
Kaum ein anderer Autor hat den Wankelmut der Liebenden, die Zufälligkeit und das Chaotische der Liebe so häufig dargestellt wie William Shakespeare. Am schönsten vielleicht in seiner Komödie „Ein Sommernachtstraum“, in dem der Saft einer Zauberblume ausreicht, um die köstlichste Liebesverwirrung der Weltliteratur auszulösen: Die Elfenkönigin Titania verliebt sich rasend in den in einen Esel verzauberten Handwerker Zettel. Wie schön er ist, vermag nur sie zu sehen, denn Liebe entführt den Verliebten in eine Welt mit eigenen Gesetzen.
In Milena Paulovics’ Inszenierung in der Bad Vilbeler Wasserburg dürfen Emily Klinge und Steffen Weixler diesen vom schalkhaften Kobold Puck (Lukas Benjamin Engel) im Auftrag seines Chefs, des eifersüchtigen Elfenkönigs Oberon (Paul Walther), befohlenen Jux in aller Ausführlichkeit auskosten. In blinder Wollust stürzt sich die liebesverzauberte Titania auf den strubbeligen Kerl mit Eselsohren, der sein Glück kaum fassen kann. Natürlich gehört zum Spiel, dass er sich, zurückverwandelt, an nichts mehr erinnern kann.
Das gilt am glücklichen Ende auch für die zwei Paare, die sich zwischenzeitlich mal in die eine, mal die andere Richtung verlieben. Zunächst ist es nur Helena (Madeline Martzelos), deren Leidenschaft von Demetrius (Jan-David Bürger) kalt verschmäht wird, doch nach Pucks tolpatschiger Liebessaft-Verwechslung muss auch Hermia (Tina Schorcht) erfahren, was es heißt, vom Geliebten abgewiesen zu werden. Denn verzaubert begehrt nun auch Lysander (Jonah Winkler) Helena.
Volkstheater ohne Reue
Die vier jungen Leute in schlicht moderner Kleidung könnten einem in jedem Club begegnen, sieht man einmal von den wundervoll schwingenden Blankversen ihrer poetischen Dialoge ab, die Frank Günther oft frei, aber mit viel Gespür für Sprachwitz und Rhythmus ins Deutsche übersetzt hat. Ab und zu kürzen die Schauspieler allerdings die Shakespeare’sche Weitschweifigkeit ab, sagen „blablabla“ oder „und so weiter“. Einmal hüpfen sie mitten im Dialog auf die Meta-Ebene und streiten, ob das alles wirklich so im Text steht. Das sind aber, außer einigen sinnvollen Kürzungen, die einzigen Eingriffe, die sich Paulovic in ihrer originaltextnahen Inszenierung erlaubt.
So alltäglich profan die jungen Bürger des fiktiven Athen daherkommen, so bunt, bizarr und phantasievoll wird die Elfenwelt gezeichnet (Ausstattung Pascale Arndtz). Mit Anleihen an Punk und Disco dürfen Titania, Oberon und Puck hochtoupierte, grell lackierte Frisuren tragen, viel Glitzer und Leuchtfarben zeigen ihre Herkunft aus einer anderen Welt. Dramaturgisch sind die Gesänge durchaus verzichtbar, aber schön und passend ist es doch, wenn Puck Patti Smiths „Because the night belongs to lovers“ schmettert.
Einzig auf der Ebene der Rahmenhandlung werden ein paar aktuelle politische Anspielungen untergebracht, wenn Herzog Theseus seiner Braut Hippolyta großspurig von den geplanten Umbauten im Palast vorschwärmt und dabei Donald Trump zitiert. Der Fokus von Paulovics’ Inszenierung liegt beim turbulenten Spiel um die Liebe und, als Kontrast zur Elfenwelt, in den hinreißend derb-komischen Auftritten der Handwerker. Hier darf in der Wasserburg herzhaft gelacht werden, hier wird Volkstheater ohne Reue geboten, für alle Stände und Ansprüche, fast wie vor vierhundert Jahren im Londoner „Globe Theatre“.
„Ein Sommernachtstraum“, Burgfestspiele Bad Vilbel, bis 29. August, nächste Aufführungen am 22. und 23. Juni, 20.15 Uhr
