Im vergangenen Dezember drängelten sich die Menschen hinter eine Rothaarige an Australiens ikonischem Strand Bondi Beach. Sie kniete nieder und legte ihre Blumen neben Hunderte Sträuße auf den Boden. Die Blumen hatten Australier im Gedenken an die Opfer des antisemitischen Terroranschlags niedergelegt.
Weniger als 48 Stunden zuvor hatten hier ein aus Indien eingewanderter mutmaßlicher Islamist und sein Sohn 15 Menschen ermordet. Die Frau wollte aber nicht nur Anteil nehmen. Ihr diente der Gedenkort in dem Vorort von Sydney als Bühne. „Aus bestimmten Ländern sollte man ihnen die Einwanderung hierher nicht gestatten“, sagte sie einem Journalisten des Senders Seven News.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Einige der Umstehenden nickten, andere hielten ihre Handys hoch, um sie zu filmen. „Wir lieben dich, Pauline“, sagte einer. Manche applaudierten, andere schüttelten ihre Hände. Für sie ist Pauline Hanson, die 72 Jahre alte Chefin der rechtspopulistischen Partei One Nation, seit 30 Jahren für ihre Antieinwanderungspolitik ein Begriff.
Sie gilt vielen als Verkörperung eines fremdenfeindlichen und sogar rassistischen Australien. Für andere ist sie eine, die keine Angst hat, ihre Meinung zu sagen. „Viele Leute sagen zu mir: Sie hat immerhin den Mut, das auszusprechen, was wir alle denken“, hatte sie im Interview gesagt. Darauf war im Off ein zustimmendes Murmeln zu hören.
Beim Besuch am Bondi Beach im Dezember ließ sich schon erahnen, dass Hanson in Australien derzeit einen Nerv trifft. Den jüngsten Umfragen zufolge könnte sie sogar Ministerpräsidentin werden. Erstmals würden die Befragten One Nation mehr Stimmen geben als jeder anderen Partei.
Krude Aussagen über AIDS und Kannibalen
Die Welle des Rechtspopulismus, die andere westliche Demokratien schon früher erfasst hatte, erreicht nun auch Australien. Wie bei den europäischen Populisten gehören neben der Fremdenfeindlichkeit auch die Ablehnung traditioneller Eliten und liberaler „Wokeness“ zum politischen Repertoire von One Nation.
Die Liste kontroverser Äußerungen, die Hanson über die Jahre fallen gelassen hat, ist lang. Vor 20 Jahren hatte sie über südafrikanische Migranten gesagt, sie würden AIDS nach Australien bringen. Der Vizechefin der australischen Grünen, Mehreen Faruqi, hatte sie im Jahr 2022 an den Kopf geworfen, ihre Vorfahren seien Kannibalen gewesen. Hanson musste den rassistischen Tweet nach einem Gerichtsurteil löschen.
Zwei Jahre später hatte sie derselben Politikerin nahegelegt, ihre Taschen zu packen und sich „zurück nach Pakistan zu verpissen“. Und als es jüngst um die Rückkehr australischer Frauen mit Kontakten zur ISIS-Miliz ging, stellte sie in Abrede, dass es „gute“ Muslime gebe.

Nun steht ihre Partei in der Wählergunst mit 31 Prozent sogar klar vor den regierenden Sozialdemokraten mit 28 Prozent und der konservativen Koalition mit 21 Prozent. Direkt nach Veröffentlichung der jüngsten Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Redbridge and Accent Research versicherte Hanson, sie habe das Zeug zur Regierungschefin. „Würde ich diese Aufgabe bewältigen können? Ich glaube schon“, sagte sie im Radio.
Erwartet hätte einen solchen Aufstieg der Tochter von Betreibern eines Imbisses im ostaustralischen Queensland wohl niemand. Zunächst hatte sie selbst mit ihrem damaligen Ehemann einen eigenen Fish-and-Chips-Shop eröffnet. In den Neunzigerjahren ließ sie sich erst in den Stadtrat und danach als Abgeordnete ins Repräsentantenhaus in Canberra wählen.
Hanson ist anders als andere Politiker: Zweifach geschiedene Mutter von vier Kindern. Aus einfachen Verhältnissen. Ungefiltert, ungeschliffen und unprätentiös. Zu ihrer Antrittsrede trug sie Föhnfrisur, große goldene Ohrringe und ein Kostüm mit Goldknöpfen. Von der Galerie wetterte sie gegen politische Korrektheit, Multikulti sowie „Bonzen, Bürokraten und Weltverbesserer“.
Dem Staat warf sie vor, das Geld der Leute auf unfaire Weise an die indigene Bevölkerung umzuverteilen. Sie kritisierte hohe Lebenshaltungskosten, Jugendarbeitslosigkeit und industrielle Abwanderung. „Ich glaube, wir laufen Gefahr, von Asiaten überrannt zu werden“, sagte sie.
