Italien als Auftaktgegner – ein Traum: Allein im Großraum Toronto leben geschätzt fast eine halbe Million italienischstämmiger Einwanderer. Nur rund fünf Stunden Fahrt entfernt eine weitere Viertelmillion in Montréal, und auch aus New York City und Umgebung mit einer der größten italienischen Communitys der Welt durfte man eine Menge fußballverrückter Fans erwarten. Mamma mia, che spettacolo! Zu schön, um wahr zu sein. Die Squadra Azzurra hat die Qualifikation für die WM 2026 in den USA, Kanada und Mexiko vergeigt. Deshalb hat die kanadische Elf nun ihr erstes Gruppenspiel am 12. Juni in Toronto gegen Bosnien-Hercegovina bestritten. Am Samstag spielt die deutsche Elf dort gegen die Elfenbeinküste (22 Uhr).
„Schon schwierig“, kommentiert Chris Shewfelt und meint nicht nur die Aussprache. Der Manager beim Toronto FC, in dessen Stadion sechs WM-Spiele stattfinden, hat im Vorverkauf zwei Tickets ergattert. Jedes für 1200 kanadische Dollar, zusammen umgerechnet 1500 Euro. „Auch für die Stadt wäre es ein bemerkenswertes Ereignis geworden“, trauert er um das erhoffte Match gegen Italien. Aber, hey, das hier ist Kanada, wo Einwanderer, egal welcher Herkunft, schon qua Staatsmotto zum Gelingen des großen Ganzen beitragen. Und immerhin hat Kanada mit einem 1:1 vor rund 40.000 einheimischen Fans einen historischen ersten Punkt bei einer WM geholt auf dem Stadionrasen, den Shewfelt und sein Team über Monate in den FIFA-gemäßen Topzustand brachten.
Die Party steigt – im Stadion und beim Public Viewing
20 Zentimeter Boden haben Shewfelt und sein Team abgetragen, der 95-Prozent-Anteil Naturrasen wurde ab Februar in Gewächshäusern gepäppelt und mit fünf Prozent eingestickten Kunststofffasern verstärkt. Darauf werden auch die elf Freunde aus Deutschland gegen das Team der Elfenbeinküste auflaufen. Auch dann, ist Shewfelt überzeugt, wird die Party steigen, im Stadion und beim Public Viewing: Weil hiesige Fans von Real Madrid beispielsweise Abwehrspieler Antonio Rüdiger in ihrer Stadt erleben wollen oder jene der englischen Premier League: Florian Wirtz vom FC Liverpool, Kai Havertz vom FC Arsenal oder Nick Woltemade von Newcastle United. In der gegnerischen Mannschaft spielen einige das Jahr über ebenfalls in europäischen Spitzenclubs wie Amad Diallo von Manchester United oder Seko Fofana vom FC Porto und haben in Toronto ihre Anhänger.

Nur weil man in der größten Stadt Kanadas lebt, muss man kein glühender Fan des hiesigen FC sein. Weshalb dessen Heimatstadion, das BMO Field am westlichen Rand der Innenstadt, auch nur vorübergehend mit 17.000 zusätzlichen Plätzen auf eine Zuschauerkapazität von 45.000 erweitert wurde. Fußball ist in diesem Land eine vergleichsweise junge Sportart, die wie keine andere die Geschichte der Einwanderung erzählt. Samstagvormittags füllen sich die Cafés in Toronto mit den großen Bildschirmen, auf denen die Spiele der Bundesliga, Primera División, Serie A oder Premier League übertragen werden.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
„Mehr als die Hälfte der Einwohner ist nicht in Kanada geboren. Sie kamen aus weit mehr als 200 Ländern und haben ihre Vorlieben von dort mitgebracht. Auch die für Fußball“, erzählt Sharon Bollenbach, die das FIFA-Sekretariat bei der Stadt Toronto leitet. Weil bestimmt ein Elternteil zu Hause kickte, tun das nun auch die Kinder, auf Bolzplätzen oder in Vereinen der neuen Heimat. Viele kanadische Spitzenspieler haben so begonnen. Weil zumindest anfangs die Kosten geringer sind als bei Basketball oder Eishockey, hat Fußball diesen traditionell starken Mannschaftswettkämpfen binnen zwei Jahrzehnten den Rang der beliebtesten Jugendsportart abgelaufen.
