Benjamin Berndt betritt an einem Vormittag Mitte Juni ein italienisches Restaurant in Köln, zwei Kellner decken die Tische, Berndt ruft ihnen zu: „Ihr habt zwar noch nicht offen, aber wir setzen uns schon mal.“ Einer der Kellner lacht, Berndt grinst und steuert einen Tisch am Fenster an.
In seinem Studio, das direkt nebenan liegt, hat Berndt ein paar Monate vorher eine Folge seines Podcasts „ungeskriptet“ aufgenommen, die danach für viel Aufregung sorgte: Viereinhalb Stunden lang sprach Berndt mit dem AfD-Politiker Björn Höcke, kritische Fragen stellte er kaum, weil er den Extremisten „als Menschen“ kennenlernen wollte, wie er sagte. Sechs Millionen Mal wurde die Folge bis heute allein auf Youtube aufgerufen. Die frühere SPD-Chefin Saskia Esken rief nach der Folge dazu auf, keine Werbung mehr bei Berndt zu schalten, weil er einem Faschisten eine Bühne geboten habe. Der Aufruf ging nach hinten los, der Podcast wurde noch erfolgreicher, und auch linke Politiker folgen weiter der Einladung Berndts. Gerade erschien eine „ungeskriptet“-Folge mit der früheren Grünen-Vorsitzenden Ricarda Lang.
Künftig werden viele Spitzenpolitiker wohl vor der Frage stehen: Gehe ich zu Berndt? Und wer ist das eigentlich? In den Artikeln, die nach der Höcke-Aufregung erschienen, bezogen sich viele Medien auf Informationen von Berndts eigener Website. Vor allem zwei Punkte blieben hängen: Dass er mal ein Unternehmen für Babytragen gegründet hat – und dass er als Kampfsportler „Teil eines illegalen Underground Fight Clubs“ war. In der Pizzeria in Köln muss Berndt darüber lachen: „Ach ja, der Fight Club. Das war einfach der Keller von meinem Kampfsportstudio, in dem man während Corona trainieren konnte.“ Aber für ihn sei es ja schön, wenn Medien die Erzählung von ihm als gefährlichem, verruchtem Typen übernähmen.
Welches Bild hat Benjamin Berndt von Benjamin Berndt?
Gefährlich wirkt Berndt nicht, er ist charmant, aber doch sehr groß und trainiert, im Ring möchte man ihm nicht gegenüberstehen. Warum ist er in seinen Gesprächen dann so harmlos? „Ich will ein netter Gastgeber sein, um so etwas von meinen Gesprächspartnern lernen zu können“, sagt er. Es sei immer interessant, zu erfahren, welches Bild ein Mensch von sich selbst habe. Und welches Bild hat Benjamin Berndt von Benjamin Berndt?
Der Podcaster erzählt, dass er aus Hagen kommt, Sohn einer Finanzbeamtin und eines Hausarztes ist, seine beiden jüngeren Geschwister seien auch Ärzte. Er habe nach dem Abitur ein duales Studium bei Lufthansa absolviert, bald danach habe er sich selbständig mit verschiedenen Geschäftsmodellen versucht. Das Geschäft mit den Babytragen, die er mit seiner damaligen Partnerin entwickelte, habe schließlich funktioniert. Kurz nach der Geschäftsgründung sei die Beziehung auseinandergegangen, er habe das Babytragen-Geschäft weitergeführt und sei aus Südafrika, wo das Paar am Ende einer Weltreise mit zwei Kindern lebte, zurück nach Köln gezogen.
In Südafrika entdeckte er den Kampfsport für sich
In Südafrika habe er noch etwas entdeckt, das sein Leben verändert habe: Kampfsport. Er sei nach der Trennung in ein Krav-Maga-Studio gegangen, das ist eine Selbstverteidigungstechnik aus Israel. „Ich wollte mich meinen Ängsten stellen.“ Vorher sei er eher den Weg des geringsten Widerstands gegangen. In dem südafrikanischen Krav-Maga-Gym hätten die Leute erst mal ihre Waffen in die Ecke gelegt, dann sei „maximal realistisch“ trainiert worden, wie man reagiert, wenn einen mehrere Leute umbringen wollen.
Zurück in Köln sei er in ein MMA-Studio gegangen, das ist eine brutale Kampfsportart, bei der fast alles erlaubt ist. Sein Trainer habe irgendwann die Idee gehabt, Kunden in sechs Monaten zu einem MMA-Kampf zu bringen. Berndt sagt, er habe sich als Probekandidat angeboten, eine Weile trainiert, dann habe ein anderer Trainer gefragt, ob er nicht mal gegen seinen Kunden kämpfen wolle. „Ich habe geantwortet: Der ist doch viel leichter und kleiner als ich, das wäre unfair“, sagt Berndt. Der andere Trainer habe nur gelacht. Berndt kämpfte, in der zweiten Runde ging er k. o. Auf seiner Homepage schreibt Berndt: „Als ich wieder aufwachte, war die Welt nicht mehr die gleiche. Dieser Kampf veränderte mein Leben.“ Obwohl er blutüberströmt gewesen sei, habe er nicht fliehen, sondern weiterkämpfen wollen.
