
Ohne es zu wissen, hat der litauische Basketball-Trainer Šarūnas Jasikevičius die Debatte, die gerade in Belgien geführt wird, schon vor Jahren beendet. Ein Journalist wollte von ihm wissen, was er davon hält, dass einer seiner Spieler von den Play-offs abgereist ist, um bei der Geburt seines Kindes dabei zu sein. Jasikevičius, der damals Žalgiris Kaunas trainierte, glaubte, sich verhört zu haben: „Was ich denke? Ich lasse ihn gehen.“ Aber ob es normal sei, das eigene Team während eines Halbfinales zu verlassen, hakte der Journalist nach. „Haben Sie Kinder?“, konterte Jasikevičius: „Wenn Sie Kinder haben, junger Mann, werden Sie es verstehen.“ Eine Geburt sei „der Höhepunkt im Leben eines Menschen“.
Es würde nicht schaden, wenn sich manch einer in diesen Tagen nochmal anhört, was Jasikevičius im Jahr 2017 gesagt hat. Seit Tagen wird auch über die belgischen Landesgrenzen hinaus über eine Aussage von Jérémy Doku diskutiert. Der Angreifer von Manchester City hatte vor dem WM-Auftakt seiner Mannschaft gesagt, dass er für die Geburt seines ersten Kindes möglicherweise nach Hause reisen wolle. Der errechnete Entbindungstermin ist Anfang Juli. Dann läuft bei der WM die K.-o.-Phase, auch wenn inzwischen fraglich scheint, ob Belgien diese überhaupt erreicht.
„Wenn Sie mich fragen, was ich mir wünsche, ist meine Antwort klar: Niemand möchte die Geburt seines ersten Kindes verpassen“, sagte Doku. Er wisse aber, dass im Fußball auch andere Dinge eine Rolle spielten. In Belgien meldeten sich daraufhin vereinzelte Kritiker: Der ehemalige Nationalspieler Gert Verheyen kommentierte, Doku sei bei der Geburt seines Kindes doch ohnehin nur Statist. Ein früherer Jugendtrainer befand, wer zu einer WM fahre, habe sich entschieden zu spielen.
„Du hast die Chance, an einer WM teilzunehmen“
Zu einem medialen Thema wurden Dokus Aussagen aber erst durch die französische Journalistin France Pierron. „Du hast die Chance, an einer WM teilzunehmen. Es gibt Hunderte Fußballspieler, die alles geben würden, um in dieser Position zu sein. Es ist ein einzigartiger Moment, und du willst das einfach aufgeben, um bei der Geburt deines Kindes dabei zu sein?“, fragte die Moderatorin des Sport-Fernsehsenders „L’Équipe“.
Pierron wurde daraufhin vor allem in den sozialen Netzwerken scharf kritisiert. Auch „L’Équipe“ distanzierte sich von ihren Äußerungen, die in völligem Widerspruch zu den Werten der Mediengruppe stünden. Mittlerweile hat Pierron auf ihren Social-Media-Kanälen um Entschuldigung gebeten. Es sei niemals ihre Absicht gewesen, die Rolle von Vätern herunterzuspielen, schrieb sie.
Genau in solchen Äußerungen liegt aber das Problem. Die Frage ist nicht, was Doku tun sollte, sondern warum so viele Menschen glauben, darüber urteilen zu dürfen. Niemand käme auf die Idee, einem „normalen“ Arbeitnehmer vorzuwerfen, bei der Geburt seines Kindes dabei sein zu wollen. Aber bei Fußballern soll es anders sein, nur weil sie einem Beruf nachgehen, der unter größerer Beobachtung steht?
Der Fußball wird manchmal zu wichtig genommen
Die Diskussion um Doku ist ein gutes Beispiel dafür, dass der Fußball manchmal zu wichtig genommen wird (und sich manchmal selbst wichtiger nimmt, als er ist). Doku hat schon an zwei Weltmeisterschaften teilgenommen und kann wohl auch noch an mindestens zwei weiteren teilnehmen. Von möglichen Komplikationen bei der Entbindung einmal abgesehen, ist die Geburt des eigenen Kindes aber kein Termin, der sich einfach so verschieben lässt. Es wäre seltsam, jemanden dafür zu verurteilen, das miterleben zu wollen.
Doku muss niemandem erklären, welche Entscheidung er und seine Partnerin treffen. Wenn er zur Geburt reist, ist das legitim. Wenn er bleibt und spielt, ist das ebenfalls seine Sache. Und selbst wenn die beiden eine andere Vereinbarung treffen, geht das außer der Familie niemanden etwas an.
Der norwegische Verteidiger Leo Østigård hat die Geburt seines ersten Kindes während der WM über Facetime verfolgt. Südkoreas Torhüter Kim Seung-gyu ist zu seiner vierten – und vermutlich letzten – WM gereist, obwohl seine Frau nur wenige Tage vor der Entbindung stand. Doku wird seine eigene Entscheidung treffen. Keiner von ihnen wird dadurch zu einem schlechteren Fußballer.