Ein multikulturelles Mosaik
Kanada versteht sich nicht als Schmelztiegel wie die USA, sondern als multikulturelles Mosaik. Assimilierung ist ein Fremdwort, das Stadtbild gewollt bunt: Alle dürfen weiter ihre Muttersprachen, Traditionen, Religionen und sonstigen Vorlieben pflegen, das aber bitte mit gegenseitigem Respekt. Besucher vernehmen hier ungewohnt oft ein „Sorry“, wo auf Anhieb gar kein Grund zur Entschuldigung vorliegt, und ein „Can I help you?“, wenn auch nur der Anschein einer kurzzeitigen Orientierungslosigkeit besteht.
Die Menschen lassen einander eher den Vortritt, als auf ihrem Platz in der Schlange zu beharren. Drängeln ist verpönt. Wer es bemerkenswert findet, mit welch entspannter Selbstverständlichkeit eines Abends die im kürzestmöglichen Minirock gekleidete Waitress in einem Restaurant in Torontos Finanzdistrikt die Bestellung einer im Tschador verhüllten Frau aufnimmt, ist zweifellos ein migrationsproblematisch sozialisierter Europäer auf Durchreise. Natürlich kann man nach dem Essen noch kilometerweit durch die laue Nacht zum Hotel spazieren. Die gedämpften Stimmen der am Wegrand plaudernden Grüppchen deuten sehr wahrscheinlich nicht auf eine Verschwörung zu einer Straftat hin – Toronto gilt als eine der sichersten Städte der Welt –, sondern auf Rücksicht gegenüber bereits schlafenden Anwohnern.
„Ich glaube“, sagt Jusep Sim, „die Höflichkeit hat viel mit Immigration zu tun. Wenn man neu in ein Land kommt und die Sprache nicht gut spricht, benutzt man häufig die Wörter Entschuldigung, bitte, danke.“ Da jedes Jahr an die 100.000 Zuzügler nach Toronto und in die ständig wachsenden Vororte kämen, präge einerseits diese Demut die Kultur. Andererseits aber eben auch die Dankbarkeit, die eigene Herkunft nicht verstecken zu müssen, sondern sie im Gegenteil sogar aktiv in die Gemeinschaft einbringen zu dürfen.

Sim, selbst gebürtiger Koreaner und Gründer des Food-Tour-Anbieters Chopstick+Fork, begleitet Besucher deshalb am liebsten dorthin, wo sie die Diversität der Stadt mit allen Sinnen erleben können: in die Straßen des Kensington Market zwischen Spadina Avenue, Dundas Street, Bathurst Street und College Street. In den viktorianischen Häusern und drum herum herrscht eine selten auf so engem Raum zu beobachtende Vielfalt an Sprachen und Hautfarben. Am besten folgt man der Nase: Nein, nicht dem Cannabis-Duft zu den grellbunt bemalten Shops, in denen Joints, Kekse und Fruchtgummis legal die Besitzer wechseln – und die auch ganz offen mit dem Verkauf halluzinogener Pilze werben. In Kensington Market versammelt sich die Welt vor allem um Kochtöpfe und Backöfen, seit die Neuankömmlinge vor Jahrzehnten anfingen, ihren Lebensunterhalt mit den Rezepten aus ihren Herkunftsländern zu verdienen.
Wann spielt Alphonso Davies wieder?
Bei „Golden Patty“ gibt es so bereits seit 32 Jahren gefüllte jamaikanische Teigtaschen, typische Momos und schwarzen Tee mit ein bisschen Butter und Salz im Tibet Café, im Fika, was schwedisch ist und übersetzt Kaffeepause bedeutet, noch ofenwarme selbst gebackene Zimtschnecken. Bei Koi Sushi steht die neue Besitzerin selbst in der Küche, wenn sie nicht gerade für ihre Prüfungen an der Uni büffelt. Als der Weg an der Pizzeria Via Mercanti vorbeiführt, kann auch Sim nicht an sich halten: „Wie schade, wir hätten so viele italienische Fans zu Besuch gehabt.“ Aber natürlich entschuldigt er sich gleich für diesen Satz.

