Vielleicht war es der Mut der Verzweiflung, der Kongos Sportminister am Sonntag zu ein paar bemerkenswerten Sätzen verleitete. Ein gutes Gespür für die Realität steckte jedenfalls kaum hinter den Gedanken von Didier Budimbu. „Wenn man in einen Wettbewerb geht, tut man das nicht aus Spaß oder nur, um dabei zu sein. Das Ziel ist es, den Pokal zu gewinnen“, sagte der Politiker vor dem WM-Auftakt der „Leoparden“ gegen Portugal am Mittwochabend (19 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-WM, im ZDF und bei MagentaTV). Und er machte explizit deutlich, wie ernst er das meinte: „Ich weiß, dass es nicht einfach ist; es gibt viele Skeptiker, aber ich bin sehr optimistisch, weil ich Vertrauen – ja festen Glauben – in unsere Mannschaft habe.“
Schon unter normalen Umständen wären diese Aussagen gewagt – die Demokratische Republik Kongo zählt nicht zu den Giganten des afrikanischen Fußballs. Vor 52 Jahren war das Land zuletzt bei einer WM dabei, damals noch als Zaire. Es folgten lange Jahrzehnte, die von Kriegen und Konflikten geprägt waren. Den Afrika-Cup gewann die Nation zuletzt 1974. Vor allem jedoch hat wohl keine Nation eine ähnlich schwierige Turniervorbereitung bewältigen müssen.
21 Tage in einer „Bubble“
Die Angehörigen des Teams aus Kongo waren aufgrund des Ebola-Ausbruchs in ihrer westafrikanischen Heimat gezwungen, einen organisatorischen Kraftakt zu bewältigen, eine Zeit voller Ungewissheit. Sogar die WM-Teilnahme war zwischenzeitlich in Gefahr geraten. Menschen aus der DR Kongo dürfen nämlich nur dann in die Vereinigten Staaten einreisen, wenn sie sich zuvor 21 Tage lang in einer „Bubble“ außerhalb des Heimatlandes aufgehalten haben, um sicherzustellen, dass niemand das tödliche Virus einschleppt.

Zwar waren weder die Spieler noch der Trainer Sébastien Desabre zuvor in Kongo gewesen, Ausnahmen aber gab es nicht. Obwohl der Ausbruch derzeit auf die Provinz Ituri im Nordosten des Landes beschränkt ist, mehrere Tausend Kilometer entfernt von der Hauptstadt Kinshasa, wurde das dort geplante Trainingslager nach Belgien verlegt. Aber auch in Europa gab es Probleme. Die Austragung eines Testspiels gegen Chile, das in der spanischen Stadt La Línea stattfinden sollte, wurde vom dortigen Bürgermeister aus „gesundheitlicher Vorsicht“ untersagt.
Immer wieder musste umgeplant werden, überall, wo die Mannschaft hinwollte, wurden Gesetze und Bestimmungen geprüft. Experten sagen, dass die Ansteckungsgefahr unter Beachtung gewisser Vorsichtsmaßnahmen äußerst gering ist, das Virus wird nicht durch Tröpfchen, sondern durch direkten Kontakt mit Infizierten oder Verstorbenen übertragen. Zudem versicherte der nationale Fußballverband, dass „alle nominierten Spieler sowie ein Großteil des Trainerstabs in Europa leben und spielen“, weshalb „kein Grund zur Sorge hinsichtlich einer möglichen Infektion“ bestehe. Immerhin durfte die Mannschaft den Test gegen Chile ohne Publikum in der französischen Stadt Orléans austragen. Sie verlor 1:2.
Trainer Desabre versucht, ein Gefühl der Normalität zu verbreiten. „Das Trainingslager ist ganz normal. Alle Spieler kamen aus Europa, die Betreuer haben die Reise-Richtlinien befolgt“, sagte er vor der Abreise in die USA. In Lüttich konnten sie sogar vor Zuschauern gegen Dänemark testen, das Team erkämpfte ein 0:0. Auch die Einreise in die Vereinigten Staaten habe nach den Schwierigkeiten der Vorbereitung am Ende gut funktioniert. „Alle sind durchgekommen, niemandem wurde die Einreise verweigert“, sagte der Verteidiger Aaron Wan-Bissaka von West Ham United. Schon das scheint ein Erfolg zu sein.
Immerhin dürfen einige Fans ins Stadion kommen
Damit sind aber noch nicht alle Probleme gelöst. Sollte Kongo auf dem zweiten Platz in Gruppe K landen, stünde ein Ausflug nach Toronto an. In Kanada dürfen Menschen aus Kongo jedoch nur einreisen, wenn sie sich drei Monate lang nicht in ihrem Heimatland aufgehalten haben. Noch ist nicht öffentlich bekannt, wie viele Mitglieder der Delegation davon betroffen wären.
Laut einem Bericht der kongolesischen Zeitung „Actualité“ können aber immerhin die „Einheizer“, einige Anhänger, die als Kultfiguren der kongolesischen Fankultur beschrieben werden, zum zweiten Gruppenspiel in die USA kommen. Nicht zuletzt dank Hilfe ihrer Regierung sitzen sie gerade in Brüssel ihre Quarantänetage ab und werden dann zum Duell gegen Kolumbien alle Voraussetzungen für die Einreise erfüllt haben. Viele andere Fans müssen hingegen zu Hause bleiben und hoffen darauf, dass die FIFA ihre Tickets zurücknimmt. Der Weltverband teilte gegenüber der F.A.Z. dazu lediglich mit, „dass Tickets über den offiziellen FIFA-Wiederverkaufsmarktplatz zum Wiederverkauf (…) angeboten werden können“. Alles Weitere müsse noch besprochen werden.
Welche Folgen diese Umstände sportlich haben werden, ist noch offen, aber es droht eine zweite sehr unglückliche WM für die afrikanische Nation. Schon die erste WM-Teilnahme 1974 war zu einem schlimmen Erlebnis geworden. Die Mannschaft verlor damals gegen Schottland (0:2), Jugoslawien (0:9) und Brasilien (0:3) und drohte vor der zweiten Partie aufgrund ausbleibender Prämienzahlungen mit einem Streik, den die FIFA schließlich durch eine Einmalzahlung von 3000 Mark pro Spieler abwendete.
Der damalige Trainer Blagoje Vidinic berichtete später von einem Telefonat mit dem Diktator Mobutu Sese Seko, der gesagt habe: „Wenn ihr nicht antretet, braucht ihr nicht nach Kinshasa zurückzukehren, weil eure Familien nicht mehr da sein werden.“ Als die Spieler dann nach drei Niederlagen wieder in Kongo waren, wurden sie mit einem Ausreiseverbot bestraft, das erst viele Jahre später aufgehoben wurde. Im Vergleich dazu erscheinen die Ebola-Maßnahmen tatsächlich harmlos.
