Was ist das Spiel des Tages?
Schweiz gegen Bosnien. Die Schweiz enttäuschte im Auftaktspiel gegen Katar (1:1) und die Stimmung ist schlecht. Sehr schlecht. Der Schweizer Blick berichtete investigativ aus der Kabine der Nati: Granit Xhaka, 33, Kapitän, mache einigen Mitspielern offenbar Angst. Von »zu viel Negativität« war die Rede, von zu harter Kritik, sogar davon, dass es in eine »toxische Richtung« gehe. Spieler seien verunsichert und fühlten sich nicht wohl. Das klingt für mich als Millennial-Genosse Xhakas ehrlich gesagt etwas schneeflockig. Was haben die Gen Z-ler in der Schweizer Nationalmannschaft denn erwartet? Wärmende Kabinenansprachen? Gebetskreise (dazu gleich mehr)? Der Mann heißt doch nicht umsonst »Granit« mit Vornamen!?
Wer wird heute wichtig?
Die
Fußballmathematik. Zu Beginn des zweiten Spieltages darf man erneut
daran erinnern, dass dieses Turnier das größte aller Zeiten ist. Deshalb
reicht in acht von zwölf Fällen schon der dritte Platz einer Gruppe, um sich fürs Sechzehntelfinale zu qualifizieren. Die Frage ist also: Wie schlecht kann man sein, ohne rauszufliegen? Nehmen wir Tschechien und Südafrika zum Beispiel. Die treffen heute um 18 Uhr aufeinander. Beide haben ihr erstes Spiel verloren. Trotzdem ist noch alles drin, oder jedenfalls wenigstens das Sechzehntelfinale. Auf Reddit hat ein Fußballnerd ausgerechnet, dass schon vier Punkte reichen, um sich fast sicher zu qualifizieren. Mit drei
Punkten kommt man wahrscheinlich weiter, mit zwei Punkten besteht noch
eine minimale Chance. Das heißt: Ein Sieg im zweiten Spiel und man kann
sich fast schon zurücklehnen. (Mathematisch) spannender aber wäre es, auch das zweite Spiel zu verlieren und auf den begehrten Titel des »miesesten aktiven Turnierteilnehmers« zu spekulieren.
Kennen Sie den schon?
Sead
Kolašinac. Spitzname: Panzer. Der bosnische Außenverteidiger hat sich
diesen Spitznamen wirklich verdient. Zum einen durch seine fast schon
altmodische Härte auf dem Platz. Zum anderen durch seinen Lebenslauf: In Karlsruhe als Sohn bosnischer Geflüchteter
aufgewachsen, wechselte er in seiner Jugend zu Schalke und arbeitete
nachts nebenbei als Türsteher. Sein Jugendtrainer sagte über ihn: »Seo ist stark wie ein Ochse.«
Danach zog es ihn zum FC Arsenal, unter Arsène Wenger, der erzählte,
dass Kolašinac der wahrscheinlich kräftigste Spieler sei, den er je
trainiert habe. In London wehrte er einmal bewaffnete Räuber ab, die es auf die Luxusuhr seines Teamkollegen Mesut Özil abgesehen hatten. Mit seinen bloßen Händen! Bei Arsenal gab es die Kombo mal gemeinsam, aber wir sind gespannt, was passiert, wenn Panzer heute Abend auf Schweizer Granit trifft.
Was machen die Deutschen?
Weiterbeten. Jonathan Tah sagte bei Magenta TV, dass er auch bei den kommenden Spielen mit seinem Kollegen Felix Nmecha beten wolle, »weil es am Ende ein schönes Zeichen ist«. Nmecha und Tah hatten nach dem Spiel gegen Curaçao mit fünf ihrer Gegenspieler einen Gebetskreis gebildet. Das geriet in die Kritik. Vor allem deswegen, weil Nmecha der evangelikalen Initiative Ballers in God angehört. Außerdem hatte er schon mal in den sozialen Medien Beiträge rechter, christlicher Accounts geteilt. Tah und Nmecha, gläubige Christen, bekamen unterdessen Unterstützung von Verteidiger Antonio Rüdiger, der Muslim ist. Rüdiger sagte: »Ich sehe nichts Falsches daran.«
Deutschland bewegte sich lange in die Richtung, eines der unreligiösesten Länder der Welt zu werden. Aber wie wusste schon der Philosoph Jürgen Habermas: Die klassische liberale Annahme, dass die Religion durch Modernisierung verschwindet, ist mittlerweile widerlegt.