Er kämpfte nie wieder – und startete den Podcast
Stattdessen ging es mit gebrochener Nase ins Krankenhaus. „Aber ich war kein Opfer mehr“, sagt Berndt. „Ich wusste, ich kann mich auf mich selbst verlassen.“ Er kämpfte nie wieder – startete dafür aber 2022 den Podcast. Das zeigt, wie relevant es ist, welche Geschichte man sich über sein eigenes Leben erzählt: Berndt hätte das Erlebte ja auch als vernichtende Niederlage einordnen können.
Als er noch Babytragen-Unternehmer war, war Berndt mit seiner Geschichte noch nicht so zufrieden. Ihn habe damals der Podcast des Amerikaners Joe Rogan fasziniert, vor allem dessen „kantige“ Gäste. „Ich wollte auch ein Mensch sein, den Rogan einlädt“, sagt Berndt. Ihm sei aber klar geworden, dass sein Lebensweg dafür nicht interessant genug gewesen sei. „Also habe ich mir überlegt: Wie wäre es, wenn ich einfach der Gastgeber wäre?“ Er habe gegoogelt, wie Rogan sein Podcast-Studio ausgestattet habe, und dasselbe bestellt. Dann habe er die Leute aus dem Kampfsportstudio eingeladen. „Die haben alle superspannende Geschichten erzählt.“ Folge acht ging viral, und als er seine Kampfsportfreunde durchhatte, war der Podcast schon groß genug, dass er Fremde einladen konnte. Seitdem sprach er mit verurteilten Mördern, Drogenhändlern, Verschwörungsgläubigen, Rechtsextremen – also jedem, der gute Klickzahlen verspricht.
Gleichzeitig verfolgte Berndt weiter, was sein Vorbild Joe Rogan machte, der bis heute erfolgreichste Podcaster der Welt. Im Oktober 2024 veröffentlichte Rogan eine Folge mit Donald Trump, die viele im Nachhinein als mitentscheidend für dessen Wahlsieg einordneten. „Die Folge fand ich faszinierend“, sagt Berndt. „Da habe ich zum ersten Mal ein Gespür für den Menschen Trump bekommen. Das war jetzt kein rein positives Bild.“ Einen etwas spezifischeren, aber eigentlich harmlosen Kommentar über Trump will Berndt nicht in der Zeitung lesen, er wolle keine Probleme bei der Einreise in die USA bekommen. Da muss man dann doch kurz grinsen: Ist Trump im Weltbild vieler Rechter nicht der große Kämpfer für die Meinungsfreiheit, während man bei den woken Irren in Europa für jede Kleinigkeit gecancelt werde?
„Nach der Wahl ist meine heile Welt zerbröckelt“
Berndts Interesse an politischen Interviews war jedenfalls geweckt. Als die Ampelkoalition zerbrach, sagte Berndt zu seinem Team: „Lasst uns doch auch mal Politiker einladen.“ Die erste Zusage kam von Maximilian Krah von der AfD. „Für mich war ein AfD’ler sowieso viel spannender als jemand von der CDU, weil mich eben schwarze Schafe interessieren“, sagt Berndt. Die Folge wurde gut geklickt, Berndt lud mehr Politiker ein. „Das war alles sehr interessant, für mich war das eine ganz neue Welt. Nur, nach der Wahl ist meine heile Welt zerbröckelt.“ Er sei schockiert gewesen, dass Friedrich Merz (CDU) als Bundeskanzler plötzlich das Gegenteil von dem gemacht habe, was er vor der Wahl angekündigt hatte, und der alte, abgewählte Bundestag noch schnell das Grundgesetz änderte, um neue Schulden aufnehmen zu können.
Vor Freunden habe er Merz zunächst noch verteidigt, sagt Berndt. „Ich dachte, dass es dafür irgendwelche guten Gründe geben muss, die ich einfach noch nicht kenne. Und die wollte ich verstehen.“ Je mehr er aber an der „politischen Oberfläche“ gekratzt habe, umso schockierter sei er gewesen. „So bin ich politisiert worden.“ Berndt geht es also wie seinen Zuhörern. Er hat die politische Welt durch die Augen seiner Gäste kennengelernt, die er allerdings vor allem danach auswählt, dass sie „kantig“ sind, also oft ziemlich radikale bis abstruse Positionen vertreten.

