Die neu gegründete Frankfurter Sportagentur will sich nicht mit der Ankündigung der Stadt abfinden, dass der Frankfurt Marathon erst für die Auflage im Jahr 2029 neu vergeben wird. „Mit unserer Bewerbung um die Ausrichtung ab 2027 haben wir den Impuls für eine solche transparente Vergabe gegeben – verbunden mit der Erwartung, dass auch die Jahre 2027 und 2028 auf dieser Grundlage entschieden werden“, sagt Agenturgründer Andreas Bechmann. Dass die aktuelle Mitteilung der Stadt keine Aussage zur Ausrichtung in diesen beiden Jahren treffe, sorge bei vielen Beteiligten für Unklarheit.
Am Dienstagabend hatte die Stadt mitgeteilt, dass der Frankfurt Marathon voraussichtlich für das Jahr 2029 erstmals seit langer Zeit wieder auf Grundlage eines Ausschreibungsverfahrens vergeben werden könne. Die Stadt wolle den Lauf von jenem Jahr an „mit definierten Kriterien, insbesondere auch qualitativer Art, für jeweils fünf Veranstaltungsjahre“ ausschreiben. Der zeitliche Vorlauf mit einer Entscheidung über die Vergabe des für 2029 geplanten Rennens im Frühjahr 2028 sei nötig, um einen transparenten, fairen und rechtssicheren Prozess zu gewährleisten.
Die Stadt hat demnach mit einer Fachanwaltskanzlei die rechtlichen und organisatorischen Rahmenbedingungen geprüft und sei zu dem Schluss gekommen, dass eine schnellere Vergabe kaum möglich sei. Dazu trage auch die aktuelle politische Lage bei: Da nach Bildung der neuen Koalition im Römer Veränderungen an der Spitze zweier beteiligter Dezernate ausstünden, müssten diese Neubesetzungen abgewartet werden, um die gewünschten Akzente aus der Politik zu formulieren. Das verzögere den Prozess zwangsläufig.
Seit zwei Jahrzehnten ohne Vertrag
Der Marathon, an dem zuletzt allein auf der Hauptstrecke über 42,195 Kilometer mehr als 13.000 Läufer teilgenommen haben, wird seit einem Vierteljahrhundert von der Agentur Motion Events organisiert, die den Lauf seit vielen Jahren mangels eines Mitbewerbers ohne eine vertragliche Grundlage mit der Stadt veranstaltet. Nachdem der Lauf im Ausschreibungsblatt 11/2002 EU-weit ausgeschrieben worden war, gab es lediglich in den ersten Jahren bis 2008 Dreijahresverträge zwischen Jo Schindler und der Stadt, die anschließend nicht mehr für nötig erachtet wurden.

Nachdem die neu gegründete Frankfurter Sportagentur um den noch aktiven Zehnkämpfer Andreas Bechmann im April mit einem Schreiben an die Stadt ihr Interesse an einer Ausrichtung des jährlichen Laufs bekundet hatte, sah sich die Stadt gezwungen, ein Vergabeverfahren auszuarbeiten. Mittlerweile hat nach Informationen der F.A.Z. auch der französische Großveranstalter Amaury Sport Organisation (ASO) bekundet, sich um die Veranstalterrechte bemühen zu wollen. Die ASO ist durch die Tour de France bekannt und in Frankfurt für das Radrennen am 1. Mai verantwortlich. „Seit der Interessenbekundung durch die Frankfurter Sportagentur ist ein Markt entstanden, den es zuvor nicht gab“, teilte das Büro des Oberbürgermeisters auf Anfrage mit. „Zuvor gab es für die Stadt Frankfurt keinen Beweggrund, über den Veranstalter zu entscheiden.“
Stattdessen meldete Motion Events bisher beim Ordnungsamt einen Marathon für den jeweils letzten Sonntag im Oktober an und kümmerte sich auf der Grundlage der folgenden Genehmigung in Absprache mit weiteren Ämtern um die Organisation und die Finanzierung. Die Stadt unterstützt den Lauf vor allem durch einen Zuschuss, der im vergangenen Jahr 410.000 Euro betrug; die Summe wurde um 25.000 Euro für zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen erhöht.
