Erstaunlich, mit welcher Kreativität Luis de la Fuente immer noch in der Lage ist, über Lamine Yamal zu sprechen. Bei jedem Pressegespräch muss Spaniens Nationaltrainer Fragen zu seinem prominentesten Spieler beantworten, die Reporter dieser Welt können nicht genug kriegen von diesem kindlichen Ausnahmekönner mit den blondierten Locken und dem ansteckenden Lachen. Am Wochenende bemühte de la Fuente einen Vergleich zu den Größen aus der Welt der Künste, um Yamal gerecht zu werden. Der sei „ein Genie, wie Dalí oder Michelangelo“. Eben anders. „Sie sind nicht wie wir normalen Leute“, sagte de la Fuente.
Wie anders Yamal mit seinen immer noch 18 Jahren schon ist, zeigte er kurz darauf bei seinem ersten Einsatz von Beginn an. Gegen Saudi-Arabien benötigte er keine zehn Minuten, um sein erstes Tor bei einer Weltmeisterschaft zu schießen. Der Ball hatte die Linie kaum überschritten, da wurde Yamals Pinselstrich schon historisch eingeordnet. Zweitjüngster Torschütze der WM-Geschichte, 18 Jahre und 343 Tage, jünger also, als es Lionel Messi bei seinem Premierentreffer vor 20 Jahren war. Nur Pelé, der als 17-jähriger Bub 1958 gegen Wales traf, bleibt unerreicht.
Jeder Mitspieler sucht Yamal
Umrahmt von Pelé und Messi, beginnt Lamine Yamal gerade, bei dieser Weltmeisterschaft seinen Fußabdruck zu hinterlassen. Wie groß der werden könnte, veranschaulichten die 45 Minuten, die er gegen die Saudis spielte. Von Beginn an suchten ihn seine Mitspieler, egal wo der Ball war, an wessen Fuß er klebte, er sollte so schnell wie möglich zu Yamal. Das fiel auch jenen im Stadion auf, die sich für gewöhnlich nicht mit diesem Sport beschäftigen. Hatte Yamal dann das Spielgerät, versuchte er sofort, an seinen Gegenspielern vorbeizukommen, was ihm aufgrund seiner Dynamik und Schnelligkeit nicht schwerfiel. Aus fast jeder Position probierte er, den Ball aufs Tor zu bringen.
Manchmal wirkte das etwas gezwungen, aber zu offensichtlich war, dass ihn die arabischen Verteidiger nicht halten konnten. Als Mikel Oyarzabal eine Eingabe von der linken Seite scharf vor das Tor brachte, lief Yamal am langen Pfosten ein und drückte ihn über die Linie. Kein Gemälde, aber solides Handwerk. Dem Torschützen war ganz gleich, ob es sich um ein Kunstwerk handelte oder nur um ein Mittel zum Zweck. Für ihn zählte einzig der Moment. „Das ist etwas Besonderes. Ich habe immer davon geträumt, bei einer WM zu spielen. In meinem ersten Spiel zu treffen, ist ein Traum. Die letzte WM habe ich noch als Schüler im Klassenzimmer verfolgt“, sagte Yamal.
Seine Unbekümmertheit verleiht Spaniens Spiel ein Element, das den sonst wie am Reißbrett entworfenen Angriffen fehlt. Schon bei der Europameisterschaft vor zwei Jahren hatte sich gezeigt, dass es Yamals Fähigkeiten im Eins-gegen-eins und seine Fähigkeit, die Tiefe zu belaufen, sind, die Spaniens ewigen Ballbesitz veredeln. Tatsächlich verhält es sich mit ihm ein wenig so wie mit Lionel Messi zu dessen Zeiten beim FC Barcelona. All die Pässe, die Andrés Iniesta und Xavi Hernández damals spielten, wurden erst zur gewinnbringenden Waffe, wenn Messi sie empfing und mit seinen Tempodribblings in Tore verwandelte. Yamal ist im Spanien der Gegenwart genau dieser Zielspieler, auch wenn Trainer de la Fuente nichts mehr ablehnt als den Vergleich seines Ausnahmekönners mit Messi.
„Der beste Spieler der Welt zwischen den Linien“
Sosehr Yamal der spanischen Mannschaft das entscheidende Etwas gibt, um sie in den Rang eines Titelkandidaten zu erheben, so wenig darf vergessen werden, dass er es nicht allein war, der Spaniens Auftritt im Vergleich zum ersten gegen Kap Verde veränderte. De la Fuente hatte nach dem enttäuschenden 0:0 neben Yamal drei weitere Spieler in die Startformation gepackt, die ihm alle zugutekamen. Als rechter Außenverteidiger spielte dieses Mal Pedro Porro, der eine deutlich offensivere Alternative zu Marcos Llorente ist. Porro und Yamal rissen die Abwehrseite der Saudis nach Belieben auf, ihr Wechselspiel war verwirrender als jede Fata Morgana. Und dann war da Dani Olmo.
„Der beste Spieler der Welt zwischen den Linien“, wie de la Fuente sagt. Was Olmo zeigte, war eine Bestätigung dessen. Seine Bälle in die Schnittstellen der arabischen Verteidigung erlief Yamal mit größter Freude. Um Olmo als Zehn seine Stärken ausspielen lassen zu können, veränderte de la Fuente die Grundformation von 4-3-3 auf 4-2-3-1. Außerdem rückte Pedri neben Rodri ins defensive Mittelfeld, was Spaniens Aufbauspiel mit noch mehr Ballsicherheit ausstattete.
Schonung für das nächste Spiel
Gegenüber von Yamal wirbelte Álex Baena, de la Fuentes Entdeckung bis hierhin. Baena und Yamal fütterten Mikel Oyarzabal, der zwei Tore schoss und wie Yamal zur Pause ausgewechselt wurde. All die Umstellungen funktionierten so gut, dass die Frage nahelag, ob de la Fuente denn nun Personal und System gefunden habe. „Nur für dieses Spiel“, sagte er und stellte für das abschließende Gruppenspiel gegen Uruguay weitere Änderungen in Aussicht. „Das ist wieder ein anderer Gegner, gegen den wieder andere Dinge gefragt sein werden“, sagte er.
Gegen Uruguay am Samstag (2 Uhr MESZ bei Magenta TV) sollen Yamal und Oyarzabal länger wirbeln, gegen Saudi-Arabien war die Show nach ihrer Auswechslung vorbei, Spanien wollte seine Künstler für die nächsten Auftritte schonen, das Erreichen der K.-o.-Runde ist bereits so gut wie sicher. De la Fuente hatte schon im Vorfeld angekündigt, Yamal nur eine Halbzeit spielen lassen zu wollen. Nach einer hartnäckigen Oberschenkelverletzung soll sein Pensum langsam gesteigert werden.
Gemessen an seinem Alter, sollte das zu verschmerzen sein. Wenn Lamine Yamal in diesem Tempo weitermacht, dürfte er nicht nur bei dieser Weltmeisterschaft noch viele Höhepunkte für die Zuschauer bereithalten.
