Eine seit bald zweieinhalb Jahrhunderten unter der Trikolore in ihrem Selbstverständnis verschweißte Nation tut sich schwer mit zusätzlichen Farben. Die Farbenblindheit der Republik hinsichtlich des Citoyens hat wenig übrig für die Spezifik von Individuen und Gruppen. Das „Schwarze Frankreich“, das der Autor dieses Buchs kommen sieht, ist deshalb vor allem demographisch zu verstehen: immer mehr Schwarze im Land, deren Anonymität von ein paar berühmten Fußballern, Schauspielern und Musikern allerdings nicht wettgemacht wird. Als weiße Nation von der Monarchie bis zur Revolution habe Frankreich sich stets gern ins Zentrum eines „bunten Weltreichs“ gesetzt, stellt er selbst fest. Eher als die Geschichte einer Mutation bietet sein Buch einen Abriss von dreihundert Jahren französischer Beziehung zur Kolonie Westafrika.
Der Hauptakzent ist auf die wirtschaftlich-gesellschaftliche Entwicklung dieser Beziehung gesetzt mit Daten, Statistiken, Tabellen, Namen. Diese Fokussierung aufs Faktische bewahrt Armin Osmanovic vor einer ideologisch überladenen Aburteilung des Kolonialismus. Bis zum Ende des Zweiten Kaiserreichs 1870, schreibt er, habe Frankreich in Westafrika, anders als beispielsweise in Algerien, keinen Siedlerkolonialismus betrieben. Im Vordergrund stand der Handel mit lokalen Herrschern, und zu diesem Handel gehörte auch der seit Langem praktizierte Sklavenhandel, nunmehr allerdings mit Massendeportation auf die karibischen Plantagen.
Die Republik als Erzieherin der Völker
Die schwarzen Eliten waren aber als oft konvertierte Katholiken seit dem „Code noir“ von 1685 zunächst den Weißen prinzipiell gleichgestellt. Nach der Revolution wurde der Sklavenhandel 1794 aufgehoben, von Napoleon 1802 wieder eingeführt, unter der Zweiten Republik offiziell abgeschafft. Über die Legitimität des Kolonialismus herrschte aber auch unter aufgeklärten Geistern noch lange Übereinstimmung. Das im dunklen Mythos dämmernde Afrika habe keine Geschichte, Frankreich und England hätten sich seiner angenommen, erklärte Victor Hugo noch 1879: „Im 19. Jahrhundert hat der Weiße den Schwarzen zu einem Menschen gemacht.“

Im Übergang vom Sklaven- zum Warenhandel wetteiferten England und Frankreich um neue Gebiete, um ihr Handelsmodell mit Afrika wirtschaftlich praktikabel zu erhalten. Die Eroberungen im Landesinneren wurden nun dadurch legitimiert, dass man die lokalen Herrscher als Despoten anprangerte. Parallel mit dem Wechsel von einem Klima-Rassismus der Faulheit zum biologischen Rassismus der intellektuellen Unterlegenheit spielte Frankreich sich mehr als die anderen Kolonialmächte als Erzieherin der Völker und Trägerin des Humanismus auf. Dass Osmanovic diese Spezifik Frankreichs nicht in den philosophisch-politischen Zusammenhang der Dritten Republik gestellt hat, macht einen der Mängel seiner faktengesättigten Studie aus.
Mit dem aus dem heutigen Senegal stammenden Blaise Diagne kam 1914 der erste schwarze Abgeordnete nach Paris ins Parlament. Damit begann eine anhaltende Kontroverse über die Gestaltung der Beziehungen. Seite an Seite oder gegeneinander? Diagne wurde während des Ersten Weltkriegs zum Vermittler für die Aushebung der Soldaten aus den Kolonien, hatte aber alle Mühe, die „Tirailleurs sénégalais“ und übrigen „indigenen Truppen“ statt als Sondereinheiten als reguläre Kräfte ins Heer eingliedern zu lassen. Dieselben Probleme von Separatismus, Rassismus und nicht ausgezahlten Kriegsrenten wiederholten sich auch im Zweiten Weltkrieg.
Der Realismus de Gaulles
In Brazzaville formulierte de Gaulle 1944 aber seine Vorstellungen über die künftige Gestaltung der westafrikanischen Kolonien, teilweise als Antwort auf den britischen Commonwealth. Dass die Unabhängigkeit dann schneller und weniger blutig kam als in Algerien, lag nicht zuletzt am Realismus des Generals. Denn die Kritik am Kolonialismus ging nicht nur von afrikanischen Studenten und Gewerkschaften aus, sie zog sich mit unterschiedlicher Argumentation auch durch rechtsnationale Milieus, wurde geteilt von kostenbewussten Konservativen und links engagierten Intellektuellen. Sartre hatte für Frantz Fanons Buch „Die Verdammten dieser Erde“ 1961 das Vorwort geschrieben. Trotz des großen Zulaufs zur Kolonialausstellung 1931 in Paris habe es in Frankreich nie so etwas wie eine wirkliche Kolonialbegeisterung gegeben, schreibt Osmanovic etwas forsch, „die Kolonialherrschaft war ein Elitenprojekt geblieben“.
Auch nach der Ablösung Westafrikas von Frankreich blieb die Bindung ans einstige Mutterland dennoch bestehen, in Form etwa der französischen Sprache oder der Einheitswährung des Franc CFA. Namhafte Akteure der Unabhängigkeit wirkten aktiv darauf hin, wie der erste Präsident der Elfenbeinküste, Félix Houphouët-Boigny, oder der erste Präsident Senegals, Léopold Sédar Senghor, der mit dem Martinikaner Aimé Césaire zusammen das Konzept der „Négritude“ ausgearbeitet hatte.
Zu den interessantesten Kapiteln von Osmanovics Buch gehört jenes über das Ringen um das Modell des neuen Westafrika, zwischen Kleinstaaterei, wie Frankreich es wollte, größeren territorialen Einheiten, wie sie Senghor vorschwebten, oder einem radikal unabhängigen Panafrikanismus. Das kolonial gestrickte Netz der Einflussnahme, die „Françafrique“, blieb derweil hinter der Fassade der Unabhängigkeit noch lange bestehen. Umso schmerzlicher ist für Frankreich heute die abrupte Abwendung der Militärregierungen in Mali, Burkina Faso und Niger, aber auch Senegals, sowie die postkolonial beflügelte, latent antifranzösische Stimmung der Völker auf dem Kontinent.
Eine nachvollziehbare Entwicklung vom Kolonialismus zu einem „schwarzen Frankreich“ vermag Armin Osmanovic nicht aufzuweisen. Sein aus einem enormen Materialfundus zusammengetragener Abriss von dreihundert Jahren Kolonial- und Postkolonialgeschichte bietet aufschlussreiche Einblicke, lässt hinter den Fakten und Namen aber keine Kraftlinien, keine großen Zusammenhänge und verborgenen Spannungsmomente aufscheinen. Ein Sach- und Namenindex wäre dieser Materialaufarbeitung angemessen gewesen.
Armin Osmanovic: „Vom Kolonialismus zum ‚Schwarzen Frankreich‘“. Eine Geschichte Frankreichs und seiner ehemaligen Kolonie Französisch-Westafrika. Wallstein Verlag, Göttingen, 2026. 246 S., geb., 28,– €.
