
Bescheidenheit und Großspurigkeit, beides verkörperte in der jüngeren Vergangenheit die Berenberg-Bank, durch ein Führungsduo, das unterschiedlicher kaum sein konnte und sich lange gut ergänzte. Hans-Walter Peters trat wie ein Bankier auf und sprach als Präsident des Bundesverbandes der privaten Banken in zwei Amtsperioden auch im Namen von Deutscher Bank und Commerzbank. Peters Kompagnon Hendrik Riehmer gilt dagegen als Dealmaker, der sich ohne Studium und mit zurückgekämmten Haaren Goldman Sachs zum Vorbild nahm und aus Berenberg eine stark nach Großbritannien und in die USA expandierende Aktienhandelsbank machte.
2015 ließen beide Bankchefs, die gleichzeitig bis heute Eigentümer sind und über die gemeinsame Beteiligungsgesellschaft Petrie 21,4 Prozent an der Berenberg-Bank halten, Robbie Williams zum 425-jährigen Betriebsjubiläum nach Hamburg einfliegen.
Gut zehn Jahre später folgt nun die harte Landung, aber nur für einen. Der seit 2009 als Geschäftsführer amtierende Riehmer gehört zu den beiden seit 2020 amtierenden Geschäftsleitern, die seit Freitag auf Verlangen der Bankenaufsicht Bafin ihre Tätigkeit ruhen lassen müssen. Peters dagegen hatte 2021 sein Amt als Sprecher der persönlich haftenden Gesellschafter, wie die Vorstandsmitglieder bei Berenberg heißen, niedergelegt und war auf den Verwaltungsratsvorsitz gewechselt. Nun ruft ihn die Bankenaufsicht als einen von zwei Sonderbeauftragten in die Geschäftsführung zurück. Für den im April 71 Jahre alt gewordenen Bankier ein ungeplanter Noteinsatz und gleichzeitig ein Vertrauensbeweis in ihn durch die Bafin, schickt sie doch üblicherweise Bankfremde als Sonderbeauftragte.
Ein beispielloser Vorgang
Dass die Bankenaufsicht die komplette Führung einer derart großen Bank von ihrem Mandat entbindet, ist in der jüngeren Geschichte beispiellos. Als Grund gilt ein seit Monaten schwelender Konflikt über die Bewertung von Eigenhandelsgeschäften im Jahresabschluss 2025. Bis heute konnte die Bank die Bücher für 2025 nicht schließen, in früheren Jahren gelang dies stets bis Ende Februar. In diesem Jahr pochte der Jahresabschlussprüfer Deloitte dem Vernehmen nach auf andere Bewertungen als die Geschäftsführung um Riehmer. Der Prüfungsausschuss des Verwaltungsrates holte ein Gutachten von EY ein. Dieser Wirtschaftsprüfer hat offensichtlich Deloitte in wesentlichen Punkten bestätigt. Für Berenberg sei der Jahresabschluss 2025 ein wichtiger Meilenstein, heißt es in Aufsichtskreisen. Mit der bisherigen Geschäftsführung sei er nicht schnell zu erwarten gewesen.
Offiziell geäußert hat sich zu dem Fall bisher nur die Bank. Sie berichtete von sich aus über die beiden Sonderbeauftragten, die die Bafin zu Berenberg geschickt hat. Und Berenberg betont, das Kundengeschäft sei nicht betroffen. Nach F.A.Z.-Informationen hat Berenberg weder ein Kapital- noch ein Liquiditätsproblem. Warum hat die Bafin dann so rabiat durchgegriffen und nicht nur Riehmer, sondern auch die beiden anderen Geschäftsleiter, David Mortlock und Christian Kühn, wenn nicht formal, so doch de facto abberufen? Schließlich deutet die Berenberg-Bank in ihrer offiziellen Mitteilung auf „Markttransaktionen mit unklarem Hintergrund, bei deren Aufklärung die nötige Transparenz fehlte“. Das lässt Raum für Spekulationen.
Um was es geht – und um was nicht
Nach Informationen der F.A.Z. geht es um Eigenhandel, womöglich rund um Kapitalerhöhungen und Börsengänge, was die Domäne Riehmers wäre. Haben die beiden anderen Geschäftsführer Riehmer in den Augen der Bafin zu wenig kontrolliert? Diese Frage bleibt zunächst offen. Darüber hinaus gibt es wohl einen weiteren Mangel in der Berenberg-Bank, der mit der Genehmigung neuer Produkte zusammenhängen soll.
Bestritten wird, dass es sich dabei um Kryptoanlagen wie Bitcoin und Stablecoin handelt. Auch wird bestritten, dass es um mangelnde Geldwäschekontrollen geht, wie sie von der Bafin etwa bei der Neobank N26 viele Jahre lang moniert wurden. Darüber hinaus gab es in der Frankfurter Dependance von Berenberg in der vergangenen Woche zwei Abberufungen von Teamleitern. Diese Vorkommnisse hätten mit dem Eingriff der Bankenaufsicht in der Hamburger Zentrale nichts zu tun, wird beteuert.
Noch steht eine bestandskräftige Maßnahme der Bafin aus, bis dahin äußert sich die Behörde nicht. Die neue Geschäftsleitung unter Peters ist von sich aus in die Offensive gegangen und hat über die beiden aufsichtsrechtlichen Sonderbeauftragten informiert. Dem Vernehmen nach wird schon eine neue Geschäftsleitung gesucht, die Berenberg dauerhaft führen kann. Dazu wäre jemand nötig, der schon mal eine Bank ähnlicher Größe geleitet hat und sofort die Zulassung der Bafin erhielte. Insbesondere die Funktion der „Marktfolge“, also die ähnlich wie beim Vieraugenprinzip nötige Risikoprüfung von Kredit- und Anlageentscheidungen, gilt bei Berenberg als unterbesetzt. Speziell dafür hat die Bafin neben Peters Michael Horf als Sonderbeauftragten entsandt. Horf gehörte früher dem Vorstand der Degussa-Bank an.
