
Die erste geldpolitische Pressemitteilung der amerikanischen Notenbank Federal Reserve unter ihrem neuen Chef Kevin Warsh fällt durch ihre außergewöhnliche Kürze auf. Für die Botschaft, dass man die Leitzinsen unverändert lässt zwischen 3,5 und 3,75 Prozent, brauchen die Notenbanker 114 Wörter. Sie ist damit weniger als halb so lang wie die letzten drei Mitteilungen unter Warshs Vorgänger Jerome Powell. Vertraute Vorbehalte und Absicherungsformeln sind aus dem Text verschwunden. Stattdessen verspricht die Notenbank knapp und kategorisch: „Der Ausschuss wird Preisstabilität liefern.“ Warsh unterstrich in der Pressekonferenz, die Fed habe das Inflationsziel fünf Jahre lang verfehlt. „Wir werden das reparieren.“
Warsh klang falkenhafter, als die Experten erwarteten. Die wirtschaftlichen Umstände haben ihn in eine schwierige Lage gebracht. Er wurde von Präsident Donald Trump installiert, um eine lockerere Geldpolitik durchzusetzen. Die Verhältnisse erlauben das nicht. Die Inflation liegt weiterhin über dem Zwei-Prozent-Ziel des Ausschusses. Dies ist laut Fed zum Teil auf Angebotsschocks zurückzuführen, die in bestimmten Bereichen, darunter Energie, die Preise steigen ließen.
Plötzlich reden alle von höheren Leitzinsen
Aus den von der Fed veröffentlichten Projektionen geht hervor, dass eine große Gruppe der Teilnehmer an der Zinssitzung – neun von 19 Notenbankern, von denen nicht alle stimmberechtigt sind – bis zum Jahresende mindestens eine Zinserhöhung für angebracht hält. Im März hatte noch niemand damit gerechnet. Weitere acht gingen davon aus, dass die Fed die Zinsen bis ins kommende Jahr unverändert lassen könnte. Nur ein Notenbanker rechnete noch mit einer Zinssenkung in diesem Jahr, nach zwölf im März.
Die Kehrtwende spiegelte wider, dass die Wirtschaft stärker lief als von der Fed erwartet. Die Inflation hat sich in diesem Jahr wieder beschleunigt – angetrieben vom Energieschock infolge des Iran-Kriegs und einem Nachfrageschub durch den Boom der Künstlichen Intelligenz. Der Arbeitsmarkt, dessen Abschwächung die Notenbanker befürchtet hatten, erwies sich dagegen als robust.
Warshs Fokus auf Preisstabilität milderte Sorgen, er könnte eine Marionette des Weißen Hauses sein. Er stellte die Qualität der Fed-Kollegen heraus, die Kollegialität und die Bereitschaft zum Wandel, den er sich auf die Fahne geschrieben hat.
Die Fed gibt das Instrument des „Forward Guidance“ auf und deutet die Möglichkeit an, dass Pressekonferenzen nicht zwingend jedes Mal nach Geldpolitik-Sitzungen stattfinden müssen.
Warsh kündigte aber nicht nur Änderungen bei der Kommunikation, sondern auch dabei, wie die Fed ihre geldpolitischen Entscheidungen vorbereitet. Fünf Arbeitsgruppen sollen zentrale Bereiche der Fed-Politik untersuchen: die Kommunikation, die Bilanz der Notenbank, Produktivität und Beschäftigung, den geldpolitischen Rahmen für die Inflation und die Datenerhebung. Hier erhofft sich Warsh vor allem Fortschritte durch die Ausnutzung von neuen Datenquellen, die der private Sektor jetzt schon nutzt. Er hält einen Teil der konventionellen Daten für nicht mehr zeitgemäß. Externe Fachleute sollen in den Arbeitsgruppen mitarbeiten. Sie sollen in den kommenden Wochen ihre Arbeit aufnehmen und sie bis zum Jahresende abschließen.
