„Lass uns hierhin setzen. Hier ist die Akustik gut“, sagt eine Frau zu ihrer Freundin und deutet auf die schattige Wiese vor den Mauern der Mainzer Zitadelle. Rundherum machen es zahlreiche andere Besucher ähnlich, einige haben sich sogar zwischen den Weinreben niedergelassen. Sie lauschen den No Angels – ohne Ticket. Dabei gab es davon noch reichlich an der Abendklasse.
Im Innenhof der historischen Festungsanlage steht eine große Bühne, davor warten Fans auf die Band, die für viele untrennbar mit den Nullerjahren verbunden ist. Im Rahmen der Konzertreihe „Summer in the City“ macht das Quartett mit seiner Jubiläumstour „Still In Love With You“ Station in Mainz. Die Veranstalter haben kostenlose Wasserstationen aufgebaut, auch Pfandbecher gibt es. Vor dem Konzert herrscht Festivalfeeling.
No Angels feiern 26 Jahre Bandgeschichte
Als Sandy Mölling, Lucy Diakovska, Nadja Benaissa und Jessica Wahls schließlich die Bühne erobern, ist die Stimmung nicht nur der Temperatur wegen aufgeheizt. In langen lilafarbenen Metallic-Hosen und silbernen, teils bauchfreien Oberteilen eröffnen sie den Abend mit „Rivers of Joy“. Verstärkt werden sie durch eine vierköpfige Liveband. „Ist jemand zum Tanzen da?“, rufen sie ins Publikum. Die Antwort fällt eindeutig aus.
Dass die Temperaturen auch auf der Bühne ihren Tribut fordern, wird schnell klar. Das Outfit sei „null atmungsaktiv“, gesteht Mölling lachend. Überhaupt wirkt der Abend angenehm ungezwungen. Immer wieder erinnern die Sängerinnen ihre Fans und sich selbst daran, ausreichend zu trinken. „Leute, es ist heiß, aber auch schön. Endlich ist Sommer.“

Musikalisch setzen die No Angels auf eine Mischung aus Nostalgie und Gegenwart. Neben bekannten Hits stehen auch weniger oft gespielte Titel wie „Down Boy“, „Three Words“ oder „Send Me Flowers“ auf der Setlist. Insgesamt präsentiert die Band rund 20 Songs und nimmt das Publikum mit auf eine Reise durch ihre inzwischen 26 Jahre Bandgeschichte.
Diese Story ist keine einfache. Die No Angels wurden 2000 durch die erste Staffel der Castingshow „Popstars“ berühmt und entwickelten sich zur erfolgreichsten deutschen Girlgroup. Mit Songs wie „There Must Be an Angel“ oder „Something About Us“ prägten sie den Sound und den Stil einer ganzen Generation. Doch es gab auch Trennungen, Pausen und schwierige Phasen.
„Es ist viel passiert, auch nicht so Schönes“, sagt die Band. „Wir haben uns darauf geeinigt: Wir sagen einfach Goodbye to Yesterday.“ Dazu stimmen sie das gleichnamige Lied an. Die No Angels feiern nicht nur ihre Erfolge, sondern auch ihre Widerstandsfähigkeit. Als Lucy sich bei den Fans bedankt, „dass ihr geduldig mit uns wart und immer noch so textsicher seid“, schwingt ein Hauch von Sentimentalität mit.
„So viel Spaß wir immer haben, wenn wir für euch performen, so haben wir auch Zeiten, in denen es uns schlecht geht“, sagt Mölling vor dem Song „New Day“. „Manchmal sitzt das so tief, dass man nicht versteht, was los ist. Aber es ist wichtig, sich wieder herauszuziehen und zu erkennen: Es ist ein neuer Tag, eine neue Chance.“
Die Stärke des Abends liegt in der besonderen Verbindung zwischen Band und Publikum. Viele der Zuschauer sind mit den No Angels erwachsen geworden. Für das Finale heben sich die vier ihren größten Hit auf: „Daylight in Your Eyes“. Als die ersten Töne erklingen, wird aus dem Konzert endgültig eine Zeitreise zurück ins Jahr 2001. Hunderte Stimmen singen mit. Und dann noch ein gemeinsames Abschiedsfoto mit der untergehenden Sonne.
