Was ist das Spiel des Tages?
England gegen Kroatien (22 Uhr, ZDF). Kleines Land, große Kunst: Die Kroaten waren die Überperformer der beiden vergangenen Turniere. In Moskau wurden sie Zweiter, in Katar Dritter, beide Male verloren sie gegen das Team, das danach Weltmeister wurde. Doch es gibt Zweifel, ob die alten Herren es noch in den Knochen haben. Ivan Perišić (37 Jahre), Luka Modrić (40) und Mateo Kovačić (32) bilden weiterhin den Kern der Mannschaft, bei der EM 2024 schieden sie in der Vorrunde aus (und verloren natürlich gegen den späteren Europameister). Sollte Kroatien heute verlieren, dürfte England darin ein Zeichen sehen. Für Thomas Tuchel beginnt eine spannende Mission. Makellos und ohne Gegentor schritt der englische Nationalcoach durch die WM-Qualifikation, für seinen WM-Kader traf er einige mutige Entscheidungen. Nun soll er als Deutscher England zum ersehnten WM-Titel führen. Nicht mal Shakespeare hätte einen besseren Spannungsbogen in einen Satz packen können. Frage natürlich ans ZEIT-Publikum: Wird das eher Othello oder Hamlet?
Wer wird heute wichtig?
Leo-Muster. Das ziert die Taschen und Anzüge der Spieler aus der Demokratischen Republik Kongo. Spitzname des Teams, Sie ahnen es: die Leoparden. Der Ausbruch des Ebolavirus überschattete zwar die Vorbereitung der Spieler, die in zweiwöchige Quarantäne mussten, und bestimmt auch das Leben ihrer vielen Fans zu Hause. Außerdem hat die Mannschaft ihre Stärken eher im Toreverhindern als im -erzielen. Aber rechnen Sie trotzdem mit einem Spektakel, und zwar auf den Rängen. Kongolesische Fankultur gründet sich auf Tanz und Musik, Kostüme und Rhythmen spielen eine zentrale Rolle. Ist ihre Hüfte gerade ein bisschen steif? Geben Sie bei YouTube »Congo«, »Fans«, »Dancing« ein, stehen Sie auf und machen Sie mit. Ihre Physiotherapeutin wird Ihnen dankbar sein. Nur einer wird wie immer 90 Minuten regungslos auf der Tribüne stehen: Michel Kuka Mboladinga. Er erinnert damit an den ersten demokratisch gewählten Präsidenten des Landes, Patrice Lumumba, der 1961 erschossen wurde.
Kennen Sie den schon?
Jaloliddin Masharipov (Usbekistan). Interessanter als seine Passquote für Esteghlal Teheran in der abgelaufenen asiatischen Champions-League-Saison (83,8 Prozent) scheint mir seine kulturverbindende Rolle zu sein. Als Cristiano Ronaldo 2023 nach Saudi-Arabien zu Al-Nassr wechselte, erkannte Masharipov als Erster das Problem mit dem Star aus dem alten Europa. Freiwillig überließ er Ronaldo die Rückennummer 7, die bis dahin er selbst trug. Ronaldo hatte bei seinem Ankommen in der neuen Heimat ein großes Problem weniger und der usbekische Linksaußen nennt ihn seitdem seinen Freund. Hach, es kann so einfach sein.
Was machen die Deutschen?
Hinter Plexiglas sitzen. Schreibt zumindest unser WM-Reporter Christian Spiller:
Im Stadion von Los Angeles dürfen nur TV-Kommentatoren auf die gewöhnliche Pressetribüne. Wer schreibt, wie ich, muss in die sogenannte Press Box. Die darf man sich wie einen Konferenzraum mit Stadionblick vorstellen. Zugegeben: Man sitzt bequem und klimatisiert, hat Platz – aber eben auch eine Plexiglasscheibe vor der Nase. Die Gesänge der Fans, die Geräusche des Spiels, all das, was wir unter Stadionatmosphäre verstehen und was einen nicht unbeträchtlichen Teil des Spiels ausmacht, kann man nur erahnen. Im US-Sport ist das wohl üblich, die dortigen Journalisten schätzen die Ruhe, um sich bei ihren vielen Statistiken nicht zu vertun. Ich frage mich: Wer hat jetzt die Scheibe?
