
Wohl niemandem kommt – auch im internationalen Vergleich – ein größeres Verdienst zu, Video als ein Hauptmedium der Kunst seit den Sechzigerjahren erkannt, gesammelt und in der öffentlichen Wahrnehmung verankert zu haben, als dem 1944 in Rathenow geborenen Kunsthistoriker Wulf Herzogenrath. Der Kölner Kunstverein, dessen Leiter er mit gerade einmal 28 Jahren wurde, war gleichsam sein Hochsitz, von dem aus er die Entwicklung des keineswegs schon allgemein anerkannten Mediums sechzehn Jahre lang bis 1989 maßgeblich steuerte, mit einem Höhepunkt in der legendären Documenta VI von 1977 und der von ihm dort kuratierten Abteilung zur Videokunst mit einer visionären „Satellitenübertragung“ von Joseph Beuys und Nam June Paik wie auch einem „Videogarten“ des koreanischen Pioniers dieses Mediums.
In Köln wurde Herzogenrath 1970 auch promoviert und nahm damit von Beginn an den Befreiungskämpfen von 1968 teil, die Kunstgeschichte von ihrer Fixierung auf die Hochkunst zu lösen. Alle Formen visueller Artikulation, und auch und gerade die der technisch produzierten Medien, sollten als niedrigschwelligerer, dennoch genuiner Gegenstandsbereich der Kunst- als Bildgeschichte eingesetzt werden. Herzogenraths kunsthistorische Herkunft war dabei das Bauhaus mit einer Dissertation zu Oskar Schlemmers Wandbildern, doch einem ebenso großen Faible für die Diaphanie der gleichsam „gotischen“ Glas- und Stahlbauten Mies van der Rohes oder Walter Gropius’ mit ihrem platonischen Figurentheater der Bauhausstudenten hinter den gläsern-transparenten Vorhängen, das auch sein Interesse an den wie magisch durchleuchteten Bildern des jung-alten Mediums Video prägte.
Von Paik bis Viola wurden Videokünstler seine Michelangelos
Es war diese Sehschulung, welche die Videokunst wie eine Offenbarung erscheinen ließ. Nicht auf aufwendige Beleuchtung angewiesen, sondern ihr eigenes Licht in sich selbst tragend und damit etwas von der ikonischen Qualität bewahrend, die durch das Fernsehen verloren zu gehen schien, war Videos das Medium der Stunde. Nam June Paik, Wolf Vostell, Fabrizio Plessi, Vito Acconci, Jochen Gerz oder der erst 22 Jahre alte Bill Viola, den er in Köln in „Projekt ‘74“ noch als „William Viola“ ausstellte, wurden als frühe Videokünstler Herzogenraths Mitstreiter und seine Michelangelos und Schlemmers.
Wulf Herzogenraths Expertise als Video-Visionär bewährte sich nicht nur in seiner Zeit als Hauptkustos der Neuen Nationalgalerie Berlin ab 1989 durch seine prägende und breit informierte kuratorische Arbeit, vielmehr weit in die Zukunft hinein: Mit strategischen Ankäufen erweiterte er die ständige Sammlung um wichtige Arbeiten, sodass in der augenöffnenden Überblicksaustellung „Zerreißprobe. Kunst zwischen Politik und Gesellschaft“ im Jahr 2023 die Geschichte der deutsch-deutschen Kunst lückenlos eben auch über Video-Zimelien erzählt werden konnte. Umso fataler für die frisch gebackene Hauptstadt, dass Herzogenrath, der Direktor des Museums der Gegenwart im Hamburger Bahnhof werden sollte, wegen eines museumsinternen Konflikts den Posten nicht antrat. Was aus dem Museum, das heuer sein dreißigjähriges Bestehen begeht, hätte werden können, lässt sich nur ansatzweise imaginieren.
Als Museumsdirektor in Bremen ersann er Erfolgsausstellungen
Als Direktor der Kunsthalle Bremen drückte er jedenfalls ab 1994 dem Museum mit zahlreichen profunden Ausstellungen und umsichtiger Museumsarbeit seinen Stempel auf und förderte die Wahrnehmung des Hauses als eine der bedeutendsten Kunstinstitutionen in Deutschland. Doch nicht nur legendäre Blockbuster-Ausstellungen wie „Van Gogh“, „Paula Modersohn-Becker“ oder „Monet“ lassen ältere Hanseaten heute noch versonnen in schönsten Erinnerungen schwelgen, auch wichtige bauliche Erweiterungen verdanken sich dem Berufsvisionär.
Nach seinem Ausscheiden aus dem Museumsdienst blieb er als nimmermüder Kurator, Autor, Hochschullehrer und Mitglied der Berliner Akademie der Künste aktiv, in der er von 2012 bis 2021 Vorsitzender der Sektion Bildende Kunst war und etwa die luzide Ausstellung „Nothingtoseeness“ kuratierte, welche das Weiß als politischste aller Farben von mittelalterlich-spirituellen Lichtüberblendungen über die Lieblingsfarbe des Bauhaus bis hin zu Nachkriegs- und zeitgenössischen Reinwaschungen und Askesen unter die Video-Lupe nahm.
Kristallin klar wie Bauhausarchitektur aber wurde sein Vermächtnis in der letzten großen von ihm konzipierten Schau „Museum der Museen. Eine Zeitreise durch die Kunst des Ausstellens und Sehens“ zur Geschichte des Präsentierens von Objekten, die das Kölner Wallraf-Richartz-Museum im 200. Todesjahr des Namengebers Wallraf Oktober 2024 bis Februar 2025 zeigte. Hier entwarf Herzogenrath aus der Genese der Kunst- und Wunderkammer als Frühform der Museen geradezu eine Zukunftsvision, in der die Expertenkuratoren arbeitslos würden, weil die Besucher die Macht im Museum übernommen hätten. Stets war sein Wirken geprägt von intellektueller Neugier, im Fach Kunstgeschichte wurde er jedoch lange ungerechterweise nicht als intellektueller Kopf wahrgenommen, wohl, weil er sich zu stark für das Einebnen der behaupteten Höhenunterschiede zwischen „High and Low“ einsetzte. Denn immer wollte er das Museum als „dritten Ort“ etablieren, darin soziale Freiräume öffnen und Modelle der Besucherbeteiligung stärken. Der Austausch zwischen den Generationen sowie die Förderung junger Künstler waren ihm Herzensanliegen.
Die von ihm 2024 gegründete „Wulf Herzogenrath Kulturstiftung“ muss die anhaltende Begeisterung für alle Künste nun in seinem Sinne allein weiterführen, denn am Donnerstag ist Wulf Herzogenrath als Meister der immer fundierten Visionen und Verblüffungseffekte mit 82 Jahren der Welt abhanden gekommen.
