Zuletzt hat sich der Trainer Thomas Tuchel an den Teenager Thomas Tuchel erinnert. Wie er im Garten Fußball gespielt, den Kragen hochgestellt und sich vorgestellt hat, er sei Chris Waddle. 1990, während der Weltmeisterschaft in Italien, war das; der Engländer galt damals als einer der besten und trickreichsten Mittelfeldspieler Europas. „Ich habe wie verrückt ferngesehen“, sagte Tuchel zuletzt einmal: „Ich kannte jeden Spieler, ich habe mir ihre Schuhe und ihren Stil angesehen, und das war etwas Magisches.“
Waddle war es, der bei der Niederlage im Halbfinale gegen Deutschland den letzten Elfmeter verschoss. Wieder einmal durchzog die ganze Fußball-Nation das Gefühl des Scheiterns. Seit sechzig Jahren, seit der WM 1966, wartet England auf den nächsten großen Titel. Und nun soll ein Deutscher das Warten beenden.
Es war kein einfacher Start für Tuchel, als er Anfang Januar 2025 seine Arbeit als neuer Nationaltrainer Englands aufgenommen hat. Das Revolverblatt „Daily Mail“ sprach bei seiner Verpflichtung im Oktober 2024 von einem „schwarzen Tag für England“. In seriösen Kreisen wurde diese Polemik schon damals nur milde belächelt, und trotzdem begleitet sie Tuchel seither. Auch deshalb erzählt er gern Geschichten wie jene aus dem Sommer 1990. Geschichten, die ausdrücken sollen, wie sehr er sich dem englischen Fußball schon seit Jahrzehnten verbunden fühlt.
Keine andere Mannschaft hat sich für diese Weltmeisterschaft derart souverän qualifiziert wie England: Acht Spiele, acht Siege, 22:0 Tore. Der englische Fußball-Verband (FA) hat nach dem bereits entscheidenden Spiel gegen Lettland Mitte Oktober des vergangenen Jahres einige Szenen aus der Kabine veröffentlicht.
„Ich könnte nicht stolzer sein, mit euch dahinzufahren“
Wer sie sieht, erlebt einen gelösten Tuchel, der seine Spieler lobt und davon spricht, sich seinen Traum zu erfüllen und zu einer WM zu fahren. „Und ich könnte nicht stolzer sein, mit euch dahinzufahren“, sagt er. Danach klopft er mit den Händen auf einen Metallkoffer.
Wieder einmal zählt England zu den großen Favoriten bei einem Turnier. Gareth Southgate hatte die Mannschaft nacheinander ins WM-Halbfinale 2018, ins EM-Finale 2021, ins WM-Viertelfinale 2022 und ins EM-Finale 2024 geführt. Doch trotz dieser Erfolge war als Nationaltrainer nicht unumstritten.
37 Stunden nach dem Abpfiff des Endspiels gegen Spanien (1:2) machte er mit seinem Rücktritt den Weg frei für Tuchel. „Gareth hat das Unmögliche möglich gemacht und ein starkes Fundament für zukünftige Erfolge gelegt“, sagte Mark Bullingham, Hauptgeschäftsführer des FA, damals. Tuchel sah es anders und sagte, England hätten für den Triumph bei der EM in Deutschland „Hunger“ und „Identität“ gefehlt.

Es fällt schwer, diese Worte nicht als Kritik an seinem Vorgänger zu interpretieren. Der „Guardian“ schrieb danach von einer „vernichtenden Einschätzung“. Die Fallhöhe seines eigenen Projekts verringert Tuchel so nicht. Auch wenn Southgate keine Titel gewonnen hat, so rechnet man ihm in England hoch an, dass er die lange zerklüftete Nationalmannschaft zu einer Einheit geformt hat.
Während früher Rivalitäten zwischen Vereinen die Atmosphäre vergifteten, planschten die Profis unter Southgate vergnügt im Hotelpool. Zudem beeindruckte er viele mit seiner klaren Haltung gegen Rassismus und Diskriminierung. Auch daran wird sich Tuchel messen lassen müssen.
In England ist der 52 Jahre alte Tuchel ein alter Bekannter. Im Januar 2021 wurde er als Trainer des FC Chelsea vorgestellt, der Klub steckte inmitten einer Krise. Ein halbes Jahr später gewann er mit Tuchel die Champions League. Auch deshalb schrieb die BBC in diesen Tagen: „Tuchel gilt als einer der klügsten Köpfe des Sports, als Trainer, der sich bis ins kleinste Detail mit den Spielabläufen auseinandersetzt und über eine besondere Begabung für die Analyse verfügt.“
Taktisch, in dem Punkt sind sich Beobachter weitgehend einig, wird Tuchel die Mannschaft auf einem höheren Niveau coachen als sein Vorgänger Southgate. Emotional aber wirkt die Verbindung des Anhangs zum Nationaltrainer überwiegend kühl.
