechend verhalten“, findet er. Stattdessen würden Mittelständler seiner Größe – er beschäftigt 50 Mitarbeiter – in eine Informationsüberforderung geführt. „Man hakt das Thema als verbrannt und schlecht ab.“
Rottendorf legt als stiftungsgeführtes Unternehmen besonderen Wert auf die Komponente Soziales. Doch für Jung Verpackungen sind auch hier die Nachweispflichten zu umfassend. „Ich muss nicht fünfmal im Jahr nachweisen, dass meine Mitarbeiter abends nach Hause gehen dürfen“, sagt Geschäftsführer Claus Jung. Was schon von der nationalen Arbeitsgesetzgebung gefordert sei, müsse nicht noch einmal durch Nachhaltigkeitsberichte gezeigt werden. „Aus den Texten liest man heraus, dass Leute, die Gesetze schreiben, davon ausgehen, dass das einzige Ziel von uns Unternehmen ist, die Gesellschaft zu betrügen“, sagt er. Statt minutiöser Datenabfrage wünscht er sich neuen Schwung dafür, dass sich die Industrie auf Nachhaltigkeit fokussieren könne, ohne dass die Wirtschaft drangsaliert werde.
