Dann kam der Deutschlandtag der Jungen Union. Der Parteinachwuchs forderte, die Regierung dürfe die junge Generation nicht unter der Rentenlast erdrücken. Merz wurde ärgerlich und sagte, was er wirklich denkt: „Damit gewinnen wir keine Wahl.“
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
So erklärte der Kanzler aus Versehen sehr treffend und ehrlich, warum aus all den Bekenntnissen zur Generationengerechtigkeit nie etwas folgt: weil junge Menschen und Eltern in diesem Land eine Minderheit sind. Noch nie gab es so wenige Geburten – und so viele sechzigste Geburtstagsfeiern. Wer die Mehrheit regiert, regiert die Alten. Alles andere ist Rhetorik.
Wohin diese kurzfristige Politik führt, weiß Merz genau. Er sprach es in einem weiteren ehrlichen Moment aus: „Die gesetzliche Rentenversicherung wird allenfalls noch die Basisabsicherung sein“, sagte er ein halbes Jahr später vor jenen Bankern, deren Geschäft die private Vorsorge ist. Die Botschaft an junge Menschen: Sorgt selbst vor, während ihr die Renten der Alten zahlt, steigende Mieten und Kosten schultert.
Und die Billion neuer Staatsschulden abbezahlt. Die gibt es nämlich auch noch. Versprochen wurden sie als Investition in die Zukunft, in Bahn, Internet und Schulen. Stattdessen stopft die Regierung nun damit ihre Haushaltslöcher.
Boris Pistorius hörte die Jungen gar nicht erst an
Während man den Jungen so die Zukunft aus der Hand nimmt, verlangt man allerdings gleichzeitig den größtmöglichen Einsatz von ihnen: dieses Land im Zweifel mit der Waffe zu verteidigen. Es tobt schließlich ein Krieg. Und die jahrzehntelang heruntergewirtschaftete Bundeswehr braucht dringend Nachwuchs.
Man hätte auf den Gedanken kommen können, dass der zuständige Minister das Gespräch mit jenen sucht, um die es geht. Doch die wurden weder gefragt noch adäquat informiert. Den Bundesschülersprecher lud Boris Pistorius erst zum Gespräch, nachdem der sich medienwirksam beschwert hatte – und schon alles gelaufen war. Auch aus den Protesten mit Tausenden von Schülern folgte: nichts.
Das Muster ist immer dasselbe. Junge Menschen werden übergangen. Und wenn Applaus winkt, werden sie auch noch zur Zielscheibe.
Der Applaus der Alten war Dorothee Bär sicher
Wie gerade beim Bafög. Das ist das Geld, das junge Menschen ohne vermögende Eltern fürs Studium bekommen. Die neue Bildungsstudie zeigt, was seit dem PISA-Schock von 2001 noch schlimmer geworden ist, nur dass keiner mehr schockiert ist, weil es einfach keinen interessiert: Das Niveau sinkt. Der Geldbeutel der Eltern entscheidet über den Abschluss. Und die Schule vergrößert diese Unterschiede auch noch, statt sie zu nivellieren.
Das Bafög ist ein kleiner Hebel dagegen. Ausgerechnet die zuständige Ministerin zog dann aber selbst die verabredete Erhöhung in Zweifel. Man müsse schließlich sparen. Da könne es kein „Vollkaskostudium“ geben. Deutsche Studenten seien ohnehin „privilegiert“, weil sie keine Studiengebühren zahlen müssten.
Das bediente wunderbar alle Ressentiments gegen eine sensible junge Generation mit übertriebenen Ansprüchen. Der Applaus der Alten war Dorothee Bär sicher.
„Arbeit ist kein Ponyhof“
Auch Friedrich Merz bedient gern solche Vorurteile, wenn er auf „Viertagewoche und Work-Life-Balance“ schimpft oder wenn er fordert, statt „Lifestyle und Work-Life-Balance“ müssten „wir jetzt alle mal zusammen ins Rad packen“.
Hier die „ins Rad packende“ Boomer-Generation, dort die faulen jungen Leute, die schon am Freitagmorgen mit Matcha Latte das Wochenende einläuten. Das knüpfte wunderbar an die alte Leier der unbrauchbaren Gen Z an, die schon Arbeitgeber-Vertreter Steffen Kampeter („Wir brauchen mehr Bock auf Arbeit“), und Bundesarbeitsagentur-Chefin Andrea Nahles („Arbeit ist kein Ponyhof“) befeuerten.
Als wären die Jungen schuld. Als hätten sie die Wirtschaftskrise verzapft. Als sei das Land wegen ihrer Viertagewoche nicht mehr wettbewerbsfähig.
Dabei ist es doch umgekehrt: Sie zahlen die Renten. Sie erben die Schulden. Sie sollen zum Bund. Und schnell studieren. Nebenher jobben. Familien gründen. In Vollzeit arbeiten. Die Eltern pflegen. Nicht so hohe Ansprüche stellen. Nicht dauernd in Therapie gehen. Um sich selbst kreisen. Vor dem Handy hängen. Die Liste ließe sich fortsetzen.
In den Restaurants, in denen gerade die vielen sechzigsten Geburtstage gefeiert werden, da stören Kinder übrigens oft. Man hat sich an ihre Abwesenheit gewöhnt. Und gleichzeitig daran, ihnen alle Probleme der Zukunft aufzubürden. Nur gibt es so auf Dauer keine Zukunft.