Großer Pool an Talenten
Kaum eine andere Nation kann aus einem derart großen Pool von Talenten und Stars schöpfen. Umso verblüffter waren viele, als Tuchel seinen WM-Kader bekanntgab und deutlich machte, dass er bereit ist, mit alten Gewohnheiten zu brechen. Nicht die besten Einzelspieler sollen für England auflaufen, er will das bestmögliche Team zusammen haben. Tuchel spricht immer wieder von einer „Bruderschaft“. So mussten unter anderem Trent Alexander-Arnold (Real Madrid), Phil Foden (Manchester City), Cole Palmer (FC Chelsea), Harry Maguire und Luke Shaw (beide Manchester United) zu Hause bleiben.
Dass Maguire seine Nichtnominierung vor der offiziellen Bekanntgabe über die sozialen Medien verbreitete, bestätigte Tuchel in seiner Annahme, dass der Verteidiger sich selbst über das Team stelle. Sogar Maguires Mutter meldete sich zu Wort und bezeichnete Tuchels Vorgehen als „schändlich“ und sich selbst als davon „absolut angewidert“. In den sozialen Medien war der Ton zum Teil sogar noch feindseliger. „Englands wohl am heftigsten diskutierte Kadernominierung seit Jahren hat bekannte Größen außen vor gelassen“, schrieb die „Times“, doch Tuchels „kompromissloser“ und „psychologisch getriebener Ansatz“ könne sich als jener „Geniestreich“ erweisen, den es brauche, um endlich die WM zu gewinnen.
Tuchel scheut sich nicht davor, bei Medien und Funktionären anzuecken, das hat er in seiner Karriere schon öfter bewiesen. Seine Entlassung bei Paris Saint-Germain hatte vor allem damit zu tun, dass er sich mit dem Sportlichen Leiter Leonardo nicht gut verstand. Bei seinem Abschied aus Dortmund im Sommer 2017 stellte die BVB-Geschäftsführung öffentlich seine Team- und Kommunikationsfähigkeit in Zweifel. Der Ruf als angeblicher Kontrollfreak haftet ihm auch in England an, aber noch überwiegt der Glaube an seine besonderen Fähigkeiten.
„Wir haben Spezialisten für alle möglichen Spielsituationen“
England geht unter Tuchel mit einer klaren Hierarchie innerhalb der Mannschaft ins Auftaktspiel gegen Kroatien an diesem Mittwoch (22 Uhr MESZ im F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-WM, im ZDF und bei MagentaTV). Er spricht selbst von 14, 15 Startspielern, der Rest des Kaders kenne seine Aufgabe. „Wir haben Spezialisten für alle möglichen Spielsituationen“, sagt Tuchel.
Beim 3:0-Erfolg im letzten Test vor der WM gegen Costa Rica fiel noch etwas anderes auf: Acht der zehn Feldspieler in der Startformation waren größer als 1,83 Meter. Tuchel setzt bei diesem Turnier also auch auf den Faktor Physis und eine Stärke, die den FC Arsenal in dieser Saison zur Meisterschaft und bis ins Finale der Champions League gebracht hat: Standardsituationen.

Zudem hat Tuchel eine „Leadership“-Gruppe bestimmt, fünf oder sechs Spieler, die bei diesem Turnier vorangehen sollen. Dass Kapitän Harry Kane dazu gehört, ist klar. Wer sonst noch dabei ist, darüber schweigt Tuchel und befeuert damit Diskussionen in der Öffentlichkeit. „Liegt es daran, dass Bellingham nicht dazu gehört?“, fragt etwa der „Telegraph“.
Das Verhältnis zwischen dem Trainer und seinem Spielmacher ist jedenfalls nicht ungetrübt. Tuchel erzählte „Talksport“ einmal, dass seiner Mutter die Theatralik von Jude Bellingham auf dem Platz nicht gefalle. Später entschuldigte er sich dafür. Und doch blieb etwas zurück.
Ob Real-Profi Bellingham oder dessen Freund Morgan Rogers (Aston Villa) gegen Kroatien startet, ist noch immer eine der offenen Fragen vor dem Anpfiff. Wie sehr diese Personalie die Mannschaft beschäftigt, hat zuletzt Jordan Henderson deutlich gemacht, indem er sagte: „Ich weiß, dass in den Medien viel darüber geschrieben wird, und manchmal fällt es mir wirklich schwer, das zu lesen, weil ich weiß, wie groß sein Einfluss auf diese Mannschaft ist.“ Henderson meinte damit Bellingham, in dem er den „X-Faktor“ für England erkennt.
Schon vor der WM hat der englische Verband den Vertrag mit Tuchel bis zur EM 2028 im Vereinigten Königreich verlängert. FA-Chef Bullingham bestätigte am Dienstag jedoch, dass darin eine Klausel verankert ist, die ein vorzeitiges Ende der Zusammenarbeit bei einem vorzeitigen Aus bei dieser WM ermöglicht.
Tuchel will den zweiten Stern auf dem Shirt, den zweiten WM-Titel für England, daran lässt er keinen Zweifel: „Wir wollen die Nation stolz machen“, sagt er. Nie zuvor in der Geschichte von Fußball-Weltmeisterschaften hat ein ausländischer Nationaltrainer den Titel gewonnen. Ein Deutscher soll das in England nun ändern. Ausgerechnet ein Deutscher.
