
Der erste Generalprobe für das Provisorium fand Anfang Mai statt, als Lionel Messi mit Inter Miami in die Stadt kam und beim ersten Angriff Richtung Tor sprintete. Überall im Stadion sprangen die Zuschauer auf und jubelten über die Szene, auch wenn sie keinen zählbaren Erfolg nach sich zog. Allerdings herrschte im oberen Teil der neuen Stahlkonstruktion in der Nordwestecke der Arena alles andere als Begeisterung.
Dort blieben auffällig viele Fans einfach auf ihrem Plastikgestühl sitzen. Der Grund: Ein böiger Wind, der vom ein paar Hundert Meter entfernten Ontario-See herangeweht war, hatte das wie ein riesiges Baugerüst zusammengestöpselte Gestell erfasst und den Zuschauern in den luftigsten Reihen ein mulmiges Gefühl eingeschenkt. Auf sie wirkte es so, als ob das Metallgeflecht ins Schwingen geraten war.
17.000 Menschen auf zwei steilen Tribünen
Eigentlich bietet das städtische Stadion, lokal besser bekannt als BMO Field, in dem das Major-League-Soccer-Team Toronto FC seine Heimspiele austrägt, nur Platz für 28.180 Zuschauer. Groß genug für Begegnungen in der nordamerikanischen Profiliga, wo die Mannschaft im Schnitt jedes Mal auf 16 Prozent der Eintrittskarten sitzenbleibt. Aber zu klein für ein WM-Stadion nach dem Reglement der FIFA. Der Internationale Fußballverband verlangt ein Fassungsvermögen von mindestens 40.000 Besuchern.
Weil die größte Stadt Kanadas unbedingt bei der Drei-Länder-WM dabei sein wollte, investierte die Kommune umgerechnet knapp 100 Millionen Euro in den zeitweiligen Ausbau und Umbau der Arena. Zu den Maßnahmen gehörten unter anderem zwei ungewöhnlich steile Tribünen hinter den beiden Toren – eine für 7000 Zuschauer auf der Südostseite und jenes größere Gestell für 10.000 Personen auf der Nordwestseite. Beide werden nach dem Turnier wieder abgebaut.
Vom Wind bedrohte Plätze kosten 1500 Euro
Die nach offizieller FIFA-Nomenklatur „Toronto Stadium“ genannte Sportstätte werde durch die Aufstockung „ein unvergleichliches Erlebnis” bieten, hatte die Geschäftsführerin des örtlichen WM-Organisationskomitees, Sharon Bollenbach, gesagt. Eine Einschätzung, die von den kanadischen Zuschauern beim ersten Spiel in der Gruppe B gegen Bosnien-Hercegowina durchaus bestätigt wurde. Sie genossen am ersten WM-Freitag herrlichen Sonnenschein, einen unverbauten Blick aufs Spielfeld und den Vortrag der Rock-Röhre Alanis Morissette, die die kanadische Nationalhymne sang. Und so vergaßen sie irgendwann die Sorge, die in den Wochen zuvor über das Provisorium in der Stadt kursierte. Ein Vater-Tochter-Gespann versicherte einem Reporter der Stadtzeitschrift „Toronto Life“: „Nachdem wir Platz genommen hatten, war es besser, als wir erwartet hatten.“
Wenn es überhaupt etwas auszusetzen gab, dann das enttäuschende 1:1 gegen das schwächer eingeschätzte Team aus Bosnien-Hercegowina. Und natürlich die Eintrittspreise. Für Plätze in den vom Wind bedrohten höheren Sitzreihen auf dem Wiederverkaufsmarkt für das Spiel des DFB-Teams an diesem Samstag gegen die Elfenbeinküste (22.00 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-WM, im ZDF und bei MagentaTV) werden umgerechnet rund 1500 Euro verlangt.
Der Reporter der „New York Times“, der sich beim Auftritt von Messi im Mai gezielt auf den Weg machte, um die Tribüne zu testen, deren oberste Sitzreihen sich in einer Höhe von 35 Meter über der Erde befinden und nur von schmalen Geländern umrahmt werden, erlebte so einiges, was ihn nervös machte: Die steilen Treppen, ein von den Böen erzeugtes, unangenehmes Gefühl der Schwerelosigkeit und schließlich ein Vibrieren, das Zuschauer in anderen Teilen der Konstruktion bei ihren begeisterten Luftsprüngen verursachten.
Sogar wenn die Fans der Elfenbeinküste wie in der ersten Begegnung gegen Ecuador in Philadelphia in der Minderheit sein sollten, dürften deren ausgelassene Tanzeinlagen ganz oben auf der Nordwest-Tribüne noch den einen oder anderen arglosen Stadionbesucher beunruhigen. Sowohl die Nationalmannschaft als auch die Fans nennen sich nicht von ungefähr „Die Elefanten“.
