
Die Implosion des Tauchbootes Titan vor der Küste Neufundlands, bei der im Juni 2023 fünf Menschen ums Leben kamen, hätte durch Kontrollen des Rumpfes verhindert werden können. Wie die kanadische Behörde für Transportsicherheit (TSB) am Mittwoch in einem Abschlussbericht zu dem Unglück zusammenfasste, war die Außenhülle des etwa sieben Meter langen Tauchbootes nach früheren Expeditionen verschlissen. Zudem habe sich der Betreiber, das amerikanische Unternehmen OceanGate, beim Bau der Titan nicht an technische Vorgaben gehalten.
Schon kurz nach der Implosion hatten Ingenieure Materialien wie Kohlefaser und Titan für den Rumpf anstelle von Stahl bemängelt. Der Bericht des Transportation Safety Board verwies jetzt auch auf Spannungen zwischen dem OceanGate-Betreiber Richard Stockton Rush und einigen Mitarbeitern. „Da das Risikomanagement durch soziale und psychologische Faktoren belastet wurde, wusste das Unternehmen nicht, wie lange der Rumpf sicher bleiben würde“, fasste der Bericht zusammen.
Fehlende Kontrollen durch die Behörden
Das Tauchboot, das Rush und vier zahlende Passagiere am 18. Juni 2023 zum Wrack der RMS Titanic bringen sollte, hatte etwa 45 Minuten nach dem Abtauchen den Kontakt zu dem Begleitschiff Polar Prince verloren. Unterstützt von französischen und britischen Einsatzkräften suchten die Küstenwachen der Vereinigten Staaten und Kanadas etwa 600 Kilometer vor der Küste Neufundlands tagelang nach der Titan. Am 22. Juni 2023, vier Tage nach dem letzten Lebenszeichen, stieß ein kanadischer Tauchroboter auf Wrackteile. Wie die Behörden später bestätigten, entdeckten sie in etwa 3800 Metern Tiefe auch menschliche Überreste. Neben Rush kamen der französische Tiefseeexperte Paul-Henri Nargeolet, der britische Abenteurer Hamish Harding sowie der pakistanische Geschäftsmann Shahzada Dawood und dessen 19 Jahre alter Sohn Sulaiman bei der Implosion der Titan ums Leben.
Das kanadische Transportation Safety Board verwies in seinem Abschlussbericht auch auf fehlende Kontrollen durch Behörden. Obwohl OceanGate die Titan von St. John’s aus betrieb, der Hauptstadt der kanadischen Provinz Neufundland und Labrador, hätten die Behörden des Landes versäumt, das Tauchboot abzunehmen oder Sicherheitsvorkehrungen zu prüfen. In Kanada sei es nicht üblich, Schiffe und Boote zu kontrollieren. Der Bericht monierte zudem die Abstimmung zwischen einzelnen Bundesbehörden. OceanGate habe Kontakt mit Fischereiamt, Grenzbehörden und der Verwaltung Parks Canada gehabt. Die Informationen, die die einzelnen Stellen gesammelt hätten, seien aber nicht an die Verkehrsbehörde weitergegeben worden. „Es gab niemanden, der eins und eins zusammenzählte“, sagte der TSB-Vorsitzende Yoan Marier.
Um Menschenleben nicht länger „durch übersehene Sicherheitslücken“ zu gefährden, stellte das Transportation Safety Board nun eine Liste mit Empfehlungen vor. Das Verkehrsministerium solle einen Katalog von möglichen Gefahren entwickeln, der es erlaube, auch kommerzielle Schiffe und Boote ohne vorgeschriebene Zertifizierung zu kontrollieren. Zudem plant TSB die Abstimmung zwischen Verkehrsministerium und anderen staatlichen Behörden. Neben einem einheitlichen Sicherheitskonzept für unterschiedliche Besatzungen, wie beispielsweise die der Titan und ihres Begleitschiffes Polar Prince, riet das Transportation Safety Board am Mittwoch auch zur Zertifizierung von Tauchbooten in Kanada nach Vorbild von Ländern wie Japan und den Bahamas. Die Internationale Schifffahrts-Organisation der Vereinten Nationen (IMO) habe zwar einen Leitfaden für Bau und Betrieb bemannter „submersibles“ entwickelt. Das Regelwerk sei aber nicht international bindend, sondern lediglich von einigen Ländern in eigenen, nationalen Gesetzen festgeschrieben worden.
Wie der Abschlussbericht am Mittwoch zeigte, hatte ein Beamter der kanadischen Behörde für Fischerei und Ozeane (DFO) zwei Jahre vor der Implosion einen Tauchgang mit der Titan unternommen. Seine Warnungen über die nicht erfolgte Abnahme des Tauchbootes durch eine Aufsichtsbehörde und den fehlenden Versicherungsschutz bei OceanGate waren damals aber ebenso verpufft wie der Hinweis auf das eher ungewöhnliche Material des Rumpfes.
