Viele andere können ihren Dienstschluss kaum erwarten und streben nach der Arbeit eilig ihrem Zuhause zu. Wolfgang Richter geht es ganz anders. Er fühlt sich wohl an seinem Arbeitsplatz. An so manchem Abend möchte er gar nicht weg. Vielmehr bleibt er nach Geschäftsschluss gleich in seinem Laden. „Dann setze ich mich auf einen der Sessel hier, hole mir ein Glas Wein und lege mir eine Platte auf. Auswahl habe ich ja genug“, sagt der Händler und grinst.
Der Name seines in mehrfacher Hinsicht einzigartigen Ladens lautet so wie die Adresse: „Markt 2“. Das Geschäft liegt direkt neben dem Rathaus von Marburg. Den Laden gibt es seit zehn Jahren. Zumindest so wie er jetzt ist, wie der 74 Jahre alte Inhaber berichtet. Früher war dort eine Metzgerei. Alte Fliesen zeugen noch von diesen Tagen. Wer angesichts des Alters des Besitzers und von „Markt 2“ stutzt, dem erklärt Richter rasch den Zusammenhang. Sein Berufsleben hat der Mann in der Gastronomie verbracht. Sein jetziges Geschäft führt er aus Spaß: „Ich verkaufe die Sachen, weil ich sie selbst gerne trage.“

Das Sortiment besteht im Wesentlichen aus Hosen, Jacken und Westen aus Cord, Tweed und Raw Denim, also ungewaschenem Jeansstoff, teils im Nadelstreifen-Look. Dazu bietet Richter aus kerniger Baumwolle gefertigte Hemden an, im Sommer auch Bekleidung aus Leinen-Mix wie einen dreiteiligen hellen Anzug. Alles in Europa genäht, vor allem in Portugal im Auftrag der bayerischen Marke Pike Brothers. Die meisten Sachen sind auf Männer zugeschnitten, aber auch Frauen kaufen gerne im Laden ein, vor allem kernige Hemden und Hüte und Kappen der Marke Stetson. Oder sie kommen mit ihrem Sohn und kleiden ihn ein, wie Richter erzählt. In einer von Hosenträgern gehaltenen Raw-Denim-Jeans, einem Baumwollhemd und mit einer Paperboy-Cap auf dem Kopf ist er sein eigener Werbeträger.

Entdeckt hat Richter das Label Pike Brothers während eines Besuchs in Berlin, wie er erzählt, ebenso die Kappen von Stetson. Er sah sich die Kollektionen genauer an und kam auf die Idee, den eigenen Laden mit Produkten beider Marke zu bestücken, ganz nach eigenem Gusto. „Markt 2“ brauchte eine Anlaufzeit. Diese Phase konnte Richter verschmerzen, zumal ihm das Haus, in dem er verkauft, gehört, seine Wohnung grenzt direkt an das Geschäft. Seit der Corona-Phase steigen die Umsätze stetig. „Unglaublich“, meint er und zieht die Augenbrauen hoch. Dabei macht Richter beim allfälligen „Sale“ nicht mit und beim „schwarzen Freitag“ schon gar nicht. „Das ist Qualität, wieso sollte ich die Preise heruntersetzen?“
Kunden fast jeden Alters zieht er auch von weither an, nicht nur mit den Textilien, sondern auch mit Schallplatten und Deko-Artikeln aus vergangenen Zeiten, etwa Werbeschilder aus Emaille. Das Vintage-Vinyl erstreckt sich, so abgegriffen der Spruch auch klingt, von Abba bis Zappa. Jazz-Freunde freuen sich über bestens erhaltene Platten des Labels ECM. Auch Krautrock-Fans kommen auf ihre Kosten. Alte Ausgaben des „Spiegels“ und der „Bravo“ runden das pointierte Sortiment ab.
Markt 2, Am Markt 2, Marburg; täglich außer sonntags von 11 bis 18 Uhr
