In Deutschland nimmt die Zahl der Darmkrebserkrankungen bei jüngeren Menschen zu, wie eine neue Studie zeigt. Allerdings ist der Anstieg bei Menschen unter 50 Jahren nicht so stark wie in den USA, schreiben die Autorinnen und Autoren einer Krebsregisterwertung aus neun deutschen Bundesländern. Neuerkrankungen von Darmkrebs traten demnach vor allem in der Gruppe der 20- bis 39-Jährigen auf. Die Ergebnisse der Studie sind im Fachjournal International Journal of Cancer erschienen.
Ausgangspunkt der Untersuchung war die Entwicklung in den USA, wo Darmkrebs bei jüngeren Erwachsenen seit Jahren häufiger diagnostiziert wird und das Screeningalter deshalb bereits von 50 auf 45 Jahre gesenkt wurde. In Deutschland zeigte sich nun ein anderes Bild: Bei den 40- bis 49-Jährigen blieb die Erkrankungsrate über die vergangenen 20 Jahre stabil, bei Menschen über 50 ging sie sogar zurück. Die in der Studie verwendeten Register, also Krankheitsdaten von Patientinnen und Patienten, deckten 46 Prozent der Bevölkerung in Deutschland ab.
Nur etwa fünf Prozent aller Darmkrebserkrankten in Deutschland sind unter 50
Die Autorinnen und Autoren sehen auf Basis ihrer Ergebnisse keinen Grund, auch in Deutschland das reguläre Screeningalter von 50 auf 45 Jahre abzusenken. Denn gerade in der Altersgruppe der 40- bis 49-Jährigen, für die eine solche Änderung relevant wäre, zeigte die Studie keinen Anstieg. Thomas Seufferlein, ärztlicher Direktor für Innere Medizin am Universitätsklinikum Ulm, bestätigte dem Science Media Center gegenüber diese Einschätzung: Die große Mehrzahl der Tumoren werde jenseits des 50. Lebensjahrs diagnostiziert, nur etwa fünf Prozent bei Menschen unter 50 Jahren. Anders als in den USA, dort »werden mittlerweile 14 Prozent aller Personen mit Darmkrebs in einem Alter unter 50 Jahren diagnostiziert«, sagte er.
Auch die Epidemiologin Ulrike Haug vom Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie verwies gegenüber dem Science Media Center darauf, dass man die niedrigen absoluten Zahlen der Krankheit nicht aus dem Blick verlieren dürfe: Bei 20- bis 29-Jährigen lag die Erkrankungsrate laut Haug zuletzt bei weniger als zwei Fällen pro 100.000 Menschen, bei den 30- bis 39-Jährigen bei unter acht, bei den 40- bis 49-Jährigen bei rund 20. Bei den über 50-Jährigen lagen die Raten dagegen bei etwa 100 bis 150 pro 100.000. Hätte man einen starken Anstieg bei den 40- bis 49-Jährigen beobachtet, wäre das ein Argument gewesen, die Altersgrenzen zu überdenken, sagte Haug.
Da dies aber nicht der Fall sei, müsse man sich die Kosten-Nutzen-Rechnung vor Augen führen. Es sei zwar davon auszugehen, dass mit einem Screening ab 45 Jahren zusätzliche Darmkrebsfälle verhindert werden könnten »aber es bleibt eben ein Abwägen des zusätzlichen Nutzens der Ressourcen, die dann möglicherweise bei anderen Erkrankungen oder Präventionsangeboten fehlen«, sagte Haug.
Würde man anlasslos Menschen unter 50 Jahren screenen, ist auch die Wahrscheinlichkeit erhöht, falsch-positive Ergebnisse zu bekommen. Ärztinnen und Ärzte sehen also etwas Auffälliges, das dann zwingend abgeklärt werden muss. Daraufhin folgen Untersuchungen die einerseits finanzielle und zeitliche Ressourcen kosten, deren körperliche und psychische Belastung aber auch nicht unterschätzt werden dürfen. Eine der wichtigsten Studien zum Thema Darmspiegelung zeigte außerdem, dass das Risiko, an Darmkrebs zu sterben durch diese Form der Vorsorge nicht signifikant verringert werden konnte.
Prävention und mehr Screenings für Risikogruppen
Als naheliegendere Antwort auf die Entwicklung nannten die Forschenden deshalb stärkere Vorbeugung. Ein möglicher Treiber für die höhere Quote an Darmkrebserkrankten in den USA ist vor allem Übergewicht, daneben auch Bewegungsmangel, ungesunde Ernährung, Antibiotikaeinsatz und die Veränderungen des Darmmikrobioms. Laut Seufferlein müssen die Anstrengungen in der Prävention ausgebaut werden, »vor allem im Bereich Ernährung und Bewegung«. Haug bezeichnete eine Stärkung der Prävention als »einen ganz wichtigen Hebel«, auch deswegen, weil Übergewicht das Risiko vieler Erkrankungen erhöhe. Das gelte nicht nur für Darmkrebs.
Die Studie kommt auch zu dem Ergebnis, dass Risikogruppen schon heute früher untersucht werden sollten. Dazu zählen Menschen mit familiärer Vorbelastung, erblichen Risikosyndromen oder chronisch entzündlichen Darmerkrankungen. Zudem gilt: Auch bei jüngeren Menschen sollten Warnzeichen wie Blut im Stuhl, anhaltende Bauchschmerzen, Eisenmangelanämie, ungeklärter Gewichtsverlust oder dauerhafte Veränderungen der Stuhlgewohnheiten konsequent abgeklärt werden. Darin, so die Studie und die befragten Fachleute, dürfte für Deutschland derzeit mehr Nutzen liegen als in einem früheren Screening für alle.