Medien und Politik behandelten sie lange als Witzfigur
Im damals relativ liberalen Australien klangen ihre Worte schrill. Als sie einige Monate später ihre Partei One Nation gründete, begleiteten Demonstrationen die Veranstaltung. Ihr Rotschopf, das auffällige Make-up und die von manchen als weinerlich empfundene Stimme machten sie zum Ziel von Parodien.
Die bekannte Dragqueen „Pauline Pantsdown“ verwurstete Tonschnipsel aus Hansons Reden zu Radiohits. Die Politikerin offenbarte Bildungslücken, als ein Interviewer sie auf ihre „Xenophobie“ ansprach. „Bitte erklären Sie“, lautete ihre Antwort. Medien und Politik behandelten sie damals als Witzfigur.
Auf Dauer hat es ihr mehr genützt als geschadet, dass sie nicht so glatt auftritt wie andere Politiker. One Nation legte schon damals in den Umfragen zu, landesweit gründeten sich Ableger der Partei. Bei der Regionalwahl in ihrer Heimat Queensland bekam sie mehr Stimmen als die Konservativen.
Doch die erste Welle der Unterstützung hielt nicht lange an. Bei der Wahl 1998 gewann One Nation keinen einzigen Sitz. Einige Jahre später verbrachte Hanson dann sogar elf Wochen im Gefängnis. Das Gericht hatte sie wegen Wahlfälschung verurteilt. Die höhere Instanz hob das Urteil wegen Mangels an Beweisen wieder auf.

Im Fernsehen berichtete Hanson weinend, sie sei in ihrer ersten Nacht in der Zelle von Suizidgedanken geplagt gewesen. „Es fühlte sich einfach an, als würde meine Welt untergehen“, sagte sie. Tränen flossen auch, als eine Interviewerin sie 2019 auf einen Enthüllungsbeitrag ansprach, in dem zwei ihrer Parteifreunde auf Journalisten reingefallen waren, die sich als Vertreter der Waffenlobby ausgegeben hatten.
Anna Broinowski, die eine Dokumentation über Hanson gedreht hat, attestiert ihr Verletzlichkeit und Empathie. „Sie hat diese Art, sich ganz auf dich zu konzentrieren und dir mit ihrem ganzen Wesen zuzuhören“, sagte die Journalistin in einem Interview.
Nach der Jahrtausendwende schien Hansons politische Karriere zunächst am Ende. In knappen Glitzerkleidern und Riemchenschuhen tanzte sie 2004 in der TV-Show „Dancing with the Stars“ Rumba und Cha-Cha-Cha. Obwohl die Jury Hansons Stil als „verbesserungswürdig“ bezeichnete, landete sie auf dem zweiten Platz. „Du sahst aus, als wärst du froh, dass es vorbei war“, hatte ein Jurymitglied gesagt. „Ich glaube, wir waren auch irgendwie froh.“ Außer Atem von ihrer Tanznummer erklärte Hanson damals dem Publikum, dass sie bei der nächsten Wahl besser abschneiden werde als bei der Show.
Die Fotos von Hanson in Burka gingen um die Welt
Das politische Comeback folgte Jahre später, als sie 2016 einen Sitz im Senat gewann. Einwanderung war weiter ihr Thema, jedoch richtete sie sich nun weniger gegen Asiaten. „Ich glaube, wir laufen Gefahr, von Muslimen überrannt zu werden“, sagte sie in Abwandlung ihrer Warnungen 20 Jahre vorher. Ein Jahr danach betrat sie den Senat in eine schwarze Burka gehüllt. Sie wollte damit Aufmerksamkeit für das von ihr geforderte Verbot des Gewands erregen. Es funktionierte, die Fotos von ihr gingen um die Welt.
Der damalige Justizminister George Brandis hatte den „Stunt“ gleich an Ort und Stelle verurteilt. „Diese Gemeinschaft zu verspotten, sie in die Enge zu treiben, sich über ihre religiöse Kleidung lustig zu machen, ist abscheulich“, sagte Brandis, während Hanson mittlerweile unverschleiert und reglos auf ihrem Platz saß. Im vergangenen Jahr hatte Hanson die Aktion wiederholt, nachdem das Parlament das Burkaverbot wieder abgelehnt hatte. Der Senat suspendierte sie für sieben Sitzungstage, weil sie sich „respektlos gegenüber muslimischen Australiern“ verhalten habe.
„Australien hat sich verändert“
Erschüttert war in Australien über diese Auftritte kaum jemand mehr. Der Journalist David Marr hatte schon vor Jahren geschrieben, dass Hanson sich selbst über die Jahre treu geblieben sei. „Aber Australien hat sich verändert: Wir haben uns darauf eingestellt, sie zu akzeptieren“, schrieb Marr. Hanson macht den Rechtspopulismus in Australien mehrheitsfähig.
Fachleute halten in diesem Zusammenhang auch den Einfluss Donald Trumps für einen wichtigen Faktor. Sie sehe in dem amerikanischen Präsidenten viel von sich selbst, hatte Hanson gesagt, die auch zur Amtseinführung Trumps in Washington eingeladen war.