Im Norden der Stadt bangen sie um die Rückkehr von Alphonso Davies nach Kanada. Vielleicht sogar ein bisschen mehr als um das WM-Schicksal der Nationalmannschaft aus Ghana. Zum Auftakt Kanada gegen Bosnien-Hercegovina fehlte Davies, der in der Bundesliga für den FC Bayern spielt. Er laboriert immer noch an seiner Oberschenkelverletzung. Für die ghanaische Community, 60.000 zählt sie in Toronto, ist das Fußballwunderkind einer der ihren – und eine dieser Einwanderer-Erfolgsgeschichten, die man sich wieder und wieder erzählt. Geboren in einem Flüchtlingslager in Ghana, kam Davies als kleiner Junge mit seinen Eltern über ein Replacement-Programm nach Kanada und wurde bereits mit 16 in die kanadische Nationalmannschaft aufgenommen. Seit sieben Jahren steht er beim FC Bayern unter Vertrag. „Zum Glück“, lacht Community-Präsident Immanuel Doudu, „werden die Mannschaften nicht gegeneinander spielen.“
Um Geld zu sparen, haben die Fanclubs der WM-Teilnehmer Ghana, Elfenbeinküste und Senegal im Downsview Park gemeinsam ein Stück Gelände für ihr Fanfest gemietet. Auch das hat noch einen praktischen Nebeneffekt: „Wenn eine Mannschaft verliert, feuern wir einfach eine andere an.“ Und Elvis Dwomoh wird in seiner New King of King’s Bakery Hunderte Laibe des süßen ghanaischen Brots backen, für das die Kunden an den Wochenenden vor seinem Laden Schlange stehen, dazu die schmalzgebackenen Bofrots, und Ma Joyce Dwira von Mama and Papa’s Good Soup wird so viele Töpfe mit dem Reisgericht Waakye kochen und Kelewele-Bananen braten, dass für alle gesorgt ist. Klar, auch für Fans aus Deutschland, wenn die mal einen ganz besonderen Fußballabend erleben wollen.

Auf Social-Media-Kanälen hat Toronto viel Häme dafür einstecken müssen, dass die Stadt die kleinste der insgesamt 16 WM-Spielstätten hat. „Wir werden uns dafür nicht entschuldigen“, sagt Bollenbach. „Im Gegenteil: Unser Stadion ist einzigartig in seiner Intimität. Nirgendwo sonst werden die Zuschauer so nah am Geschehen sein.“ Sie teilt die Auffassung der übrigen lokalen Organisatoren: Knapp 158 Millionen CAD (knapp 100 Millionen Euro) für den Ausbau der Tribünen, mehr WLAN-Kapazität, neue Bildschirme, Scheinwerfer und Übertragungsplätze für Radio und Fernsehen sind genug. „Wir stecken das vorhandene Geld lieber in Fanmeilen außerhalb des Stadions und neue kleine Fußballfelder in den Vororten. Von denen werden viele Menschen auch lange nach der WM noch profitieren.“ Und gewiss auch künftige Profis, die hier das erste Mal gegen einen Ball treten.
Wertvolle Tipps zu Reisen nach und in Kanada
Die gute Nachricht zuerst: Kanada erwartet Fußballfans während der WM mit den landestypisch offenen Armen. Urlauber mit deutschem Pass benötigen für die Einreise lediglich eine sogenannte electronic travel authorization (eTA), die in der Regel minutenschnell nach dem Absenden des Onlineformulars eintrifft. Anders als in den USA wird am Flughafen auch kein Migration Officer Handy oder Tablet nach kritischen Social-Media-Posts über das politische Führungspersonal durchforsten. Soccer Lovers welcome! Wer bei der Grenzkontrolle als Reisegrund „Football“ angibt, wird auch verstanden, wenngleich das streng genommen in Kanada eine andere Sportart ist. Habt Spaß, und nutzt die öffentlichen Verkehrsmittel zum Stadion, die im Juni und Juli genauso viel kosten wie sonst auch immer. „Wir wollen es einfach halten, wenn Menschen aus der ganzen Welt in die Stadt kommen für eine Weltmeisterschaft“, betont Torontos Bürgermeisterin Olivia Chow. Deshalb werden mehr Züge der regionalen Verkehrsgesellschaft GO Transit verkehren und innerhalb Torontos die Straßenbahnen der Linien 509 und 511 in kürzeren Abständen die Station „Exhibition Loop“ nur wenige Gehminuten vom zentral gelegenen BMO Field entfernt ansteuern. Einen WM-Aufschlag werde es mit ihr nicht geben.