Steht er mittlerweile selbst einer Partei besonders nah? „Nein, aber ich fühle mich politisch enttäuscht“, sagt er. „Früher hatte ich das Gefühl, Politik hat nichts mit meinem Leben zu tun. Aber jetzt sehe ich überall Dinge, die politisch verursacht werden und die mein Leben betreffen, angefangen beim Preis dieser Flasche Wasser.“ Hat er deswegen Höcke eingeladen? „Nein. Höcke ist einfach das größte schwarze Schaf in Deutschland.“ Ob er nach all der Kritik im Nachhinein etwas anders machen würde? „Nein“, sagt Berndt, obwohl er sogar eine Kleinigkeit aus dem Video löschen musste. Er hatte fälschlicherweise behauptet, Höcke habe gemeinsam mit Frauke Petry den AfD-Gründer Bernd Lucke verdrängt. „Das stand leider so in meinem Briefing, das wir immer mit Künstlicher Intelligenz erstellen“, sagt Berndt.
„Ich will mich nicht auf eine Seite schlagen. Ich will beide Seiten hören, die Zuschauer können sich selbst ein Bild machen“
Seine grundsätzlich unkritische Haltung verteidigt Berndt ansonsten damit, dass er kein Journalist sei, sondern mit Menschen so reden wolle, als säße er mit ihnen am Mittagstisch. Allerdings greift er in seinen Podcasts immer wieder etablierte Medien an. Kürzlich behauptete er, dass er mittlerweile bei jeder Zeitung schon an den Überschriften auf der Titelseite erkennen könne, was der jeweilige Autor für eine Meinung habe. Wir haben ihm deswegen eine F.A.Z. mit nach Köln gebracht. Als wir ihm zeigen, dass man an keinem der nachrichtlichen Texte auf der Titelseite auch nur ansatzweise erkennen kann, was für eine Meinung der Autor hat, freut er sich darüber eher und sagt, dann bestünde ja noch Hoffnung. Insgesamt wirkt Berndt nicht so, als halte er verbissen an einem gefestigten Weltbild fest, sondern eher wie ein Suchender, der interessiert an Widerspruch ist.
Also kritisieren wir noch mal sein Konzept, kontroverse Gäste einfach reden zu lassen: Muss das nicht scheitern, sobald ein Interviewpartner gar nicht offenbaren will, wie er wirklich denkt – sondern Lügen erzählt, um in der Öffentlichkeit besser dazustehen? Höcke hat sein rassistisches Weltbild und seine engen Verbindungen zu Rechtsextremen bei Berndt jedenfalls gut verstecken können und wurde als Opfer präsentiert. Genau wie die Clangröße Arafat Abou-Chaker, die bei Berndt drei Stunden lang ein Bild von sich als eine Art Ghetto-Samariter zeichnen konnte, der im Viertel selbstlos Konflikte zwischen anderen geklärt habe – immer auf der Suche nach Gerechtigkeit. Für Kenner von Abou-Chakers Vergangenheit war diese Folge reine Comedy.
An dieser Stelle des zweistündigen Gesprächs in Köln wirkt Berndt das einzige Mal kurz unsicher. Aber dann sagt er: „Es hat immer eine Berechtigung, dass der Mensch sich darstellen kann. Die allermeisten Leute glauben die Geschichte, die sie sich selbst über sich erzählen. Und deswegen ist das interessant.“ Aber ist ungefilterte Propaganda wirklich interessant, sei es für die Hells Angels, für kriminelle Clans, für die AfD? „Die Welt ist voll mit Propaganda“, sagt Berndt. „Russland sagt, es muss sich verteidigen. Die Ukraine auch. Ich will mich nicht auf eine Seite schlagen. Ich will beide Seiten hören, die Zuschauer können sich selbst ein Bild machen.“
Auch wenn er es nicht zugibt, ein bisschen was von der Kritik scheint bei Berndt doch angekommen zu sein: Mit Blick auf die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt rief er auf Instagram kürzlich den CDU-Ministerpräsidenten Sven Schulze dazu auf, in seinem Podcast an einem Spitzengespräch mit dem AfD-Herausforderer Ulrich Siegmund teilzunehmen. Der habe schon zugesagt. Warum er sich dafür von seinem Wohlfühlkonzept verabschieden wollte? „Siegmund ist viel weniger kontrovers als Höcke“, sagt Berndt. „Das ist im Wesentlichen der nette Typ von nebenan. Da wäre der Podcast einfach noch interessanter, wenn das ein Spitzengespräch mit einem etablierten Ministerpräsidenten wird, der um seine Position kämpft.“ Wenn gute Klickzahlen winken, wird also auch Widerspruch interessant. Am vergangenen Mittwoch hat Schulze laut Berndt allerdings abgesagt. Siegmund wird die Bühne also allein bekommen. So wird Berndt wieder nur die AfD-Perspektive kennenlernen. Genau wie seine Zuschauer.