Die Frankfurter Sportagentur, unter anderem unterstützt von der Frankfurter Eintracht, dem Laufsportverein Spiridon und dem Sportkreis Frankfurt, dessen stellvertretender Vorsitzender Bechmann ist, begründete ihr Interesse im April auch damit, dass sie nach dem Verkauf der Agentur Motion Events an die London Marathon Investments, die in den Niederlanden registrierte Organisation hinter dem London Marathon, um den Nutzen des Laufs für Frankfurt als Sportstadt fürchte. London Marathon nutzt seine Gewinne vornehmlich, um den Laufsport in Großbritannien und die Talente des starken Leichtathletikteams zu fördern. Agenturgründer Jo Schindler betonte hingegen, dass die Marke Frankfurt Marathon vom Verkauf seiner Agentur an einen der weltweit größten Marathonveranstalter erheblich profitieren werde.
Schindler fürchtet um Kultur im Sport
Schindler, bis zum Verkauf Geschäftsführer von Motion Events und zumindest in diesem Jahr noch Renndirektor, zeigt Verständnis für das Vorgehen der Stadt. „Eine europaweite Ausschreibung braucht diesen Vorlauf“, sagt Schindler. „Bis dahin werden wir den Lauf organisieren. Wir verstehen es so, dass 2027 und 2028 alles bleibt, wie es ist. Vorher kann es nicht vergeben werden, und die Stadt wird den Marathon nicht ausfallen lassen, das wäre das Schlimmste für alle Beteiligten.“ Motion Events hat beide Läufe bereits angemeldet.
Platzhirsch Schindler verweist derweil auf negative Folgen für den Sport durch die neue Konkurrenzsituation. „Es kommt jetzt auf, dass einem Marathonveranstalter der Marathon nicht gehört und dass theoretisch auch in andere Sportveranstaltungen wie das Radrennen am 1. Mai oder den Ironman Bewegung reinkommen kann. Da ist eine Tür aufgegangen, die vorher keiner gesehen hat“, sagt Schindler. In München sorgte eine ähnliche Situation bereits im vergangenen Jahr für eine Vergabe, die allerdings allein auf Grundlage von Verkehrskonzepten entschieden wurde.
Bislang hat es laut Schindler ein „Gentleman Agreement“ gegeben, dass jeder Veranstalter dem anderen sein Sportereignis kollegial überlasse, nur so seien Schindler auch Investments beispielsweise in das Personal seiner Agentur möglich gewesen. Motion Events habe unterdessen beispielsweise abgelehnt, sich um den Halbmarathon zu bewerben, den der Laufsportverein Spiridon Frankfurt organisiere.

Um Motion Events sorgt sich Schindler nach eigenen Worten nicht. „Wir haben keine Angst, wir gehen selbstbewusst in die Ausschreibung, weil wir es seit 2002 sehr erfolgreich machen und auch gezeigt haben, dass wir Ausschreibungen gewinnen können beim Gutenberg-Halbmarathon in Mainz und bei der J.P. Morgan Chase Corporate Challenge. Wir haben den Vorteil, die Veranstaltung im Detail zu kennen.“
Carolin Friedrich, sportpolitische Sprecherin der CDU und somit der größten Fraktion in der Stadtverordnetenversammlung, bewertet das Vorgehen der Stadt positiv. „Wir finden 2029 gut und hoffen, dass Motion Events bis 2028 weiter erfolgreich organisiert“, sagt sie. Der Marathon sei unter der Ägide von Schindler eine „Erfolgsstory“. „Es ist aber auch gut, ein bestehendes Konzept nach einer gewissen Zeit auf den Prüfstand zu stellen.“
