Das „Hessenlied“ klingt schon sehr hymnisch und repräsentativ, zumal wenn es das hr-Sinfonieorchester unter der Leitung seines Chefdirigenten Alain Altinoglu zur feierlichen Eröffnung des Rheingau Musik Festivals in der romanischen Basilika von Kloster Eberbach vor zahlreichen Ehrengästen so würdig und staatstragend interpretiert – und wenn das Volk dazu nicht singt. Denn ganz ehrlich: So richtig textsicher und volltönend würde es sicher immer noch nicht klingen, auch wenn der hessische Ministerpräsident Boris Rhein (CDU) die Landeshymne „Ich kenne ein Land, so reich und so schön“ schon seit Längerem ausdrücklich fördert. Auf seine Initiative hin stellte das Frankfurter Orchester schon im Vorjahr am selben Ort zum selben Anlass die von wilhelminischem Geist geprägte Rarität voran.
Dass dem hr-Sinfonieorchester deshalb nun nachträglich der Hessische Kulturpreis 2025 verliehen wurde, können allerdings nur böse Zungen behaupten. Denn tatsächlich hat sich das Orchester seit Altinoglus Amtsantritt vor fünf Jahren auf höchstem Niveau weiterentwickelt. Wie der Orchestermanager und Musikchef des Hessischen Rundfunks, Michael Traub, sagte, als er die mit 45.000 Euro sehr hoch dotierte Auszeichnung entgegennahm, erlebt man derzeit „eine besonders erfolgreiche und inspirierende Phase“. Die Frankfurt Radio Symphony, wie sich das Orchester international nennt, hat dazu eine enorme Reichweite mit dem am stärksten frequentierten, nicht kommerziellen Klassikkanal auf Youtube im deutschsprachigen Raum, mit etwa 3,4 Millionen Aufrufen pro Monat und mehr als 600.000 Abonnenten weltweit.

Insofern wird „Hessen in der Welt hörbar“, wie der Landesvater sagte, aber vor allem oft hochwertige Musik. Dazu trägt das Rheingau Musik Festival ebenfalls bei, etwa mit den Konzertübertragungen durch den Hessischen Rundfunk oder den europäischen Kulturkanal Arte. Der band das zweite Eröffnungskonzert des Festivals, das am Folgeabend mit verändertem Mittelteil und dem japanischen Pianisten, Social-Media-Star und Artist in Residence Hayato Sumino im Wiesbadener Kurhaus bessere akustische Verhältnisse finden sollte, in sein aufwendiges Projekt „Europiano“ ein. Vom Nachmittag an wurden aus ganz Europa, aus Sälen von Athen bis Stockholm, Klavierkonzerte live oder leicht zeitversetzt übertragen.
Erfolg mit populären Programmen
Das Rheingau Musik Festival erreicht allein auf die herkömmliche Art ein breites Publikum: 158 Konzerte an 26 Spielstätten im Rheingau und in benachbarten Regionen finden bis zum 5. September statt, von den 130.000 Karten, die dafür zur Verfügung standen, waren eine Woche vor Festivalbeginn 100.000 vergeben. Die zur Eröffnung viel beschworene „Vielfalt“ schlägt sich dabei in einem beträchtlichen Anteil an populären Angeboten nieder. Das gilt auch für die rein klassischen Programme. Wenn etwa die Academy of St Martin in the Fields als diesjähriges Orchestra in Residence an einem Abend Beethovens fünfte Sinfonie mit Mendelssohns Violinkonzert kombiniert, so sticht das aus dem Gesamtprogramm nicht besonders heraus.
Das hr-Sinfonieorchester gab mit nicht ganz so großen Namen, aber zugkräftigen und eingängigen Werken den schmissigen Auftakt. Die „Polowetzer Tänze“ aus der Oper „Fürst Igor“ von Alexander Borodin vermittelten sich an den passenden Stellen kraftstrotzend, aber stets in hoher Klangkultur, nie grobschlächtig, voller Drive in den schnellen Tänzen. An den russischen Bären war da nirgends zu denken. Gleich der Beginn hatte vielmehr etwas Zartes, Feines, Elegantes.
Frecher, blitzsauberer Ton
Das kompakte Konzert für Trompete und Orchester As-Dur des Armeniers Alexander Arutjunjan schloss sich daran in seiner leicht neoklassizistischen Färbung bündig an: dass der 2012 im Alter von 91 Jahren gestorbene „Volkskünstler“ und Stalin-Preisträger gut drei Generationen jünger war als Borodin, wird durch den eingängigen sozialistischen Realismus nicht hörbar. Als Solistin verlieh die Französin Lucienne Renaudin Vary, ebenfalls Fokus-Künstlerin des Festivals, dem 1950 entstandenen Standardwerk für Trompeter aber teils einen frechen Ton. Die virtuosen, schnellen Passagen spielte sie distinkt und blitzsauber. Vor allem aber gelangen Vary die melancholischen Momente eindringlich. Weich im Ton einer einsamen Heldin konnte die Trompete da singen, nicht zuletzt in der Solokadenz. Das funktionierte im Hall der Basilika gut, ebenso mit einem gleichfalls melancholischen Stück von Astor Piazzolla als Zugabe.
Zum umfangreichsten Schwerpunktthema aller Zeiten beim Festival leistete das hr-Sinfonieorchester mit den Variations on an Original Theme op. 36 von Edward Elgar, den „Enigma-Variationen“, einen populären Beitrag. Unter dem Motto „Spot on: United Kingdom“ sollen rund 50 weitere Konzerte mit Interpreten oder Werken aus dem Vereinigten Königreich folgen. Altinoglu schärfte die Charaktere der 14 Variationen genau, als sehr anschauliche Porträts der Menschen, die Elgar darin mit ihren Eigenarten und Fehlern doch stets liebenswürdig geschildert hat. Auftrumpfend konnte das klingen, donnernd im Hall, wenn die Tieftöner, Posaunen, Tuba und Pauken, eine Gewitterszene malten, aber auch voller Sentiment und tiefer Empfindung.