In Toronto ist im Einzelnen mit folgenden Kosten zu rechnen:
UP-Express vom Flughafen Pearson in die Innenstadt (Union Station): Für die einfache Fahrt zahlen Erwachsene 12,35 kanadische Dollar (CAD, rund 7,70 Euro), Senioren ab 65 Jahren die Hälfte und Familien 25,70 CAD. Es gibt auch Gruppenermäßigungen, E-Tickets sind ein Jahr lang gültig: upexpress.com/en
Zum Stadion und Public Viewing Anders als in den USA, wo die Spielstätten oft weit draußen in den Vororten liegen, ist das BMO Field ein Stadt-Stadion. Ein Einzelticket für die rund 15-minütige Fahrt ab Union Station mit GO Transit auf der Lakeshore West Line kostet Erwachsene 4,40 CAD, Senioren die Hälfte, Kinder bis zum Alter von 12 Jahren reisen gratis. Ein paar Minuten länger brauchen die Straßenbahnen der Linien 509 (ab Union Station) und 511 (Bathurst Station). Sie halten dafür unter anderem auch an der Station „Fleet Street at Fort York Blvd“ und sind damit die beste Möglichkeit, die offizielle Fanzone mit Public Viewing am Fort York (torontofwc26.ca/FIFAFanFestival) zu erreichen. Erwachsene zahlen für eine Einzelfahrt umgerechnet 2 Euro und ein paar Cent, Jugendliche und Senioren keine 1,50 Euro, und Kinder bis zum Alter von 12 Jahren reisen auch hier gratis. Ein Tagesticket für unbegrenzte Fahrten im Stadtgebiet kostet maximal knapp 8,50 Euro (www.ttc.ca/Fares-and-passes). Es empfiehlt sich der Kauf einer aufladbaren Presto-Card (prestocard.ca/en), mit der sich weitere Cent sparen lassen.
Radverleih Toronto lässt sich gut mit dem Rad erkunden. Leihräder gibt es an zahlreichen Stationen. Wer sich auf dem Weg ins Stadion oder in die Fanzone selbst sportlich betätigen will, kann auch entlang der Waterfront marschieren oder radeln. Leihräder gibt es an zahlreichen Stationen (bikesharetoronto.com)
Übernachtung Weniger erquicklich aus Sicht der Fußballfans sind – neben dem von der FIFA gesteuerten Ticketverkauf – die Übernachtungspreise während der WM. Die Kosten für Hotelzimmer in Toronto sind zwar im Vergleich zu jenen in US-Spielstätten moderater angestiegen. Nachdem die FIFA auch hier Tausende zuvor für Mitarbeiter und VIPs reservierte Nächte zurückgegeben hat, sind noch genügend freie Zimmer vorhanden. Allein in dem zur Hyatt-Kette gehörenden Hotel X, das sich in unmittelbarer Nachbarschaft zum BMO Field befindet, stornierte die FIFA beispielsweise mehr als 5000 der zunächst gut 6000 reservierten Nächte. Für die während der WM in den meisten Hotels obligatorischen mindestens zwei Übernachtungen werden hier im günstigsten Doppelzimmer, inklusive Steuern und Gebühren, dennoch umgerechnet 1075 Euro fällig (www.hotelxtoronto.com/). Zwei Nächte im Hotel One King West im Stadtzentrum kosten für zwei Personen umgerechnet ab knapp 910 Euro, sämtliche Zimmer sind mit Kochnische und den nötigen Utensilien ausgestattet (www.onekingwest.com). Das The Drake Hotel bietet für denselben Zeitraum Doppelzimmer ab 964 Euro an (thedrake.ca/).
Als günstige Alternative stellt die University of Toronto auf ihrem Campus im östlichen Stadtteil Scarborough Wohnungen mit zwei beziehungsweise vier Schlafzimmern, Küche, Bad und Aufenthaltsraum zur Verfügung. Preis: umgerechnet rund 280 beziehungsweise 438 Euro pro Nacht plus Steuern für die gesamte Unterkunft (www.utsc.utoronto.ca). Mit öffentlichen Verkehrsmitteln dauert die Fahrt von Scarborough zum BMO Field oder zu der Fanzone eine gute Stunde. Im Großraum Toronto bringt sich außerdem die 45 GO-Transit-Minuten westlich gelegene Stadt Mississauga (www.visitmississauga.ca/where-to-stay) ins Spiel. Kingston, einst die erste Hauptstadt Kanadas, wirbt mit einer speziellen Fanwebsite für seine günstigen Unterkünfte und sehenswerten Bauten (www.visitkingston.ca/worldcup26/), ist allerdings rund 2,5 Stunden Fahrt entfernt.
Aufpassen bei dubiosen eTA-Agenturen Wirklich aufpassen müssen Kanada-Reisende in diesen Wochen, dass sie bei der Beantragung der Einreisegenehmigung eTA nicht Agenturen auf den Leim gehen, die für völlig überteuerte Preise ihre Hilfe anbieten. Mehr auf der offiziellen Website der kanadischen Regierung. Mehr als 7 CAD sollte niemand für die eTA bezahlen müssen. Wer in der Suchmaschine die Stichworte „Kanada“ und „eTA“ oder „Einreise“ eingibt, findet in der Ergebnisliste zunächst allerdings mehrere Einträge, die die Website der Regierung imitieren oder so tun, als seien sie im Auftrag der kanadischen Behörden tätig. Sind sie nicht, sie verdienen nur Geld damit.