Hanson agiert mittlerweile vorsichtiger, da Trump trotz der Unterstützung für One Nation in Australien äußerst unbeliebt ist. Sie steht in der Kritik, seit ihr Verhältnis zu der konservativen Bergbaumagnatin, Trump-Unterstützerin und reichsten Australierin, Gina Rinehart, Aufmerksamkeit bekommt.
Hanson frühstückte mit der Multimilliardärin in Thailand. Sie flog auch in Rineharts Flugzeug in Trumps Ferienresort Mar-a-Lago, um dort ihren „Freund“ Nigel Farage und andere Vertreter rechtspopulistischer Bewegungen aus aller Welt zu treffen. Vor ein paar Wochen enthüllte sie in den sozialen Medien schließlich, dass Rinehart ihr ein Privatflugzeug geschenkt habe. In ihrem Post zeigte sie sich begeistert von dem „sexy“ Fluggerät.

Doch die meisten Australier können nichts mit Protzereien und Elitismus anfangen. Der Eindruck, sie werde von Rinehart kontrolliert, könnte sie Stimmen kosten. Die typischen One-Nation-Wähler sind seit Langem männlich, weiß, älter als 55 Jahre, ohne Studium.
Sie leben in der Provinz, aber nicht unbedingt auf dem Land, und in den äußeren Vororten. So beschreibt es der Politikwissenschaftler Paul Williams von der Griffith University der F.A.S., der die Partei seit ihren Anfängen beobachtet. Die neuen Anhänger von One Nation seien jünger und weiblicher. Sie wohnen in den Vorstädten und Städten, wenn auch nicht im Zentrum, und sind teilweise selbst Einwanderer in erster oder zweiter Generation.
Der Fachmann Williams sieht in erster Linie „wirtschaftliche und kulturelle Unzufriedenheit“ als Grund für den Erfolg von One Nation. Einwanderer werden für die Wohnungskrise, hohe Preise, Staus und überfüllte Busse und Bahnen verantwortlich gemacht. Dabei kontrolliert kaum ein Land so genau, wen es aufnimmt, wie Australien.
Die über Arbeitsprogramme und temporäre Visa gelenkte Migration hat aber auch Australien verändert. Fast die Hälfte der Einwohner ist nicht dort geboren oder hat zumindest einen Elternteil, der aus dem Ausland eingewandert ist. Viele Australier sehnen sich nach einer Zeit, als die Bevölkerung europäisch dominiert war, fast alle einen guten Job hatten und sich ein Eigenheim leisten konnten.
Es gab nie eine Brandmauer wie hierzulande gegen die AfD
Die Diskussion über die Einwanderung nütze vor allem den Rechtspopulisten, sagt der aus Deutschland stammende Politikwissenschaftler Mario Peucker, der an der Victoria University in Melbourne zu Rechtsradikalismus in Australien forscht. „Sie können Sachen sagen, die die anderen nicht sagen können“, so Peucker.
Darüber hinaus habe es in Australien nie eine Brandmauer wie in Deutschland gegenüber der AfD gegeben. Vertreter von One Nation säßen dort wie selbstverständlich neben anderen Politikern auf den Podien. Die Partei gilt auch nicht als staats- oder demokratiefeindlich. Obwohl sie mitunter auch Personen mit radikalen Positionen anzieht. Und ihr Aufstieg, laut Peucker, indirekt Rechtsextremisten stärken könnte.
Die Fachleute glauben nicht, dass One Nation schnell verschwinden wird – außer wenn Hanson als die dominante Persönlichkeit in der Partei ausfalle. Sie profitiert auch davon, dass die bürgerlichen Parteien in einer Sinn- und Führungskrise stecken. Führende Politiker der konservativen National Party, darunter der ehemalige Parteivorsitzende Barnaby Joyce, sind zu One Nation gewechselt. Mit dem australischen Äquivalent eines Cowboyhuts auf dem Kopf stand Joyce auch neben ihr, als Hanson im Dezember am Bondi Beach ihren Blumenstrauß niederlegte.
Im Internet verkauft One Nation für elf Dollar schon seit ein paar Monaten einen Animationsfilm, in dem Hanson bereits als Ministerpräsidentin auftritt. In dem 86 Minuten langen Cartoon erscheint Australien als eine linke Schreckensherrschaft von LGBTQ-Aktivisten. Doch dann greift die Zeichentrick-Regierungschefin Hanson ein und befreit das Land aus dem Griff der „Progressiven“.
Trotz dieser von ihrer Partei verbreiteten Szenarien relativiert Hanson die Aussicht, dass sie schon in naher Zukunft Teil einer australischen Regierung sein könnte, lieber selbst. „Die eigentliche Umfrage findet am Wahltag statt“, sagt sie. Vor drei Jahrzehnten, als sie in die Politik eintrat, hätte niemand damit gerechnet, dass eine solche Situation überhaupt eintreten könnte.
